Rechenfehler

Banken verstehen ihre eigenen Bilanzen nicht

Durch gezielte Lobbyarbeit haben sich Banken große Spielräume erkämpft. Für Bankbilanzen muss es aber wieder ein enge Regularien geben.

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Eigentlich besteht kein Grund zur Aufregung: Dass sich die Bad Bank der Hypo Real Estate mal kurz um 55 Milliarden Euro verrechnet hat , verkürzt nur die Bilanzsumme. Am realen Verlust ändert sich dadurch nichts. So weit, so belanglos.

Doch das Bedenkliche des Vorgangs liegt an einer ganz anderen Stelle: Man wird den Eindruck nicht los, dass die Finanzindustrie die eigenen Bilanzen nicht versteht. Und da ist die Abwicklungsanstalt – die im Übrigen keine Bank, sondern eine Einrichtung öffentlichen Rechts ist – keine Ausnahme.

Überraschungen sind Folge von gezieltem Lobbying

Erst kürzlich überraschte die österreichische Erste Group ihre Investoren mit einem über fünf Milliarden Euro schweren Portfolio an Kreditderviaten. Bei einem so bodenständigen Sparkassenspitzeninstitut hatte damit niemand gerechnet.

Aufgefallen war dieses Portfolio durch eine Klarstellung der internationalen Rechnungslegungsvorschriften: Plötzlich musste die Bank die Papiere zu Marktwerten buchen – zuvor schlummerten diese trotz erheblicher Kursverluste zum Kaufpreis in den Büchern.

Überraschungen dieser Art sind Folge von gezieltem Lobbying: Indem sich die Banken immer größere Spielräume bei der Bilanzierung erkämpft haben, fiel es ihnen zunehmend leichter, unliebsame Posten in der Bilanz zu verstecken. Und indem Finanzinnovationen immer komplexer wurden, ließ sich das Geschäft von der Aufsicht immer schlechter kontrollieren.

Weht ein rauer Wind, bricht der Interbankenhandel zusammen

Das erschütternde ist, dass die Branche längst selbst erkannt hat, welcher Fluch in ihrem eigenen Lobbyarbeit liegt: So sagte jüngst ein deutscher Bankvorstand, dass die Bilanzen so undurchschaubar seien, dass man die quartalsmäßige Übungen auch gleich sein lassen könne.

Auch wenn in diesem Satz ein gewisser Sarkasmus mitschwingt, so wirft er doch ein Schlaglicht auf die aktuelle Krise: Wenn selbst Banker ihre Bilanzen nicht mehr nachvollziehen können, ist es kein Wunder, wenn sie sich nicht mehr über den Weg trauen. Sobald ein rauer Wind weht – wie in der europäischen Schuldenkrise – bricht der Interbankenmarkt zusammen: Die Institute leihen sich gegenseitig kein Geld mehr und verschärfen das Problem.

Die Regulatoren müssten sich umgehend an die Arbeit machen und Finanzprodukte wieder auf den Boden zurück holen: Finanzprodukte müssen einfacher werden, für Bankbilanzen muss es ein enges Korsett geben. Auch das würde Vertrauen in die Banken zurückbringen – und es wäre wesentlich billiger als die milliardenschwere Rekapitalisierung , die derzeit vorangetrieben wird.