Langsameres Wachstum

Chinas Wirtschaft - Schwächeln im Boom-Land

Chinas Wirtschaft wächst langsamer, aber immer noch deutlich stärker als die in den meisten anderen Ländern. Die Regierung in Peking gibt sich zufrieden. Aber die Anleger sind enttäuscht bis erschrocken. Sie fürchten, dass die Wirtschaftsprobleme in Europa und den USA dem wichtigen chinesische Export schaden.

Chinas Wirtschaft wächst deutlich langsamer. Langsamer bedeutet in diesem Fall, dass nach wie vor Werte erreicht werden, die deutlich über denen anderer Wirtschaftsnationen liegen: Das Wirtschaftswachstum in China lag, wie die Regierung in Peking mitteilte, im dritten Quartal bei plus 9,1 Prozent, verglichen mit dem Vorjahresquartal. In Deutschland lag das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal 2011 bei plus 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Chinas Regierung jedenfalls erklärte, man sei zufrieden, obwohl das Wachstum so schwach ausfiel wie seit zwei Jahren nicht mehr. Die Zahlen, heißt es aus Peking, entsprächen dem Ziel, das Wachstum auf ein nachhaltigeres Niveau zurückzuführen und die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Trotzdem: Die Händler an den Märkte reagierten enttäuscht: Die Börsen in Asien gaben teils deutlich nach.

Ein schwächeres Wachstum hatte es zuletzt im Frühjahr 2009 mit 8,1 Prozent gegeben, als die weltweite Finanzkrise auf das Boomland durchschlug. Im Frühjahr waren es noch 9,5 Prozent.

Die Regierung hatte die Zinsen angehoben und auch Bauprojekte sowie andere Investitionen beschränkt, um das Wachstum einzudämmen und die Inflation abzukühlen, die im Juli mit 6,5 Prozent auf den höchsten Wert seit mehr als drei Jahren gestiegen war. Sie sicherte aber auch zu, einige Kreditbeschränkungen zu lockern, um besonders Kleinunternehmen die Finanzierung zu erleichtern.

Sheng Laiyun, Sprecher des chinesischen Statistikbüros, sagte, die jüngsten Zahlen zeigten, dass die Strategie der Regierung funktioniere. Die chinesische Wirtschaft wachse stetig und schnell. Allerdings: Weil Chinas wichtigste Ausfuhrmärkte, die USA und Europa, derzeit wirtschaftliche Probleme haben, bestehen Risiken für die chinesische Exportwirtschaft.

Analysten warnen vor Exportschwäche

Experten sind zwar der Ansicht, dass China in diesem Jahr sage und schreibe ein Drittel zum weltweiten Wirtschaftswachstum beisteuert. Doch warnen Analysten, das Land könne die schwächere Nachfrage aus den USA und Europa nicht ausgleichen, also: keine Exportmärkte erschließen, auf denen Produkte aus China in gleichem Maße abgesetzt werden könnten.

Ma Jun, Ökonom bei der Deutschen Bank, vertritt die Auffassung, China müsse in diesem Jahr schon um 18 Prozent wachsen, um einen dreiprozentigen Rückgang des Wachstums in den USA und Europa aufzufangen. Das aber ist voraussichtlich nicht zu schaffen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für dieses Jahr mit einem Wirtschaftswachstum in China von 9,5 Prozent. In den USA werden nur 1,5 Prozent erwartet, während in Japan mit einem Rückgang von 0,5 Prozent gerechnet wird.

Aktienkurse sinken

Die Nachfrage nach Eisenerz, Industriekomponenten und anderen Importgütern ist bereits zurückgegangen, weil die chinesische Regierung den Bauboom eingedämmt hat. Auch haben chinesische Konzerne, die für den Weltmarkt produzieren, ihre Bestellungen im Ausland bereits zurückgefahren. Das wirkt sich wiederum auf die Börsen aus: Aktien von Rohstoffproduzenten gaben am Dienstag nach. Betroffen war unter anderem das größte Bergbauunternehmen der Welt, der australische Konzern BHP Billiton, dessen Aktienkurs um 3,3 Prozent sank.

Der chinesische Leitindex an der Börse von Shanghai fiel um 2,3 Prozent auf 2.382 Punkte. Der japanische Nikkei-Index gab um 1,6 Prozent nach, der Hang Seng in Hongkong fiel sogar um 4,2 Prozent. Und das, obwohl die Ausgaben der Unternehmen zu den Wachstumstreibern gehören, mit einem Investitionsplus in der Zeit von Januar bis September von 24,9 Prozent. Trotzdem schrecken Anleger nun vor weiteren Engagements zurück und nehmen Gewinne mit. Denn sie sorgen sich, dass sich die Nachfrage abschwächen könnte.

Hohe Inflation macht China zu schaffen

Das befürchten auch einige Fachleute. „Die Gefahr einer deutlichen Abkühlung besteht weiterhin“, sagt der Chefvolkswirt von Peking First Advisory, Dong Xian’An. Für das Jahresende erwartet er nur noch ein Plus von 8,6 Prozent. Zu schaffen macht der Volksrepublik auch die hohe Inflation, die die Kaufkraft belastet und die Notenbank zu mehreren Zinserhöhungen zwang. Das verteuert Kredite für Konsum und Investitionen.

„China wird einen deutlichen Beitrag zum weltweiten Wachstum leisten“, sagte Mark Williams von Capital Economics in London. „Aber ob China zum Wachstum in der Welt außerhalb Chinas beiträgt, das hängt davon ab, ob es seinen Handelsüberschuss verringern kann.“