Wut auf das System

Amerikas Mittelschicht rebelliert gegen Wall Street

Seit Wochen protestieren Amerikaner für Frieden und gegen die Gier der Banken. Täglich wird die Bewegung "Besetzt die Wall Street" größer.

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Die Künstlerin Olek überzieht Fahrräder, Einkaufswagen und ganze Autos mit gestrickten Wolldecken im pinkfarbenen Tarnmuster. Man findet ihre Objekte überall in New York – bis sie früher oder später entfernt werden. Vergangene Woche hat Olek die Würfelskulptur am Astor Place, den berühmten Alamo, in ein pink, lila und grünes Tarngewand gesteckt.

Darin ist ein Satz eingewebt: Sie sei noch immer stolz darauf, womit sie ihren Lebensunterhalt verdiene. New York versteht das als Hommage an die Demonstranten, die gegen die Finanzbranche auf die Straße gehen.

Amerika rätselt, was von den Protesten zu halten ist. Sind die Demonstranten nur ein paar Spinner, die ihre Schlafsäcke wieder einpacken, sobald die Oktobernächte kalt werden? Oder wurde vor knapp drei Wochen im Zuccotti-Park an der Südspitze Manhattans eine neue politische Kraft geboren, die aufs ganze Land übergreift?

Demonstranten stürmen Drohnen-Ausstellung

Am Wochenende haben die Demonstranten versucht, mit Protestbannern in das National Air and Space Museum einzudringen , um gegen eine Drohnen-Ausstellung zu protestieren. Etwa 100 bis 200 Demonstranten wollten das Museum in der US-Hauptstadt betreten, wie ein Sprecher der dafür zuständigen Smithsonian Institution, John Gibbons, sagte. Als ein Wachmann die Gruppe mit der Erklärung gestoppt habe, sie dürfe keine Schilder in das Gebäude bringen, sei er offenbar von Demonstranten festgehalten worden.

Das stärkste Argument gegen eine dauerhafte Bewegung ist die vage Aussage „Occupy Wall Street“ („Besetzt die Wall Street“). Sie ist der winzige gemeinsame Nenner, unter dem sich seit dem 17. September alle versammeln, die mit der Lage unzufrieden sind – vom Langzeitarbeitlosen bis zum Studenten, der nach dem Abschluss vergeblich eine Stelle sucht.

Dazu kommen Leute, die für Umweltschutz, Frauenrechte und gegen den Kapitalismus ins Feld ziehen. Sie eint ein diffuses Unbehagen, für das sie der Einfachheit halber die Banken verantwortlich machen. Schon in den Monaten nach dem Ausbruch der Finanzkrise zog regelmäßig ein ähnlich bunt gemischter Trupp von mehreren Hundert Leuten den Broadway entlang in Richtung Finanzbezirk. Er löste sich schließlich von selbst auf.

Der Unterschied zu damals sind die jungen Leute. Beim Marsch am Mittwoch etwa waren viele Studenten dabei, die an den Eliteunis der Stadt studieren. Sie sagen über sich selbst, dass sie eigentlich alles richtig machen, das tun, was die Elterngeneration von ihnen erwartet – und dass sie dennoch enttäuscht werden. Denn die Gegenseite hält ihr Versprechen nicht ein.

Viele Studienabgänger finden keine Arbeit und bleiben auf Schulden in Höhe von mehreren Zehntausend Dollar sitzen. Trotz guter Abschlüsse bleibt ihnen nichts anderes übrig, als wieder bei ihren Eltern einzuziehen oder zu kellnern. Zudem ist die Armutsrate in den USA so hoch wie seit 1993 nicht mehr. Viele brauchen zwei oder gar drei Jobs, um ihre Familie versorgen zu können.

Sie fühlen sich vom Staat im Stich gelassen

Ihre Wut lassen sie an der Finanzbranche aus. „Banks got bailed out, we got sold out“, rufen die Demonstranten. Während die Finanzhäuser mit Steuergeldern gerettet wurden, fühlen sie sich vom Staat im Stich gelassen.

So wie Michel Rivas. Er studiert Physik an der Columbia-Universität. Als er von den Protesten hörte, machte er sich auf den Weg in Richtung Zuccotti-Park und campiert seither dort. „Jetzt ist die Chance, dass wir gehört werden“, sagt er. Auf die Politik vertraut er nicht – nicht einmal mehr auf den einstigen Hoffnungsträger Barack Obama. „Ich habe nicht den Eindruck, dass eine Partei meine Interessen vertritt“, sagt er.

Diese Frustration teilt er mit vielen, die in ihren Protest in New York, Boston, Chicago, Houston und San Francisco auf die Straße tragen. Sogar Präsident Obama zeigt Verständnis für ihre Wut.

„Die Demonstranten verleihen einer breiten Frustration über die Funktionsweise des Finanzsystems eine Stimme“, sagte er. Dennoch sei ein starker Finanzsektor für das Wachstum der Wirtschaft unerlässlich. Noch vor ein, zwei Jahren hätte er die Protestbewegung mit einer guten Rede einfangen können. Doch dass ihm dieser Zauber erneut gelingt, ist unwahrscheinlich.

Hier liegt die Sprengkraft der Bewegung. Ihr Nährboden ist die schlechte wirtschaftliche Lage – die sich so schnell nicht verbessern wird. Von den politischen Parteien fühlen sich die Demonstranten nicht verstanden. Ihr Motto mag daher vage sein. Ihre Wut und Enttäuschung sind es nicht.