Strukturelle Probleme

Frankreichs Verlage erwarten Ende der Papierzeitung

Das französische Traditionsblatt "France Soir" soll künftig nur noch im Internet erscheinen. Schon bald könnten weitere Blätter folgen.

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Eine Straße mit eleganten Häuserfassaden zwischen der Oper und der Börse von Paris. Am frühen Abend herrscht betriebsame Geschäftigkeit. Mit Spannung erwarten die Passanten die jungen Männer, die mit einem dicken Stapel Papier unter dem Arm das Gebäude verlassen und „Sonderausgabe, kaufen Sie die neueste Sonderausgabe von "France Soir“ rufen.

Doch das war einmal. Denn die Zeiten, in denen es die französische Tageszeitung an jeder Ecke, an jedem Kiosk des Landes zu kaufen gab, sind längst vorbei. Demnächst dürfte „France Soir“ sogar ganz aus dem Straßenbild verschwinden.

Zumindest, wenn es nach den Plänen seines Besitzers geht, dem russischen Millionär Alexander Pugatschow. Er will die Printausgabe komplett einstellen und die Zeitung künftig nur noch im Internet veröffentlichen.

Die Finanzzeitung „La Tribune“ könnte sich ebenfalls von ihrer gedruckten Version verabschieden und nur noch online erscheinen. Auch die renommierte Tageszeitung „Le Monde“ befindet sich mitten im Umbau und kündigte neue Internet-Aktivitäten zusammen mit der US-Online-Zeitung „Huffington Post“ an. Frankreichs Tagespresse verlagert sich nun ins Internet, könnte man meinen.

Französische Medienlandschaft steht vor Umbruch

Doch der erste Eindruck täuscht. Die französische Medienlandschaft steht zwar erneut vor einem Umbruch. Schuld ist jedoch nicht die Krise von 2008, die zu einem starken Anzeigeneinbruch führte.

Denn Frankreichs Tageszeitungen leiden seit Jahren unter strukturellen Problemen. Gruner+Jahr-Aufsichtsrat Axel Ganz glaubt nicht, dass die Internetpläne von „France Soir“ Auftakt für eine Verlagerung der französischen Medien ins Internet sind. „Der Wechsel zum Internet jetzt ist eine Kapitulation, ein verkleideter Ausstieg, eine Art Vorstufe zum Grab“, urteilt der ausgewiesene Experte für die französische Medienlandschaft.

Denn sowohl die traditionsreiche Tageszeitung als auch das Wirtschaftsblatt „La Tribune“ kämpfen bereits seit Jahren ums Überleben. Beide stehen noch bis Ende des Jahres unter Gläubigerschutz. Das Handelsgericht muss über die Zukunft der beiden Blätter entscheiden, ob sie künftig nur noch im Internet erscheinen oder ganz eingestellt werden. Besitzer Pugatschow wollten den Betriebsrat über seine Pläne informieren.

In Deutschland sei die Presse eine richtige Industrie, meint Ganz. Entsprechend würden die Zeitungen wie Unternehmen geführt. „In Frankreich dagegen hat sich die Presse nie als Industrie empfunden, sie ist ein Handwerk geblieben“, sagt er. So hätten die französischen Zeitungen etwa versäumt, die Druckereien zu modernisieren. Da der französische Staat nach dem Zweiten Weltkrieg den Vertrieb durch Kioske förderte, sind Abonnements im Gegensatz zu Deutschland wenig verbreitet. Zeitungszusteller gibt es kaum, geliefert wird per Post und das oft erst spät am Vormittag.

Gratisblätter sind starke Konkurrenz

Innerhalb der letzten 15 Jahre hat die Zahl der Kioske jedoch stark abgenommen, während Gratisblätter den etablierten Tageszeitungen verstärkt Konkurrenz machen. Dazu kommt noch ein kultureller Unterschied: Die Franzosen frühstücken nicht in aller Ruhe wie die Deutschen, sondern trinken oft nur schnell einen Kaffee. Statt dabei Zeitung zu lesen, hören sie lieber Nachrichten auf Radiosendern wie „France Info“ oder „Europe 1“.

„France Soir“ sei ein Lehrstück dessen, was derzeit in der Presselandschaft passiere, meint Pierre Haski, früher stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung „Libération“ und Mitgründer des Internetportals „Rue89.com“. Das Traditionsblatt sei eigentlich bereits vor 30 Jahren gestorben, sei zu einem Dinosaurier geworden, während sich andere weiterentwickelt hätten.

Dabei war die 1944, während der Befreiung Frankreichs, gegründete Tageszeitung einst ihrer Zeit voraus. Ex-Verleger Pierre Lazareff galt als Legende und verhalf dem Blatt durch schnelle Reaktionsfähigkeit zu einer Auflage von über einer Million Exemplaren.

Bei Geiselnahmen oder internationalen Konflikten brachte er bis zu sieben Sonderausgaben pro Tag auf den Markt. Doch ab Ende der 60er-Jahre machten Fernsehen und Radiosender„France Soir“ zunehmend Konkurrenz. Der Abstieg begann. Ab 2005 war das Blatt, das immer mal wieder monatelang nicht erschien und ansonsten nur noch 35.000 Exemplare verkaufte, nur noch ein Schatten seiner selbst. Nach diversen Besitzerwechseln und Neustarts wurde die Zeitung schließlich Anfang 2009 vor dem Konkurs gerettet und von Alexandre Pugatschow übernommen.

Der 26-jährige Russe pumpte mindestens 20 Millionen Euro in das Blatt und versuchte, „France Soir“ mit einem Relaunch und Kampfpreisen von 50 Cent zu neuem Glanz zu verhelfen. Doch nach anfänglichen Erfolgen fiel die Auflage erneut und dümpelte zuletzt bei gerade mal 50.000 Exemplaren vor sich hin. Nun sollen 89 der insgesamt 140 redaktionellen Mitarbeiter, darunter auch freie Journalisten, ihren Job bei dem Blatt verlieren, heißt es bei den Gewerkschaften.

Belegschaft wird enorm reduziert

Die Online-Ausgabe solle von nur 32 Redakteuren bestritten werden. „France Soir“ hätte gut daran getan, schon vor langer Zeit auf das Modell britischer und deutscher Boulevard-Zeitungen zu setzen, meint der Medien-Historiker Patrick Eveno. „Aber die Journalisten hatten keine Lust dazu, die öffentlichen Instanzen noch weniger und die Aktionäre auch nicht“, sagt er. „Auf diese Leute hat man gehört, nicht auf die Leser.“

Ob „France Soir“ als reine Internet-Zeitung überleben kann, bleibt fraglich. Zumal das Blatt nicht über einen starken Markennamen verfügt. Nicht mehr. Denn viele junge Franzosen haben seine Glanzzeiten nicht miterlebt und verbinden nichts mit dem Namen.

„France Soir“ ist jedoch nicht die einzige französische Tageszeitung, die mit Verlusten kämpft. Blätter wie die satirische Wochenzeitung „Le Canard enchaîné“ oder die Sportzeitung „L’Equipe“, die Gewinne machen, sind die Ausnahme, nicht die Regel. Inzwischen schreibt selbst die größte Wirtschaftszeitung des Landes „Les Echos“ Verluste.

Wie ihr kleinerer Konkurrent „La Tribune“ und andere überregionale Blätter leidet sie darunter, dass Finanzmitteilungen von Unternehmen in den letzten Jahren stark abgenommen haben. Denn zum einen gab es deutlich weniger Übernahmen und Fusionen. Und zum anderen erlaubt die Marktaufsicht inzwischen, dass börsennotierte Unternehmen für Investoren bestimmte Pflichtmitteilungen online veröffentlichen.