Nach Brandanschlag

Aus Angst vor der Mafia schläft Bäcker in Backstube

Nach einem Brandanschlag der Mafia will keine Versicherung sein Geschäft unter Vertrag nehmen. Ein Mailänder Bäcker passt nun selbst auf.

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Wenn Domenico Anselmo seine Bäckerei und Konditorei „Delizie del forno“ im italienischen Rozzano südlich von Mailand schließt, geht er nicht wie früher nach Hause, sondern in den hinteren Teil des Ladens.

Ein Klappbett, ein Zahnputzbecher und ein Garderobenständer machen aus dem kleinen Raum hinter der Backstube ein provisorisches Schlafzimmer. „Seit drei Wochen übernachten meine Frau und ich hier im Geschäft“, sagt der junge Mann mit süditalienischen Wurzeln.

„Natürlich könnte hier jemand nachts eindringen und wer weiß was mit uns machen, aber wir haben keine andere Wahl. Es gibt keine Versicherung, die meinen Laden gegen Feuer versichert.“

In einer lauen Sommernacht Mitte Juli ging seine Konditorei in Flammen auf. „Brandstiftung“ schreibt die Lokalpresse, die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Aber es gibt keine Zeugen, niemand in der Nachbarschaft hat etwas bemerkt. Das kennt Domenico Anselmo, das nennt sich „Omertà“ und ist vor allem in den von Mafiaorganisationen kontrollierten Teilen Süditaliens verbreitet. Aber im Norden? In der Lombardei, der reichsten Region Italiens?

Erpressung und Korruption sind an der Tagesordnung

„Im Hinterland von Mailand geht es inzwischen zu wie in Neapels schlimmsten Camorravierteln“ sagt Massimiliano Saggese, der für die Regionalzeitung „Il giorno“ berichtet: „Schutzgelderpressung und Korruption sind an der Tagesordnung. Das Kommando haben Familien der kalabrischen Mafiaorganisation Ndrangheta, es gibt aber auch Kleinkriminelle, die der Camorra nahestehen.“

Von letzteren ist der Reporter vor einiger Zeit krankenhausreif geschlagen worden, weil einer seiner Artikel dem lokalen Boss nicht passte. Und die Camorristi haben auch die Konditorei von Domenico Anselmo ins Visier genommen, vermutet er.

Nach dem Brandanschlag vom Sommer hat seine bisherige Versicherung den Schaden abgewickelt und Anselmo gekündigt. Der Konditor hat daraufhin zwei Dutzend Versicherungsagenten um einen Vertrag gebeten – niente, nichts zu machen. Das Risiko ist ihnen zu hoch. „Wenn Sie nicht Anzeige erstattet hätten, wäre es vielleicht gegangen, aber so“, hat einer geseufzt.

Das hat den Mailänder Verein „SOS Racket e Usura“, der Opfer von Schutzgelderpressung und Wucherei unterstützt, auf den Plan gerufen. „Solange sich keine Versicherung zu einem Vertrag bereit erklärt, werden wir hier abends Präsenz zeigen“ erklärt Vereinspräsident Frediano Manzi.

Die Konditorei in Rozzano ist alles andere als ein Einzelfall. Mehr als 30.000 Unternehmer aus dem Einzugsgebiet Mailand hätten in den vergangenen drei Jahren „ SOS Racket e Usura “ um Hilfe gebeten. Fast 600 Anzeigen und Prozesse habe der Verein mit auf den Weg gebracht, verkündet die Internetseite.

Nach der Anzeige bleibt die Kundschaft weg

Marmeladencroissants, Schokotörtchen, Sahnewindbeutel – bisher war Anselmos Bäckerei ein süßes Paradies. Inmitten heruntergekommener Sozialbauten verbreitete sie den Duft von Mandelhörnchen und Marzipantorte.

Im Sommer stehen die Leute abends Schlange nach den „Delizie“, den Köstlichkeiten aus dem Ofen. Anselmo freute sich über seinen wachsenden Kundenstamm und stand bisher immer mit Begeisterung in der Backstube.

Das hat sich nun geändert. Zwar hat der Konditor nicht lange gezögert und Anzeige erstattet. Außerdem erzählte Anselmo der Staatsanwaltschaft von den Machenschaften des Gemeinderates von Rozzano.

Baugenehmigungen gegen Schmiergelder, dubiose Grundstücksverkäufe, Geschenke an die organisierte Kriminalität im Tausch gegen Wählerstimmen – schwere Vorwürfe, die Ermittlungen laufen noch. Das Pikante: Konditor Domenico Anselmo war selbst Mitglied im Stadtrat. Und angeblich in die missglückte Lizenzvergabe für ein paar Spielhallen verwickelt.

Spielhallen sind beliebte Investitionsobjekte der organisierten Kriminalität, sagen Mafiafahnder und Lokaljournalist Massimo Saggese ist überzeugt, dass der Brandanschlag auf die Konditorei ein Racheakt war, weil das Geschäft nicht zustande kam.

Von seinem Amt als Gemeinderatsmitglied ist Anselmo inzwischen zurückgetreten, seine Konditorei hat er Anfang des Monats wiedereröffnet. Schöner noch als vorher. Doch die Freude, mit der er früher zu Werke ging, ist dahin. Anselmo hat Angst vor der Camorra.