Britische Wutbürger

Der Kampf der Kleinstadt gegen den Supermarkt

In Großbritannien ist der Handelsriese Tesco allgegenwärtig. Aber nicht allen Briten gefällt das. Sie wehren sich gegen Ansiedlung neuer Märkte.

Foto: Tina Kaiser

Die Geschichte von Hadleigh hat alles, was ein erfolgreiches Drehbuch braucht. Schauplatz ist eine verschlafene englische Ortschaft. Es gibt einen übermächtigen Aggressor, der das Idyll zerstören will, und Antihelden in Stützstrümpfen, die den fast aussichtslosen Kampf aufnehmen. Das Konzept ist hinlänglich bekannt: David gegen Goliath, Gallierdorf gegen Römisches Reich, Igel gegen Hase.

Doch was für die Filmindustrie einen guten Plot ergeben könnte, ist für die Bürger des mittelalterlichen Städtchens Hadleigh, anderthalb Autostunden nordöstlich von London, Realität. Bis vor zwölf Jahren ging es in der weitgehend unter Denkmalschutz stehenden Gemeinde beschaulich zu.

Ein gemütlicher Spaziergang über die historische Hauptstraße durch den ganzen Ort dauert gerade mal zehn Minuten. Schnell kommen die Einwohner ohnehin nicht vorwärts, schließlich kennt hier jeder jeden und muss den neuesten Tratsch austauschen. Zweitgrößter Aufreger des Jahres war eine Dohlenfamilie, die im Turm der Kirche St. Marys nistete. Weil die Vögel unter Artenschutz stehen, konnte die Glocke im Sommer zum ersten Mal seit 500 Jahren nicht läuten.

Den größten Aufreger aber liefert schon seit 1999 Jahr für Jahr der britische Supermarktriese Tesco. "Die Nachricht von dem geplanten Riesensupermarkt hat sich im Ort wie ein Lauffeuer verbreitet", sagt Jan Byrne. Zusammen mit ihrer Freundin Jane Haylock steht sie am Ufer des Flüsschens Brett, der die Westgrenze von Hadleigh bildet. Die Wiesen und Wälder auf der anderen Flussseite sind Vogelschutzgebiet. Ein Specht hämmert im Hintergrund.

Auf dem Fluss treiben Schwäne und Stockenten. Auch eine Otterfamilie soll in diesem Wasserabschnitt leben. Byrne zeigt auf die Brachfläche zwischen Fluss und historischer Innenstadt: "Wenn wir verlieren, wird hier bald ein gigantischer Tesco die Landschaft verschandeln." Vor dem Autolärm und der 24-Stunden-Beleuchtung des Parkplatzes würden die Tiere Reißaus nehmen. Mit dem Naturidyll wäre es vorbei. Haylock verschränkt die Arme vor ihrem karierten Kleid, das an einen Haushaltskittel erinnert: "Wir werden bis zum letzten Tag kämpfen, um das zu verhindern."

Zwar sind beide Damen für ihre jeweils 76 Lebensjahre noch sehr rüstig - gefährlich sehen sie aber nicht aus. Und doch legen sie sich seit zwölf Jahren erfolgreich mit dem drittgrößten Einzelhandelskonzern der Welt an. 1999 kaufte Tesco die als Gewerbegebiet ausgewiesene Brachfläche und legte Pläne für einen gigantischen Konsumtempel vor: Mit 2555 Quadratmetern Ladenfläche und 217 Parkplätzen würde der Supermarkt die Verkaufsfläche der Gemeinde verdoppeln. "Uns war sofort klar: Das wäre der Tod für unsere Dorfgemeinschaft", sagt Byrne. Hadleigh machte mobil.

Eigentlich seien sie keine Revoluzzer, sagt Haylock. "Vor Tesco haben wir nie im Leben gegen irgendetwas demonstriert." Die Baupläne des Konzerns brachten die beiden Rentnerinnen aber auf die Barrikaden. Sie gründeten die Protestgruppe "Hands off Hadleigh", "Hände weg von Hadleigh". Gemeinsam mit einem Dutzend Mitstreitern verteilten sie Flugblätter, schrieben Protestbriefe, versorgten die Lokalpolitiker mit dicken Mappen voller Informationen über das Unternehmen und organisierten Demonstrationen. Wie viele Protestmärsche sie in den vergangenen Jahren angeführt haben, wissen die beiden nicht mehr. Zur letzten Demo im Juli 2010 kamen rund 400 Einwohner.

Je mehr die Aktivisten über ihren Gegenspieler recherchierten, desto unwohler wurde ihnen. Der 1919 gegründete Konzern ist heute eines der größten Unternehmen des Landes. Weltweit arbeiten 490 000 Menschen für Tesco. Sie erwirtschafteten im vergangenen Jahr 78 Milliarden Euro Umsatz. Das größte Geschäft macht Tesco in seinem Heimatmarkt Großbritannien, wo der Umsatz in den vergangenen zehn Jahren um 124 Prozent stieg. 2715 Läden hat die Kette im Land, an fast jedem Werktag eröffnet ein weiterer. "Es gibt eine große Chance und Nachfrage für Tesco, sein Ladennetz auszubauen - beispielsweise erreichen nur 54 Prozent der britischen Käufer einen Tesco Extra innerhalb von 15 Minuten", heißt es im Geschäftsbericht.

Die Aussage wird umso eindrucksvoller, wenn man weiß, dass Tesco in Großbritannien nur 212 der besonders großen Extra-Filialen betreibt. Dazu kommen 470 Tesco Superstores, 186 Tesco Metros, 1285 Tesco Express, 521 One Stops, 28 Dobbies und 13 Homeplus. In den vergangenen 20 Jahren konnte Tesco seinen Marktanteil auf 30 Prozent fast verdoppeln. Zusammen mit den anderen großen Ketten Asda, Sainsbury's und Morrisons dominieren die Branchenriesen 75 Prozent des Einzelhandels und 97 Prozent des Lebensmittelmarktes. Inzwischen hat sich eine veritable Protestbewegung gegen die Marktmacht gebildet. In Bristol kam es im April bei Demonstrationen gegen eine neue Tesco-Filiale zu blutigen Ausschreitungen. Ed Miliband, Chef der Labour-Partei, kritisierte die "Tescoisation" der Gesellschaft.

Angeführt wird der Kampf gegen die Konzerne von der Organisation Tescopoly. "Derzeit laufen über 100 Kampagnen von Gemeinden gegen die Ansiedlung eines neuen Supermarktes", sagt Tescopoly-Chefin Judith Whateley. Die meisten davon gegen den Marktführer. "Gerade in Kleinstädten führt die Neueröffnung eines großen Tescos reihenweise zum Sterben des lokalen Einzelhandels."

Tesco bedroht fast jeden Laden im Ort

Davor haben die Aktivisten in Hadleigh Angst. Denn der Konzern bedroht mit seinem Sortiment fast jeden Laden im Ort. Der Riese verkauft nicht nur Lebensmittel, Haushaltsartikel oder Kleidung, sondern auch Autos, Hypotheken, Handys und sogar Bestattungen. "Ist doch praktisch", sagt Haylock lakonisch. "Du beerdigst Opa und kannst dir von den Treuepunkten ein Topfset kaufen." Aber sollten nicht die Kunden entscheiden, ob sie in den rund 60 kleinen Läden einkaufen oder bei Tesco? Das könne man so nicht sehen, findet Byrne: "Tesco hat so viel Geld, die können die Preise der Läden so lange unterbieten, bis sie eingehen."

Die meisten Ladenbesitzer teilen die Sorge. Charlie Phillips steht hinter der Theke seiner Metzgerei "Jolly Meat Co." Sein Fleisch sei sehr gut, von Bauernhöfen aus der Region. "Mit den Preisen von Tesco werden wir unmöglich mithalten können." Weil die britische Wirtschaft stagniert, laufe der Laden ohnehin nicht besonders gut. Ein von der Gemeinde in Auftrag gegebenes Gutachten ergab, dass mit dem Tesco der Umsatz der lokalen Geschäfte durchschnittlich um zehn Prozent einbrechen werde. "Sollten wir wirklich zehn Prozent Umsatz verlieren, können wir einpacken", sagt Phillips.

Tesco wäre das Ende der Innenstadt

Ähnlich sehen das Jeremy und Debbie Brown. Dem Ehepaar gehört der Schreibwarenladen auf der pittoresken Hauptstraße. Ins Büro im Hinterzimmer des Geschäfts haben sie ein Plakat geklebt. "Every little hurts", steht dort, jede Kleinigkeit tut weh. Es ist eine Abwandlung von Tescos Werbeslogan "Every little helps", jede Kleinigkeit hilft. "Für so ein friedliches Städtchen ist ein Tesco der Anfang vom Ende", glaubt Jeremy Brown. Wenn erst die Blechlawine durch den Ort rolle, sei es mit der Ruhe vorbei. Und gerade bei Regen würden viele Leute vom Tesco-Parkplatz nicht noch für eine Geburtstagskarte zur angrenzenden Einkaufsstraße laufen. "Wenn erst die Innenstadt tot ist, werden sie es vielleicht bereuen."

Lynda Jewers, die ein paar Häuser weiter den Tierfutterladen betreibt, hat schon resigniert: Ein "Nein" werde Tesco nicht akzeptieren: "Die werden so lange mit Geld um sich schmeißen, bis sie irgendwann gewinnen." Eine kleine Gemeinde gegen einen Milliardenkonzern, das sei kein fairer Kampf.

Tesco kämpft sich durch alles Instanzen

Das ist auch die Erfahrung von Tescopoly. "Es gehört bei Tesco zur gängigen Praxis, dass der Konzern gegen jede abgelehnte Baugenehmigung Einspruch erhebt, notfalls bis zum obersten Gericht", sagt Chef-Aktivistin Whateley. Dass sich der lange Atem auszahlen kann, beweist der Fall der Kleinstadt Sheringham, 125 Kilometer nördlich von Hadleigh.

1996 beantragte Tesco dort erstmals eine Baugenehmigung. Nach einem 14-jährigen Kleinkrieg erlaubte das Bauamt vergangenen Herbst den Bau des Supermarktes. "Tesco pokert natürlich darauf, dass den Aktivisten irgendwann der Mut oder die Zeit ausgeht, den Kampf aufrechtzuerhalten", sagt Whateley. Meistens gehe die Strategie auf, zumal auch die Stadtverwaltungen Angst vor den hohen Gerichtskosten hätten, die sie im Fall einer Niederlage tragen müssen: "Das kann einen Ort schon in den Ruin treiben."

Doch die Rebellenführerinnen von Hadleigh wollen sich nicht einschüchtern lassen. "Diese Tesco-Hampelmänner in ihren schicken Anzügen lügen, wenn sie den Mund aufmachen", sagt Haylock. Deswegen könnten sie die knapp 200 versprochenen Arbeitsplätze nicht überzeugen. Laut Geschäftsbericht erhöhte Tesco die Zahl der Mitarbeiter in Großbritannien 2010 lediglich um 874 Personen, obwohl der Konzern zugleich rund 200 neue Läden eröffnete. "Das passt doch nicht zusammen."

Tesco versucht es mit allen Tricks

Ein Grund mehr, weiterzukämpfen: "Nur weil der Gegner ein Milliardenkonzern ist, muss er noch lange nicht cleverer sein." Im Bauantrag von 1999 plante Tesco, die Zufahrt auf der östlich gelegenen Hauptstraße enden zu lassen. Dazu sollte eines der wenigen nicht denkmalgeschützten Gebäude abgerissen werden. Byrne bastelte ein Pappmodell der Einfahrtsstraße und holte alte Matchboxautos ihres Sohnes vom Dachboden. "Mit dem Modell konnten wir beweisen, dass ein LKW zu wenig Rangierraum hätte, um in die enge Zufahrt einzubiegen." Der Antrag wurde abgewiesen.

Der zweite Antrag von 2003 sah eine Zufahrt durch die Bungalowsiedlung im Nordosten vor. Ein älteres Ehepaar erfuhr während der Weihnachtsfeiertage, dass Tesco dazu ihr Haus abreißen lassen wollte. Der Aufschrei in der Bevölkerung war groß. Tesco zog den Antrag zurück. Im Februar 2008 legte der Konzern den dritten Bauantrag vor. Ihn wies der Bezirksrat im Juli 2011 zurück.

Wutbürger brauchen einen langen Atem

Damit steht es drei zu null für die Wutbürgerinnen von Hadleigh. Doch zum Feiern sind sie zu erschöpft. "Wir sind uns bewusst, dass wir den Kampf, aber lange nicht den Krieg gewonnen haben", sagt Byrne. Einige Mitstreiter der ersten Stunde sind inzwischen tot, aber jüngere sind dazugestoßen.

Im Sommer hat Byrne viele Interviews gegeben. Im Onlineforum der "Daily Mail" wurde sie als "verbitterte, alte Dame" beschimpft. Damit könne sie leben: "Vielleicht mache ich manchmal einen Idioten aus mir, aber ich lebe in einer Stadt, die ich mag und erhalten will." Und vielleicht geht die Geschichte ja doch aus wie die Gute-Nacht-Lektüren, die sie ihren Enkeln manchmal vorliest. David besiegt Goliath, Gallierdorf besiegt Römisches Reich, Igel besiegt Hase, Hadleigh besiegt Tesco.