Bankenregulierung

Europa droht eine riesige Kreditklemme

Banker warnen vor dramatischen Folgen schärferer Kapitalregeln. Vor allem die Deutsche Bank will auf gar keinen Fall Staatshilfe annehmen.

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Der Bankmanager gilt sonst als eher ruhiger Vertreter seiner Zunft, ein seriöser Umgangston gehört für ihn zum Geschäft. Doch wer in diesen Tagen mit ihm spricht, erlebt einen Mann in Rage. „Ohne Sinn und Verstand wird derzeit bei den Banken eingegriffen“, echauffiert sich der Vorstand einer größeren deutschen Bank. „Ich weiß nicht, was diese Leute treibt.“

„Diese Leute“, das sind die maßgeblichen Regierungspolitiker in Berlin und anderen Hauptstädten der Euro-Länder. Sie sind entschlossen, dickere Kapitalpolster für Europas Banken vorzuschreiben – und nötigenfalls Steuergelder einzusetzen. Und das versetzt viele Banker in große Sorge.

Die Idee hinter den Kapitalspritzen: Europas Banken sollen widerstandsfähiger werden, um einen Schuldenschnitt für Griechenland und weitere Verwerfungen im Zuge der Euro-Krise verkraften zu können. Doch was die Banken eigentlich stärken soll, könnte in den Augen der Kritiker gerade das Gegenteil erreichen: Sie sehen die Banken der Euro-Zone im internationalen Wettbewerb hoffnungslos untergehen und fürchten obendrein eine Kreditklemme.

Was Banker fürchten

Ausgangspunkt der Debatte sind die Pläne der EU-Regierungen, die Gläubiger Griechenlands stärker zur Kasse zu bitten als bisher geplant. Sie sollen auf einen größeren Anteil ihrer Forderungen verzichten müssen als die 21 Prozent, die im Juli mit dem internationalen Bankenverband IIF ausgehandelt worden waren. Insbesondere französische Banken könnten damit überfordert sein.

Präsident Nicolas Sarkozy wolle nun aber um jeden Preis verhindern, dass dies allein als Problem der Franzosen wahrgenommen werde, sagt ein hochrangiger Frankfurter Banker. „Statt einfach in Frankreich einen Rettungsfonds aufzulegen wie den deutschen SoFFin, will er das deshalb aus rein nationalen Motiven zum Thema aller Banken machen.“ Die EU-Kommission hat vergangene Woche vorgeschlagen, von den Banken bereits in sechs bis neun Monaten eine so genannte harte Kernkapitalquote von neun Prozent einzufordern. Es gilt in Regierungskreisen als wahrscheinlich, dass diese Quote auf dem EU-Gipfel am Wochenende beschlossen wird.

Ein hochrangiger Bankmanager hält die Diskussion für reine Panikmache: „Die Diskussion ist völlig übertrieben. Der Kapitalbedarf der Banken wird künstlich hochgerechnet. Die Institute haben doch schon jetzt viel höheres und hochwertigeres Kapital als vor ein paar Jahren.“

Seiner Einschätzung nach könnten die Banken eine Umschuldung Griechenlands leicht verkraften – auch wenn es zu einem wesentlich höheren Abschlag als den bisher vorgesehenen 21 Prozent kommen würde. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hatte bereits vergangene Woche betont, sein Haus brauche kein zusätzliches Eigenkapital. Am Dienstag legte auch Commerzbank-Vorstand Markus Beumer nach: „Es gibt keine Kapitallücke“, sagte er.

Das Problem der beiden großen Banken: Sie bekämen an der Börse derzeit allenfalls zu schlechten Konditionen Geld, weil ihre Aktien weiter unter ihrem Buchwert gehandelt werden. Die Alternative Staatsgeld scheuen die Banken noch mehr. Schließlich hatte sich die Commerzbank erst im Sommer von einem Großteil der einst 18 Milliarden Euro an staatlichem Kapital befreit. Und für die Deutsche Bank könnte ein Einstieg des Steuerzahlers das gesamte Geschäftsmodell infrage stellen: „Wenn sie ihren Top-Bankern nur noch 500.000 Euro pro Jahr zahlen dürfte, fliegt ihr das Investmentbanking auseinander“, sagt ein Kenner des Hauses.

Profitieren würden amerikanische und britische Konkurrenten, die die Regulierung der Euro-Zone nicht trifft. „Natürlich ist die Forderung nach neun Prozent Kernkapital ein Wettbewerbsnachteil gegenüber den US-Instituten“, sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim. „Wir tun dem deutschen Bankensystem keinen Gefallen.“

Möglicherweise sei es auch ganz im Sinne der französischen Banken, den deutschen Konkurrenten zu schwächen, mutmaßt man in Frankfurt. „Und auch in Berlin würde es vielleicht manchem Politiker ganz gut passen, die Deutsche Bank so an die Kandare nehmen zu können.“

Es gilt daher als ausgemacht, dass die Deutsche Bank und auch andere Kreditinstitute alles unternehmen würden, um Staatshilfen zu vermeiden. Um mit dem vorhandenen Eigenkapital auszukommen, müsste man das Geschäftsvolumen erheblich reduzieren. „Das ist heller Wahnsinn“, sagt der Aufsichtsratschef einer großen Bank. „Wer soll den Unternehmen noch Kredite geben – und wer künftig Staatsanleihen kaufen?“

Was Experten dagegenhalten

Andere Branchenexperten sehen zwar durchaus diese Nachteile – unterstützen die Forderung der Politik nach höheren Eigenkapitalquoten aber dennoch, selbst wenn damit im Extremfall eine staatliche Zwangskapitalisierung einhergeht. „Letztlich ist es billiger und wirtschaftlicher, das Bankensystem zu stützen, als ganze Staaten zu stabilisieren“, sagt der Münchener Bankenprofessor Christoph Kaserer.

Letzteres sei ohnehin nicht mehr machbar, falls ein großes Land wie Italien ins Wanken gerate. „Die Rekapitalisierung der Banken ist inzwischen unvermeidlich“, sagt auch Siegfried Jaschinski, Vorstand der Frankfurter Bank MainFirst und früherer Chef der Landesbank Baden-Württemberg. „Es braucht ein starkes Signal, dass der europäische Bankensektor selbst dann sicher ist, wenn Griechenland oder andere Krisenstaaten ausfallen sollten.“ Zwar gebe es einzelne Banken, die objektiv kein Kapital bräuchten. „Aber am Markt besteht ein Misstrauen, das teilweise unterschiedslos alle europäischen Banken trifft. Viele amerikanische Geldmarktfonds geben Euro-Banken überhaupt kein Geld mehr“, sagt Jaschinski.

Auch die europäischen Banken leihen sich gegenseitig immer weniger Mittel und parken das Geld lieber zu Niedrigzinsen bei der Zentralbank. „Diesem Problem können sich auch deutsche Banken nicht entziehen“, sagt Jaschinski, der bei MainFirst mit institutionellen Investoren zusammenarbeitet und derzeit eine große Skepsis gegenüber Geldanlagen in der Euro-Zone erlebt.

Die Sorge vor Wettbewerbsnachteilen halten manche der Experten für übertrieben, schließlich zeichne sich auch in den USA und Großbritannien eine strengere Regulierung ab. Große Sorgen bereitet aber die Gefahr knapper Kredite. „Man muss aufpassen, dass man es bei den Eigenkapitalanforderungen nicht übertreibt, sonst droht eine gravierende Kreditklemme“, warnt Bankvorstand Jaschinski, der ebenfalls überzeugt ist, dass die Banken lieber ihr Geschäftsvolumen schrumpfen werden, als Staatshilfe anzunehmen.

„Deshalb darf man jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten – vielleicht wäre die richtige Kernkapitalquote eher sieben oder acht Prozent als die jetzt diskutierten neun Prozent“, sagt Jaschinski. Allerdings könnte damit das Ziel verfehlt werden, die Zweifel an den Banken zu zerstreuen.

Dafür sei allerdings auch entscheidend, für wie wahrscheinlich die Investoren ein Überschwappen der griechischen Probleme auf andere Euro-Staaten hielten, sagt Jaschinski. „Je glaubwürdiger die Lösung für Griechenland und die anderen Krisenstaaten gestaltet wird, desto niedriger kann die verschärfte Eigenkapitalquote für die Banken ausfallen.“