Metro-Konzern

Führungschaos in Deutschlands größtem Handelshaus

Der Handelsriese Metro steht vor den Trümmern ehrgeiziger Träume: Der Aktienkurs hat sich halbiert, ein Machtkampf lähmt den Konzern.

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Vielleicht haben sie bei Haniel und Metro einfach nur Pech gehabt. Vielleicht hätte alles auch ganz anders laufen können, und Eckhard Cordes und Jürgen Kluge , Franz Markus Haniel und Peter Küpfer wären jetzt nicht die Verlierer, sondern die Helden.

Diejenigen, die durch einen mutigen Entschluss vor vier Jahren aus dem Handelskonzern Metro eine Geldmaschine mit angeschlossenen Großhandelsunternehmen gemacht hätten. Und aus den Haniels und den Schmidt-Ruthenbecks glückliche und harmonisch zusammenarbeitende Großaktionäre, die kaum wüssten, wohin mit all dem Geld.

Hätte, hätte, Fahrradkette: Tatsächlich kam alles ganz anders. Inzwischen hat sich der Aktienkurs halbiert, nach monatelangen, öffentlichen Streitigkeiten um Personen und Strategie kündigte erst Vorstandschef Cordes seinen Rückzug an und wenige Tage später auch Aufsichtsratschef Kluge.

Und Metro und mit dem Konzern die Mehrheitseigentümer Haniel und Schmidt-Ruthenbeck stehen vor den Trümmern ihrer ehrgeizigen Träume: „Das waren vier verlorene Jahre“, sagen einige frühere Metro-Manager, die längst anderswo Karriere machen. Sie sagen es ohne Häme, mit Besorgnis.

So dramatisch die vergangenen Wochen der Selbstzerfleischung schon waren – die Führungskrise könnte schlagartig noch beängstigender werden. Dann nämlich, wenn Cordes, dessen Vertrag noch ein Jahr lang läuft, Metro aus Ärger über das ausgebliebene Verlängerungsangebot doch schon in den nächsten Wochen verlassen sollte.

Es ist noch kein Nachfolger gefunden – die gern gehandelten Vorstände Olaf Koch und Joël Saveuse gelten eher als Übergangskandidaten. Daher stünde der Düsseldorfer Konzern mit 280?000 Mitarbeitern und 67 Milliarden Euro Umsatz plötzlich kopflos da.

Immerhin versichert Cordes, der nach dem Dauerzoff mit Aufsichtsratschef Kluge seinen Kampf um einen neuen Vertrag vor zwei Wochen entnervt aufgegeben hat, er werde noch so lange bleiben, „wie es im Interesse des Unternehmens ist“. Doch dieses Firmeninteresse wird – man konnte es in den vergangenen Wochen besichtigen – je nach Eigeninteresse der handelnden Personen durchaus unterschiedlich interpretiert.

Eigentümer könnten den Oberkontrolleur opfern

Dass wenige Tage nach Cordes auch dessen ungeliebter Gegenpart – eben jener Kluge – seinerseits den Rückzug vom Metro-Kontrolljob für Anfang November ankündigte, um einen „Neuanfang“ zu ermöglichen, dürfte Balsam für Cordes’ Ego gewesen sein. Einige Beobachter meinen gar, hinter diesem überraschenden Schritt einen Deal zu erkennen.

Der könne so aussehen: Damit Cordes noch für eine Übergangszeit bleibt und somit das völlige Führungschaos verhindert, opfern die Eigentümer Cordes-Opponent Kluge als dessen Oberkontrolleur. Dabei sollte der doch eigentlich den Nachfolger von Cordes finden.

Clanchef Franz Markus Haniel, der die beiden Führungskräfte an Bord geholt hat und deshalb für die Krise mitverantwortlich gemacht wird, soll nun selber wieder den Metro-Aufsichtsrat leiten. Den Posten hatte er, ohne durch besondere Führungsstärke zu glänzen, schon einmal inne. Als Vorgänger – ausgerechnet! – von Cordes und Kluge.

Jetzt hoffen sie bei Haniel in Duisburg, dass endlich wieder Ruhe einkehrt. Doch die Tatsache, dass Jürgen Kluge in knapp zwei Wochen zwar als Metro-Aufseher, nicht aber als Haniel-Chef zurücktreten soll, könnte die Grundlage für den nächsten lauten Knall abgeben. Nicht nur in der 600-köpfigen Haniel-Familie sind viele mit der Leistung des früheren Deutschland-Chefs des Beratungsgiganten McKinsey unzufrieden.

Auch bei Miteigentümer Schmidt-Ruthenbeck fand man die mangelnde öffentliche Unterstützung Kluges für Cordes recht unprofessionell. Dass Kluge sich Hoffnungen auf eine dauerhafte Weiterbeschäftigung in Duisburg machen darf, wird im Firmenumfeld durchaus bezweifelt.

„Es gibt eigentlich nur noch Verlierer“, sagt ein Ex-Metro-Manager, der nicht genannt werden will, „sie sind bei Metro nicht weiter, als sie 2007 schon waren“. Vor vier Jahren hatten sich die Großfamilien Haniel und Schmidt-Ruthenbeck auf Anraten von Cordes die Mehrheit am Handelskonzern zusammengekauft, um auf Dauer mehr aus ihrem Milliardeninvestment herausholen zu können.

Konzentration auf den Großhandel

Der Plan: Konzentration auf die Hauptsparte Großhandel und allenfalls noch auf die Elektronikhandelskette Media-Saturn – mit der Hoffnung auf einen späteren Börsengang. Die Warenhauskette Kaufhof mit ihren milliardenschweren Immobilien und die malade Verbrauchermarktkette Real sollten verkauft, mit dem Erlös die Schulden für die neuen Metro-Aktien beglichen werden.

Im Anschluss an die Zerschlagung des Konglomerats wäre die lukrative Großhandelssparte übrig geblieben. Doch der gewagte Cordes-Plan ging nicht auf. Es fand sich kein Käufer, der im Umfeld der Finanzkrise von 2008 oder danach bereit gewesen wäre, für Kaufhof oder Real genügend Geld zu bezahlen. Das war unangenehm für Cordes, der etwas angekündigt hatte, was er nicht umsetzen konnte.


Aber für die Haniels war es dramatisch, weil sie schließlich Ende 2010 auf einem Schuldenberg von über fünf Milliarden Euro saßen. Zudem hatte sich der Aktienkurs im Vergleich zur Zukaufsaktion 2007 und damit der Firmenwert halbiert. Was letztlich dazu führte, dass die mächtigen Ratingagenturen Metros Großaktionär zum Schrott-Investment herabstuften.

Und das führte wiederum dazu, dass sich Kredite für das Unternehmen empfindlich verteuerten. Die Haniels müssten eigentlich dringend etwas aus ihrem Portfolio verkaufen, um die Schulden zu drücken. Aber bisher lief Kluge jedes Mal vor die Wand, wenn er mit möglichen Käufern sprach. Zwischenzeitlich schloss er nicht aus, sogar Metro-Anteile zu verkaufen. Passiert ist bisher nichts.

Zerschlagungsplan steht auf der Kippe

Und Einnahmen aus einem Verkauf der Metro-Töchter Kaufhof und Real sind angesichts der Situation auf den Weltfinanzmärkten derzeit wohl weniger zu erwarten als je zuvor. Mancher hält es sogar für möglich, dass mit Chefwechsel und möglichen Änderungen in der Zusammensetzung des Aufsichtsrates sogar der gesamte Zerschlagungsplan von Cordes nach vier Jahren mangels Durchführbarkeit kassiert wird. Cordes allerdings bestreitet diese Möglichkeit und erklärt: „Wir haben mit dem Aufsichtsrat und den Mehrheitseigentümern eine klare Wachstumsstrategie vereinbart, die unverändert gilt.“

Überhaupt ist er weit davon entfernt, sich als gescheitert anzusehen: „2010 haben wir das beste Ergebnis in der Unternehmensgeschichte eingefahren, und wir gehen davon aus, dass wir 2011 ein nochmals besseres Ergebnis vorlegen können“, erklärte er Morgenpost Online. Er habe bei Metro einen „fundamentalen Kulturwandel“ hin zu einem „kundenzentrierten Unternehmen“ angestoßen.

Sein Umbauprogramm „Shape 2012“ habe eine Ergebnisverbesserung von 500 Millionen Euro gebracht. Metro sei „zentraler Gewinnlieferant für Haniel“ und habe der Familie 2010 eine Rekorddividende von 150 Millionen Euro ausgeschüttet – in seiner Amtszeit insgesamt sogar schon eine halbe Milliarde Euro.

Dass der Kurssturz seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren die Eigner Milliarden gekostet hat und er sein Hauptziel – die Filetierung – nicht erreicht hat, wird allerdings ebenfalls mit der Bilanz des Eckhard Cordes verbunden bleiben.