EZB-Chef

Trichets Amtszeit endet mit dem Sündenfall für Europa

Jean-Claude Trichet gibt den Posten als Präsident der Europäischen Zentralbank ab. Dass die Euro-Zone noch nicht zerbrochen ist, ist seinem Mut zu verdanken.

Nicht einmal auf seiner eigenen Abschiedsfeier blieb Jean-Claude Trichet von Problemen verschont. Während seine Gäste in der Frankfurter Alten Oper am Mittwoch bei einem Glas Sekt die Gründungsjahre des Euro Revue passieren ließen, hatte Trichet keine Zeit mehr zum Anstoßen. Nach Ende des Festaktes musste der scheidende Präsident der Europäischen Zentralbank direkt zu einem kurzfristig einberufenen Euro-Krisengipfel eilen.

Angesichts der Verwerfungen wird es Trichet umso schwerer fallen, das Ruder ausgerechnet jetzt aus der Hand zu geben. Der 68-jährige Franzose, der fast seine gesamte berufliche Laufbahn in den Dienst Europas gestellt hat, geht in seine letzte Amtswoche als Präsident der EZB. Nach acht Jahren als Chef der wichtigsten europäischen Gemeinschaftsinstitution tritt er ab.

Dass die Euro-Zone unter dem Dauerdruck von Banken-, Finanz- und Schuldenkrise nicht längst auseinandergebrochen ist, ist auch seinem Mut zu verdanken. Doch der Preis dafür war hoch. Um den Euro zu retten, hat Trichet die Unabhängigkeit der EZB riskiert. Ausgerechnet der Mann, der einst am Maastricht-Vertrag mitschrieb und sich als Stabilitätsverfechter etabliert hat, geht nun als der Notenbankpräsident in die Geschichte ein, in dessen Amtszeit der stabilitätspolitische Sündenfall für Europa eingetreten ist. Dabei hatte Trichet zu Beginn seiner Amtszeit seinem Ruf als geldpolitischer Hardliner alle Ehre gemacht.

Sorgen in Deutschland, ein Franzose könnte die von der Bundesbank übernommene Stabilitätskultur der EZB in Gefahr bringen, zerstreute er schnell. Die Flapsigkeit seines Amtsvorgängers Wim Duisenberg legte Trichet nie an den Tag. Stattdessen dozierte der Währungshüter mit dem Faible für blaue Hemden mit weißen Kragen im Zentralbankerjargon über Zinsen und Preise – und gewann nach und nach das Vertrauen der Investoren.

Politiker, die den Fehler begingen, Trichets verbindliche Art als Freibrief für Einflussnahmen aller Art auf die EZB zu interpretieren, wurden eines Besseren belehrt. „Wir sind nicht die Federal Reserve und auch nicht die Bank of England“, hielt er Kritikern entgegen, wenn diese eine flexiblere Geldpolitik forderten. „Er verliert manchmal seine Fassung, aber nie seinen Kompass“, beschrieb IWF-Chefin Christine Lagarde ihren Landsmann einmal.

Doch genau dieses Image hat in den vergangenen Monaten gelitten. Aus „Mister Euro“, dem unabhängigen Hüter der Gemeinschaftswährung, wurde „Mister Europa“ – ein Zentralbanker, der die Grenzen zwischen Politik und Geldpolitik auf gefährliche Art und Weise verschwimmen ließ.

Die Zäsur geschah am 7. Mai 2010. Als Trichet an diesem Abend mit den europäischen Regierungschefs im Justus-Lipsius-Gebäude in Brüssel zusammensitzt, hat er viele Furcht einflößende Charts im Gepäck. Auf ihnen ist zu sehen, dass sich die Krise in Griechenland zu einem Flächenbrand für die Währungsunion ausweiten könnte.

Nicht die Regierungschefs drängen Trichet an diesem denkwürdigen Abend, Staatsanleihen aufzukaufen. Der Notenbank-Chef selbst soll die Initiative ergriffen haben. Dahinter steckte die Sorge, dass es bald nichts mehr zu retten geben könnte, wenn die EZB nicht für die handlungsunfähige Politik als Euro-Retterin einspringt. Es ist diese Entscheidung, die Trichets bis dahin so strahlende Bilanz überschattet und die ihn und die Deutschen seither entzweit. Dabei schätzt Trichet Deutschland sehr. Wenn andere Notenbanker nach Gipfeltreffen zu einem guten Glas Wein greifen, setzt sich der Franzose den Kopfhörer auf und lernt Deutsch.

Die vehemente Kritik aus der Bundesrepublik trifft ihn deshalb besonders. Und sie wirkt wie eine Ironie des Schicksals: In Frankreich wurde Trichet früher angefeindet, weil er die Banque de France nach dem Vorbild der Deutschen in die Unabhängigkeit geführt hat. Nun lastet man ausgerechnet ihm an, womöglich die Unabhängigkeit der EZB und damit auch das Erbe der Bundesbank verraten zu haben.

Kritiker werfen ihm „napoleonische Züge“ vor

Besonders schmerzhaft war für Trichet dabei der Rückzug der beiden deutschen EZB-Ratsmitglieder Axel Weber und Jürgen Stark . Diese traten zurück, weil sie die Anleihenkäufe nicht mittragen konnten. Der zum Teil öffentlich ausgetragene Dissens – unüblich in der verschwiegenen Welt der Notenbanken – weckte Zweifel an Trichets Führungsqualitäten. Er musste sich vorwerfen lassen, im Verlauf der Krise „napoleonische Züge“ gezeigt zu haben. „Napoleon musste auch keinen EZB-Rat mit 22 Kollegen führen“, konterte Trichet damals.

Doch zuletzt reagierte der sonst besonnene Notenbankchef dünnhäutig. Auf einer Pressekonferenz im September bekam Trichet bei einer Frage nach der Glaubwürdigkeit der EZB einen bis dahin nie gesehenen Wutausbruch. Banker, die am Computer die Konferenz verfolgen, nahmen vor Schreck ihre Köpfhörer ab, weil Trichets laute Stimme ihr Trommelfell strapazierte. Trichet weiß sein Temperament allerdings auch gezielt einzusetzen. Bei einem Interview mit der „Welt“ vor zwei Wochen reagierte er auf die Frage nach der Kritik aus Deutschland erneut gereizt.

Mit erhobenem Zeigefinger, den Körper weit aus dem Ledersessel vorgebeugt, verwies er darauf, dass die Inflationsrate in Deutschland unter der Ägide der EZB geringer gewesen sei als unter der Bundesbank. „Gerade diese Leistung wird von einigen Kommentatoren in Deutschland zu wenig gewürdigt“, fauchte er. Dann lehnte er sich entspannt in seinen Sessel zurück und zitierte leise Goethe, wonach ein Mann seinen Weg gegen alle Widerstände gehen müsse – und am Ende dafür belohnt werde.

Selbst seine schärfsten Kritiker gestehen ein, dass Trichet in den vergangenen Jahren ein schier übermenschliches Pensum an den Tag gelegt hat. Der EZB-Präsident war von Beginn seiner Amtszeit an das Gesicht des Euro. Zuletzt allerdings hat die kriselnde Gemeinschaftswährung ihn gezeichnet. Tiefe Augenringe graben sich in sein blasses Gesicht, die Lippen sind schmal, er sieht erschöpft aus. Trichet arbeitet sieben Tage die Woche fast rund um die Uhr, er will die Dinge begreifen.

Bei Fachfragen scheut er sich nicht, auch einfache Mitarbeiter in der Bank anzurufen. Selbst über kleinste Details innerhalb der Notenbank weiß er Bescheid. „Er hätte den ganzen Job ja auch sehr repräsentativ auslegen können. Aber er wälzt Akten und ist tief in den Themen drin“, beschreibt ihn ein Bundesbank-Vorstand. Doch trotz seines Arbeitspensums hat Trichet immer noch Energie für den Blick über den Tellerrand. Seine humanistische Bildung ist beeindruckend. Mathematik, Astronomie, Literatur – Trichet kann auf diesen Gebieten problemlos tiefgründige Gespräch führen. Sein Geist scheint nie stillzustehen.

Dass Trichet künftig nun nur noch an seinem Buch über das Wesen der Poesie weiterschreibt, an dem der Hobbydichter seit Jahren arbeitet, ist deshalb nicht vorstellbar. Auch ein Job in der Privatwirtschaft dürfte ihn wenig reizen. Der ehrgeizige Franzose wollte, so erzählen es langjährige Wegbegleiter, eigentlich immer nur eines: dem Staat dienen. Wahrscheinlich ist deshalb, dass Trichet irgendwo als Berater für den Euro wieder auftaucht.

„Sie sehen an mir, das Alter endet nicht mit 68 Jahren“, rief der 92-jährige ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt dem 68-jährigen EZB-Chef auf dessen Abschiedsfeier in Frankfurt zu. Erfahrene Krisenmanager wie Jean-Claude Trichet würden immer gebraucht. Und überzeugte Europäer, für die der Euro deutlich mehr ist als nur ein Zahlungsmittel, erst recht.