Neuer EZB-Chef

Draghi muss sich als "Super Mario" erst beweisen

Führungswechsel bei der Europäischen Zentralbank (EZB): Der Italiener Mario Draghi hat am Dienstag sein Amt als EZB-Präsident angetreten – und bekommt pünktlich zu Dienstbeginn eine unerwartete Last auf den Schreibtisch.

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Der Italiener Mario Draghi hat am Dienstag den Vorsitz der Europäischen Zentralbank übernommen. Als EZB-Präsident muss er im Ringen mit den europäischen Regierungen festlegen, wie weit die Bank gehen will, um verschuldete Staaten zu retten. Wie sein Vorgänger Jean-Claude Trichet hat Draghi die manchmal unpopuläre Politik der EZB, die Bekämpfung der Inflation in den Mittelpunkt zu stellen, stets verteidigt.

Als souverän, fachlich exzellent und vor allem als anti-berlusconisch zurückhaltend wird der Italiener Mario Draghi schon lange gelobt. Dass er neuer Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) werden soll, wurde Ende April klar, als sich Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy öffentlich hinter den 63-jährigen Römer stellte. Zuvor war der deutsche Kandidat Axel Weber ausgefallen. Er trat als Präsident der Bundesbank zurück, weil er die Käufe von Staatsanleihen durch die EZB strikt ablehnte. Am Dienstag folgt Draghi nun dem Franzosen Jean-Claude Trichet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte ursprünglich gezögert, aus Angst, ein italienischer EZB-Chef sei dem eigenen Wahlvolk nicht zu vermitteln. Doch als die „Bild“-Zeitung Draghi mit einer deutschen Pickelhaube porträtierte und als Garant der Stabilität lobte, lenkte Merkel öffentlich ein. Viel Arbeit liegt vor ihm: Die Statistiker erwarten für Oktober 3,0 Prozent Teuerung in der Eurozone. Die Zielmarke liegt knapp unter 2,0 Prozent.

Und tatsächlich bekommt der neue „Mister Euro“ pünktlich zum Amtsantritt eine unerwartete Last auf den Schreibtisch: Wenige Stunden vor Mario Draghis Amtsantritt als EZB-Präsident am Dienstag verkündete der griechische Regierungschef Giorgos Papandreou völlig überraschend, das Volk solle über weitere Milliardenhilfen für sein Land abstimmen. Das nährt die Sorge, die Rettung des kleinen Euro-Landes könnte doch noch scheitern – und stellt die Europäische Zentralbank (EZB) einmal mehr vor die Frage, welchen Kurs sie zur Rettung der Gemeinschaftswährung in den nächsten Monaten einschlägt.

„Der Beste, den wir haben“

Egal, wie sich Draghis Start gestalten wird, aus Brüsseler Sicht erschien das deutsche Gezerre um die Nationalität des künftigen EZB-Chefs arrogant bis lächerlich. Als ob Deutschland das einzige Land mit Menschen von geldpolitischem Sachverstand sei. Als ob nach dem Rückzug Webers noch ein Kandidat von annähernd vergleichbarem Format zur Hand gewesen wäre.

Draghi, sagt ein EU-Diplomat, sei „schlicht der Beste, den Europa hat“. Und als geldpolitischer Falke, der wachsam auf die Inflation blickt, teilt er auch Webers Position, wenn auch vielleicht nicht die strikte Ablehnung der Anleihekäufe. Ob die weitergehen, muss sich noch zeigen. Jedenfalls bietet der G-20-Gipfel in Cannes am Donnerstag und Freitag Gelegenheit, sich dort vorzustellen, wo Draghi noch nicht bekannt ist.

Der Weg als Notenbanker scheint dem eleganten Mann mit strengem Blick und schmalen Lippen in die Wiege gelegt. Schon der Vater arbeitete in der Banca d' Italia, dem Pendant zur Deutschen Bundesbank. Die Karriere von Mario Draghi ist wie aus dem Bilderbuch: Er studierte in Rom, promovierte am Massachusetts Institute of Technology (MIT), lehrte als Finanzprofessor in Florenz. Mit 37 Jahren wurde er als Exekutivdirektor zur Weltbank nach Washington geschickt, mit 42 Jahren zum Chefberater ins Finanzministerium zurück nach Rom berufen. Unter stetig wechselnden Regierungen arbeitete er an der Sanierung des maroden Staatshaushaltes, um Italien bis 1999 fit für den Euro zu machen.

2002 wechselte Draghi in die Spitze der Investmentbank Goldman Sachs. Sarkozy mäkelte über diesen Ausflug in die Privatwirtschaft. Doch viele Experten sehen es gerade als Trumpf an, dass Draghi drei Jahre lang diese Erfahrungen sammelte. Welcher Geldpolitiker kann dies schon vorweisen?

Keinen Sinn für faule Kompromisse

Als die italienische Notenbank 2005 von Skandalen erschüttert wird, kam Draghi als Retter zurück – und brachte die Banca d'Italia binnen Monaten wieder auf Kurs. Rücksicht auf die politischen Befindlichkeiten im Berlusconi-Land nimmt er nicht, im Gegenteil.

Nicht erst seit der Finanz- und Schuldenkrise ist Draghi ein unbequemer Mahner solider Haushaltspolitik. Im Gouverneursrat der EZB, dem er als italienischer Notenbankchef angehörte, galt er als eines der rigorosesten und selbstbewusstesten Mitglieder. Es mache „keinen Sinn, lange drum herum zu reden und Kompromisse zu machen, wenn es nur eine Lösung gibt“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einmal.

Und die Lösung, die Draghi für die Schuldenkrise im Euroraum sieht, liegt dicht bei den Vorstellungen Merkels. Scharfe EU-Haushaltsregeln, die der politischen Einflussnahme so weit wie möglich entzogen sind. Einen Rettungsmechanismus, „ohne dass alle anderen Länder automatisch die Rechnung bezahlen“. Und harte Strukturreformen, damit die Wackelkandidaten wieder wirtschaftlichen Anschluss finden. Mit Blick auf sein eigenes Land sagte der Italiener: „Wir müssten alle dem Beispiel Deutschlands folgen.“ In diesem Sinne schrieb er bereits im Sommer einen mahnenden Brief an seinen Regierungschef Silvio Berlusconi, zusammen mit Trichet.

Kein Mantel überm Maßanzug

Dass Draghi also der richtige Mann für die Nachfolge Trichet ist, daran gibt es kaum mehr berechtigte Zweifel. Im Gegenteil könnte sich gerade seine Herkunft als Vorteil erweisen, um die Reihen bei der Stärkung der Währungsunion zu schließen, wenn ein verbündeter „Südländer“ im Frankfurter EZB-Turm sitzt.

Höhenangst jedenfalls kennt Draghi nicht. Zu den raren Informationen über sein Privatleben zählt, dass er verheiratet ist, zwei Kinder und Enkel hat. Dass er höchst ungern einen Mantel über seine Maßanzüge zieht. Und dass er gerne Berggipfel erklimmt.