Unterhaltungselektronik

Philips-Chef zieht knallharte Sanierung durch

Dem Sparkurs beim niederländischen Elektrokonzern fallen weltweit 4500 Stellen zum Opfer. Philips-Chef van Houten nennt den Schritt "bedauerlich".

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Der niederländische Elektronikkonzern Philips dämpft Hoffnungen auf einen schnellen Erfolg der laufenden Sanierungsbemühungen. "Wir sind, angesichts ökonomischen Unsicherheiten, vor allem in Europa, und den operativen Risiken nicht mit unserer finanziellen Entwicklung zufrieden. Wir werden auf kurze Sicht keine materiale Verbesserung sehen", sagt Konzernchef Frans van Houten bei der Präsentation des Konzernergebnisses in Amsterdam.

Mit der Warnung dürfte van Houten die Konzernmitarbeiter auf einen harten Sparkurs einstimmen wollen. Der Manager hat erst Mitte September ein Sparprogramm kräftig um 300 Mio. Euro auf 800 Mio. Euro aufgestockt. Jetzt ist klar, dass der überwiegende Teil dieser Summe durch einen Stellenabbau finanziert werden soll. 4500 Stellen sind betroffen , erklärte van Hauten. Den Rest sollen unter anderem Kürzungen bei der Computertechnik sowie im Immobilienmanagement bringen. Das Sparprogramm soll 2014 abgeschlossen sein.

Die Stellenstreichungen bezeichnet von Hauten als einen "bedauerlichen, aber unvermeidlichen Schritt. Etwa 1400 Jobs sollen in den Niederlanden gekürzt werden. Dem niederländischen Gewerkschaftsbund FNV zufolge macht das in etwa ein Zehntel des dortigen Personalbestands aus. Wie der Stellenabbau andere Philips-Standorte treffen wird blieb zunächst unklar. Weitere Kürzungen scheinen nicht ausgeschlossen zu sein. Gegenüber Bloomberg TV wich van Houten einer entsprechenden Frage aus.

Die Krisensignal dürften die Branche aufhorchen lassen. Der 120 Jahre alte Philips-Konzern ist mit 120.000 Mitarbeitern einer der größten Elektronikkonzerne der Welt und ähnlich wie der Münchener Konkurrent Siemens auch in den Bereichen Beleuchtungs- sowie Gesundheitstechnik aktiv. Siemens wird am 10. November die Jahreszahlen präsentieren.

Gewinn der Lichtsparte schrumpft zusammen

Vor allem das Lichtgeschäft bereitet dem niederländischen Unternehmen Sorgen. Philips ist der führende Hersteller von Leuchtmitteln, darunter Glühbirnen und LED-Chips. Allerdings leidet das Unternehmen unter den hohen Rohstoffkosten sowie dem harten Wettbewerb mit jungen asiatischen Herstellern. Philips versucht derzeit wie auch andere Unternehmen, die höheren Preise an die Kunden weiterzureichen. Das gelingt allerdings nicht im ausreichenden Maße. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) in der Lichtsparte sank im vergangenen Quartal stärker als der Umsatz und halbierte sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf nahezu 110 Mio. Euro.

Experten zufolge gibt allerdings auch Hoffnungssignale. "Im September verzeichnet Philips eine Besserung im Lichtgeschäft. Es kann sein, dass im LED-Chip-Bereich der Tiefpunkt erreicht ist", sagte Analyst Andreas Willi von JP Morgan in London. Aufschluss darüber werden die Zahlen für das letzte Quartal des Geschäftsjahres geben, die im kommenden Jahr präsentiert werden. Ein anhaltender Abschwung in der Lichttechnik wäre ein Schlag für Siemens. Das Münchener Unternehmen möchte die Lichttochter Osram an die Börse bringen. Entsprechenden Pläne musste der Konzern allerdings jüngst wegen der aktuellen Unsicherheit an den Finanzmärkten verschieben.

Wenig Aufträge aus Europa

Die aktuelle wirtschaftliche Unsicherheit in Europa hemmt nach Ansicht von Philips derzeit Investitionen. Das betrifft vor allem die Gesundheitstechnologie. In Europa konnte Philips nur wenige Aufträge verbuchen. "Während es in den USA gut läuft, machen wir uns um Europa große Sorgen", sagte van Houten. Ähnlich hatte sich bereits Siemens-Chef Peter Löscher Ende Juni geäußert – allerdings ist die Siemens-Gesundheitssparte bedeutend profitabler als das Philips-Geschäft, das sich stark an Endkunden richtet.

Philips vollzieht derzeit einen radikalen Wandel. Das Traditionsunternehmen war lange Zeit sehr stark auf Unterhaltungselektronik spezialisiert. Allerdings fallen in diesem Segment die Preise sehr stark. Das Unternehmen konzentriert sich deswegen immer stärker auf den Verkauf von Haushaltsgeräten sowie die Sparten Licht- und Gesundheitstechnik.

Van Houten soll den Erfolg des Umbau garantieren. Er präsentiert sich als ein durchsetzungsstarker Sanierer. Im Konzern verfügt er über eine große Machtfülle. Direkt nach seinem Amtsantritt vereinfachte er die Führungsstruktur. Mehrere Manager verließen das Unternehmen. Darüber hinaus schockierte er direkt zum Einstand den Markt mit einer milliardenschweren Abschreibungen in der Lichtsparte.

Konzernumbau läuft langsamer als erwartet

Der Konzernumbau kommt aber nicht so schnell voran, wie erhofft. So kann van Houten noch immer keinen Fortschritte beim angestrebten Verkauf der defizitären Fernsehsparte vermelden. Van Houten möchte das TV-Geschäft, das seit 2007 Verluste in Höhe von 1 Mrd. Euro anhäufte, samt Markenrechten in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Hersteller TPV aus Taiwan abgeben und im Gegenzug eine Umsatzbeteiligung erhalten. Van Houten räumte allerdings ein, dass es noch strittige Punkte gebe. Er rechnet damit, dass "in den kommenden Monaten" eine Lösung gefunden werde. Falls nicht, dann müsse sich Philips eben um Alternativen bemühen. Welche das sein könnten, sagte van Houten allerdings nicht. "Der weltweite TV-Markt hat sich verschlechtert, und je schneller wir dies abschließen umso besser" sagte van Houten.

Der Konzernchef sieht trotz der kurzfristigen Unsicherheiten mittelfristig eine gute Zukunft für den Konzern. "Wir sehen erste Anzeichen für eine Beschleunigung des Wachstums durch eine Aufstockung der Investitionen in Innovation und Kundengewinnung", sagte er. So soll bis 2013 ein jährliches Umsatzwachstum von vier bis sechs Prozent erreicht werden. Bei der Ebitda-Gewinnspanne auf immaterielle Vermögenswerte werden weiter zehn bis zwölf Prozent veranschlagt.

Analysten sehen van Houten auf einem guten Kurs. "Die Maßnahmen zur Kostensenkung werden im vierten Quartal und nächstes Jahr einsetzen”, sagte Analyst Jos Versteeg von Theodoor Gilissen Bankiers. "Vielleicht hat Philips in diesem Quartal die Talsohle durchschritten." Das Quartalsergebnis von Philips war insgesamt nicht so schlecht wie es die meisten Analysten erwartet hatten: Konzernweit sank der Nettogewinn auf 76 Mio. Euro nach 524 Mio. Euro im Vorjahresquartal. Der Umsatz sank von 5,46 auf 5,39 Mrd. Euro. Im frühen Mittagshandel notierte die Philips-Aktie in einem festen Gesamtmarkt 3,7 Prozent höher bei 15,34 Euro. Gegenüber dem Jahreswechsel liegt der Kurs allerdings noch immer rund 30 Prozent im Minus.