Griechenlands Schulden

Nobelpreisträger Selten empfiehlt "kräftigen Schnitt"

Top-Ökonomen sprechen sich für eine Umschuldung in Griechenland aus. Auch für die Banken-Krise haben sie einen Lösungsvorschlag.

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Die Forderung nach einem Schuldenschnitt i m kriselnden Griechenland wird von Experten immer häufiger erhoben. "Eine Umschuldung Griechenlands mit einer Quote von 50 Prozent oder mehr unter privater Beteiligung ist dringend erforderlich", sagte der deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger Reinhard Selten der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Er begrüße es, dass sich die europäische Politik und die schwarz-gelbe Koalition in Richtung eines "kräftigen Schnitts" bewegten.

Zudem rät Selten zu einer Trennung von allgemeinen Bankaufgaben und Investmentbanking. "Das war früher so und hat sich bewährt", sagte der Nobelpreisträger von 1994. Der scheidende EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark bekräftigte dagegen seine Ablehnung einer Staatspleite Griechenlands und warnte erneut vor den Folgen eines solchen Schritts. "Sowohl ein Schuldenschnitt als auch eine Insolvenz Griechenlands würden für den europäischen Steuerzahler noch teurer werden, als der bisher eingeschlagene Weg", sagte Stark den "VDI-Nachrichten".

"Wir als EZB haben vor einem Schuldenschnitt gewarnt. Wir warnen vor einer Pleite und auch vor einer zwangsweisen Einbeziehung des Privatsektors." Der Präsident der in London ansässigen Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Osteuropabank), der Deutsche Thomas Mirow, forderte dagegen einen sofortigen Schuldenschnitt für Griechenland. Begleitet sein müsse er von einem "vernünftigen und realistischen Programm für Griechenland, damit dort wieder Wachstum entstehen kann", sagte Mirow der Würzburger "Main-Post".

Darüber hinaus müssten die griechischen Banken rekapitalisiert werden, damit sie handlungsfähig blieben. Auch bei anderen europäischen Banken könnten Kapitalzuführungen nötig sein, das werde der Stresstest zeigen. Die Pläne für eine bessere Kapitalausstattung europäischer Banken könnten einem Zeitungsbericht zufolge jedoch hinter den Erwartungen der Märkte zurückbleiben.

Wie die britische "Financial Times" berichtete, wird nach neuesten EU-Schätzungen der Finanzbedarf in den kommenden sechs bis neun Monaten auf weniger als 100 Milliarden Euro geschätzt. Ein von der Europäischen Bankaufsichtsbehörde durchgeführter Notstresstest ergab dem Blatt zufolge einen Kapitalbedarf zwischen 70 Milliarden und 90 Milliarden Euro. Die Zeitung berief sich auf zwei mit dem Belastungstest vertraute Personen. Der Plan solle am Wochenende verabschiedet werden. Dann treffen sich die Staats- und Regierungschefs der EU, um über die Schuldenkrise zu beraten.

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