HRE-Panne

Schäuble sucht Schuldigen für Milliardenfehler

Die Suche nach dem Verantwortlichen für die Bilanzpanne bei der HRE läuft mit Nachdruck. Der Finanzminister gibt der Prüfungsgesellschaft PwC die Schuld.

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Angesichts der milliardenschweren Buchungspanne bei der Bad Bank der verstaatlichten Hypo Real Estate geraten vor allem die beteiligten Wirtschaftsprüfer immer heftiger in die Kritik.

Das Bundesfinanzministerium wies jede Verantwortung für die Falschbuchung von 55,5 Milliarden Euro zurück und verwies stattdessen auf die Prüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PwC), die die Abschlüsse der Bad Bank FMS Wertmanagement (FMSW) kontrolliert. „Wir hatten einen testierten Jahresabschluss 2010, der gesagt hat, es ist alles gut“, erklärte das Ministerium. Für die Aufstellung der Bilanz seien die Gesellschaft selbst und ihr Wirtschaftsprüfer verantwortlich.

Bei PwC sieht man jedoch ebenfalls keine eigenen Versäumnisse. Im Jahresabschluss 2010 der FMS Wertmanagement habe es zunächst keine Anhaltspunkte für Fehler gegeben, teilte PwC mit.

Erst mit dem Halbjahresabschluss zum 30. Juni 2011 sei aufgefallen, dass Forderungen und Verbindlichkeiten aus Derivategeschäften gegenüber demselben Vertragspartner nicht miteinander verrechnet worden seien. Anzeichen für Fehler der FMSW-Prüfer gebe es nicht, weshalb personelle Konsequenzen bei PwC derzeit auch kein Thema seien, heißt es im Umfeld der Prüfer.

Gleichzeitig wurden neue Vorwürfe gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG laut. Als Abschlussprüfer der aus der HRE hervorgegangenen Deutschen Pfandbriefbank (pbb) dürfte KPMG zumindest eine Mitschuld an der Buchungspanne treffen, sagten mehrere Wirtschaftsprüfer Morgenpost Online.

Die pbb übernimmt im Rahmen eines Dienstleistungsvertrages weite Teile der Buchhaltung für die FMSW. Auf die von der pbb zugelieferten Zahlen dürften sich die FMSW und ihr Abschlussprüfer PricewaterhouseCoopers verlassen haben, hieß es. KPMG soll einen ordnungsgemäßen Ablauf der Buchungen bei der pbb Gerüchten zufolge sogar bestätigt haben.

Wirtschaftsprüfer stehen in der Kritik

KPMG weist diese Anschuldigungen allerdings scharf zurück. „KPMG hat nichts zu tun mit Buchführungsdienstleistungen, die für die FMS Wertmanagement von Dritten erbracht wurden“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage Morgenpost Online. PwC hatte zuvor ausdrücklich darauf hingewiesen, dass wesentliche Teile der Buchführung der FMSW ausgelagert seien und man sich bei der Prüfung auch auf „Bestätigungen Dritter“ gestützt habe. Detaillierter wollte sich PwC dazu nicht äußern.

Auch aus dem Parlament wurde Kritik an den Wirtschaftsprüfern laut. Ihre Rolle bei dem Rechenfehler müsse aufgeklärt werden, forderte Unionsfraktionsvize Michael Meister. „Ein Fehler in dieser Größenordnung hätte auffallen müssen.“ Der SPD-Fraktionsvize Joachim Poß kritisierte, „dass hier hoch bezahlte Banker und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft offensichtlich versagt haben“.

Pbb und FMSW wollten den Vorgang nicht weiter kommentieren. In Bankkreisen spricht man von einer Schlammschlacht um die Verantwortung für die Buchungspanne, die die Verschuldungsquote der Bundesrepublik Deutschland über Nacht um mehr als zwei Prozentpunkte sinken ließ. „Gegenseitige Schuldzuweisungen sind derzeit wenig hilfreich, es braucht weitere Aufklärung“, hieß es.

Das Finanzministerium macht bereits Druck bei der Aufarbeitung. Für Montagnachmittag war eine Telefonkonferenz mit Vertretern von pbb, FMSW, PwC und der Finanzmarktstabilisierungsanstalt anberaumt. Am Mittwoch sollte ein Treffen folgen. „Wir machen mit Hochdruck die Sachaufklärung, wir nehmen die Sache sehr, sehr ernst“, sagte Schäubles Sprecher.

Opposition greift Regierung an

Die Opposition nutzt die Panne bereits für Angriffe auf Schäuble selbst: Die Bundesregierung schaue offenbar bei Milliardenbeträgen nicht mehr so genau hin. Gerechnet werde in Zeiten der Euro-Rettung nur noch in Billionen. SPD-Fraktionsvize Joachim Poß erklärte, Schäuble müsse „sicherstellen, dass sein federführendes Haus voll arbeitsfähig ist“.

Koalitionspolitiker versuchten, Schäuble aus der Schusslinie zu nehmen. „Das färbt in keinster Weise auf den Minister ab“, sagte CDU-Finanzexperte Meister der „Rheinischen Post“. „Er muss nun aber rückhaltlos aufklären, wie und warum das passieren konnte.“

Schäuble muss sich jedenfalls die Frage gefallen lassen, warum er die Öffentlichkeit erst spät informierte. Das Finanzministerium wurde nach eigenen Angaben bereits am 4. Oktober über „einen eventuellen Korrekturbedarf in Milliardenhöhe“ unterrichtet. Endgültige Zahlen hätten dann am 11. Oktober vorgelegen, zwei Tage später sei die EU-Statistikbehörde Eurostat unterrichtet worden.

Am 21. Oktober wollte das Ministerium den zuständigen Kontrollausschuss des Bundestages informieren. Doch die Sitzung fiel wegen der Regierungserklärung zum Euro-Gipfel aus. Die neun Abgeordneten wurden mündlich unterrichtet – am selben Tag wurde die Panne auch öffentlich bekannt.