Sportartikel

Mister Puma setzt zum Sprung nach oben an

Jochen Zeitz verlässt den Sportartikelkonzern: Er soll den Mutterkonzern PPR umkrempeln, der kann sich bald auf einiges gefasst machen.

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Als Jochen Zeitz am Dienstag in der neuen Konzernzentrale des Sportartikelherstellers Puma in Herzogenaurach den Konferenzraum betrat, wussten viele schon, was kommen würde. Die meisten kannten die Show aus den Vorjahren. Bilanzpressekonferenz mit Zeitz, das ist ein bisschen wie Sportler-PK nach dem Spiel. Braun gebrannter Teint, Haare und Koteletten eine Spur länger als die Norm, das weiße Hemd tief aufgeknöpft. Ein relativ junger Mann, der mit klarer, ruhiger Stimme und der Bescheidenheit des sehr Selbstbewussten über das spricht, was von ihm erwartet wird: über Rekorde.

Pumas Umsatz stieg im vergangenen Jahr um 10,6 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro – Rekord. Der Konzerngewinn sprang auf 202 Millionen Euro – das Zweieinhalbfache des Vorjahres. Die Aussichten für die Zukunft: vier Milliarden Euro Umsatz. Höher, weiter, besser. Es war alles ganz so wie in fast jedem der vergangenen 18 Jahre, in denen Zeitz für Puma die Schuhe schnürt.

Seit der Mannheimer Arztsohn mit gerade einmal 30 Jahren Vorstandschef wurde – „Just out of Kindergarten“, wie die „Financial Times“ damals noch lästerten –, hat man sich daran gewöhnt, dass er das kann, Erfolge und Rekorde in Serie bringen. Dass er einen heruntergewirtschafteten Hersteller aus Franken nehmen und daraus eine weltweite Sport-und-Lifestyle-Marke machen kann. Dass er den Börsenwert eines Unternehmens verfünfzigfachen kann. Zeitz ist mit 47 Jahren und mit einem Jahresgehalt von über sieben Millionen Euro der wohl bestbezahlte Konzernmanager im MDax, der zweiten deutschen Börsenliga. Und kaum jemand bezweifelt in Herzogenaurach, dass er jeden Cent wert ist. Das einzige Problem ist: Zeitz geht. Der Puma ist auf dem Sprung.

Zwei Tage nach der Bilanzpressekonferenz in Herzogenaurach federt der Jungmanager schon durch die Gänge der PPR-Zentrale in Paris. Pinault-Printemps-Redoute, der französische Mutterkonzern, zu dem neben Puma auch Gucci und ein Bauchladen großer, aber schrumpfender Handelsunternehmungen gehören, ist ab Anfang Mai Zeitz’ neuer Arbeitsplatz. Er wirkt schon jetzt ziemlich zu Hause in den Möbeln, was nicht nur daran liegen dürfte, dass PPR seit vier Jahren Hauptaktionär von Puma ist. Mit deren Chef François-Henri Pinault verbindet Zeitz eine langjährige Freundschaft, die er nie an die große Glocke hängte, die spätestens jetzt aber schwer zu leugnen ist. Der fast gleichaltrige Pinault, der ebenfalls gern sportliche Bräune aus dem krawattenlosen Hemd schimmern lässt, soll Zeitz schon vor Jahren als Gucci-Chef umworben haben. Damals wollte Zeitz noch nicht.

Doch nun hat Pinault seinen alten Freund an der Seite, genau dort, wo er ihn braucht. Denn er ist dabei, den alten französischen Mischkonzern mächtig aufzumischen. Den Gucci-Chef Robert Polet hat Pinault schon in die Wüste geschickt, in Zukunft will er sich persönlich um die Hauptmarke der Luxussparte kümmern. Zeitz soll seinerseits um Puma herum eine neue Sport-und-Lifestyle-Sparte aufbauen. Für den Anfang hat er dafür eine halbe Milliarde Euro zur Verfügung, unter den Zukäufen dürfte sich nach Brancheneinschätzung unter anderem eine Outdoor-Marke befinden. Der deutsche Hersteller Jack Wolfskin, der schnell als mögliches Kaufsobjekt gehandelt wurde, wird es wohl nicht sein. Zeitz’ Ziel ist es, die neue Sparte zur zweiten tragenden Säule des Mischkonzerns aufzubauen. Luxus mit Gucci in der Mitte, Sport um Puma – alles andere kann weg. So stellen die beiden sich das vor. Es ist ein ehrgeiziges Vorhaben.

Pinault weiß, dass er sich für die Palastrevolution den richtigen Mann an die Seine geholt hat. Denn Zeitz hat schon bei Puma schnell bewiesen, dass er nicht immer und zu jedem so nett ist, wie er aussieht. Der Protestant, der ursprünglich mal Chirurg werden wollte, aber in Deutschland am Numerus clausus scheiterte, begann gleich nach seiner Berufung zum Vorstandschef, das Unternehmen zu sezieren. „Restructuring, Reengineering und Return to Growth“ nannte Zeitz seinen Dreiphasenplan. In der Praxis hieß das, dass ein Drittel der Belegschaft in Herzogenaurach gehen musste. Produktionsstätten wurden geschlossen. Was nicht unbedingt beim Unternehmen bleiben musste, wurde outgesourct, gerne auch ins Ausland.

Führungskräfte durften plötzlich nicht mehr Business fliegen. Er selbst ließ sich vertraglich zusichern, dass seine Frau Birgit ihn auf allen Flugreisen begleiten durfte, was sich angesichts seines Meilenpensums allerdings bald als ziemlich anstrengendes Privileg erwies. Zeitz erarbeitete sich innerhalb und außerhalb des Unternehmens schnell den Ruf eines Vorstandschefs, der sich angeblich noch jede Reisekostenabrechnung persönlich vorlegen ließ. Mit so etwas macht man sich nicht beliebt, nicht bei der Belegschaft und auch nicht bei den Platzhirschen. Aber Jochen Zeitz ist nicht der Typ, der es allzu sehr braucht, gemocht zu werden. Und Erfolg ist am Ende ein starkes Argument. Den hat er.

Damit wäre im Prinzip fast alles gesagt über das Alphatier von Puma. Wäre da nicht noch eine andere Facette im Leben von Jochen Zeitz, ohne die das Bild nicht komplett wäre: Afrika. Jochen Zeitz kennt nicht nur am Flughafen Charles de Gaulle die Wege, mindestens ebenso vertraut ist er mit dem Rollfeld des Jomo Kenyatta International Airport in Nairobi. Der deutsche Manager landet regelmäßig in der kenianischen Hauptstadt, steigt in ein Buschflugzeug um und lässt sich hinaus zu seiner Farm fliegen. Hier schlüpft er dann in ein braunes Safarihemd und bewegt sich ebenso selbstverständlich und sicher zwischen wilden Elefantenherden und Hüttendörfern wie kurz zuvor noch auf den Fluren von PPR in Paris.

Es ist selten so, dass Top-Manager im Privatleben zu ganz anderen Menschen werden. Das ist auch bei Zeitz nicht anders. Anstatt sich mit einem Cocktail in den Schaukelstuhl zu verziehen, hat Zeitz für eine funktionierende Satellitenverbindung gesorgt, damit er noch im Busch online ist. Wohin er auch fliegt, er bleibt der Rastlose, der schon als Kind seine Eltern mit seiner Zappeligkeit nervte. Doch in Afrika fließt seine Energie in andere Kanäle. In seiner Freizeit brettert Zeitz im vierradgetriebenen Toyota durch die Gegend und mischt die Nachbardörfer auf. Im positiven Sinne allerdings. Er entlässt keine Leute, sondern stellt Lehrer ein, die etwas gegen den katastrophalen Alphabetisierungsgrad tun. Er hat eine Stiftung gegründet, finanziert Bildungs- und Wirtschaftsprojekte. Selbst seine Farm ist kein Rückzugsort, sondern eine Baustelle. Der Manager baut gerade eine Art Öko-Feriendorf auf, mit 100 Prozent Solarstrom und eigener Abwasseraufbereitung. Eine Lodge für Luxustouristen, die gerne mit gutem Gewissen reisen.

Das passt zu seinem neuem Job. Denn Zeitz wird in Paris auch Direktor für Nachhaltigkeit. Ein Umstand, der möglicherweise zu Unrecht wenig Beachtung fand. Bei Puma hat der Manager bereits angekündigt, bis 2015 zumindest die Hälfte der Sportartikel umweltschonend zu fertigen und seine Produktionsbedingungen extern kontrollieren zu lassen. Für Puma bedeutet das nicht nur die Abschaffung von Schuhkartons, sondern mitunter den Umbau kompletter Produktionsprozesse.

Im Luxussegment könnte das Thema noch wichtiger werden. Wer will schon eine 1000-Dollar-Handtasche, die von ausgebeuteten Kindern zusammengenäht wurde? Oder aus dem Leder bedrohter Tiere? Das oft als Frühstücks?direktorenamt verschriene Nachhaltigkeitsressort könnte, wenn Zeitz es ernst damit meint, eine Schlüsselposition für die Ausrichtung des gesamten Konzerns werden. Und Zeitz, das hat er bei Puma jahrelang bewiesen, meint es äußerst ernst mit dem, was er sich vornimmt.