Energie

Auch im Winter bleiben Atommeiler abgeschaltet

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Daniel Wetzel

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Die acht bereits stillgelegten Atomkraftwerke bleiben endgültig abgeschaltet. Die Bundesnetzagentur will keines von ihnen zur Überbrückung möglicher Stromengpässe im Winterhalbjahr nutzen.

In Deutschland muss kein Atomkraftwerk als Reserve am Netz bleiben. „Es bleibt uns erspart, ein Kernkraftwerk zu reaktivieren“, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, am Mittwoch. Stattdessen sollten alte, eingemottete Kohlekraftwerke einspringen, wenn im Winter über einen längeren Zeitraum weder Solar- noch Windstrom nennenswert zur Verfügung steht.

Nach dem Abschalten von acht AKW in diesem Jahr kommt Deutschland nach Einschätzung der Behörde nur dann einigermaßen sicher über den Winter, wenn in Süddeutschland zusätzliche Kraftwerkskapazitäten von 2000 Megawatt zur Verfügung stehen. Nach fünfmonatiger Suche habe man fünf ungenutzte Kraftwerke aufgespürt, die mit zusammen rund 1000 Megawatt reaktiviert werden können. Zusätzlich könnten aus Österreich weitere 1000 Megawatt importiert werden. Dies sei nicht umsonst zu haben, da viele der Altkraftwerke unwirtschaftlich seien. „Der Verbraucher wird sie letztlich bezahlen müssen“, sagte Kurth. Die Kosten ließen sich noch nicht beziffern.

Mehrkosten trägt der Verbraucher

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) begrüßte die Entscheidung als „wichtiges Signal für Unternehmen, dass diese sich auch in den kommenden Wintern auf eine gesicherte Versorgung mit Strom verlassen können.“ Dies „stärkt das Vertrauen in den Standort Deutschland“.

Nun sollen bei Engpässen fünf Kraftwerke angefahren werden: Block 3 des Großkraftwerks Mannheim, das Kraftwerk 2 in Mainz-Wiesbaden, Block C des Kraftwerks in Ensdorf, das Kraftwerk Freimann in München sowie die Ölraffinerie Oberrhein sollen insgesamt gut ein Gigawatt Leistung liefern können, wenn dies benötigt wird. Ob die Reserve-Kraftwerke benötigt werden, ist unklar. „Wenn wir einen milden Winter bekommen, wird vielleicht nicht eines dieser Kraftwerke laufen müssen“, sagte Kurth. Um das Kraftwerk in Mannheim nutzen zu können, hatte Baden-Württemberg zugesagt, Umweltschutz-Vorschriften zu ändern. Die grün-rote Landesregierung wollte damit den Einsatz eines AKW verhindern.

Kurth betonte, die Lage bleibe nach dem Aus für die Alt-AKW angespannt. „Ich kann keine Entwarnung geben.“ Es sei unklar, wie in den kommenden Jahren eine Lücke in der Stromversorgung vermieden werden könne. Dies gelte besonders für Süddeutschland, wo die Lage wegen der hohen Industrie- und Gewerbedichte besonders gefährlich sei. Erschwerend komme hinzu, dass es bei neun der derzeit zehn in Bau befindlichen Kohlekraftwerke in Deutschland zu Verzögerungen komme. Ob die Kraftwerke rechtzeitig bereit stünden, sei deshalb ungewiss, sagte Kurth: „Ich halte da die Luft an.“

Die Bundesnetzagentur forderte auch, drei zur Stilllegung vorgesehene Kohle-Blöcke im nordrhein-westfälischen Datteln weiter zu betreiben, da sich die Fertigstellung des neuen Großkraftwerks Datteln4 genehmigungsrechtlich verzögert habe. Die E.on-Kraftwerke in Datteln produzieren vor allem für den Bedarf der Deutschen Bahn. Die Verzögerung von Datteln4 könne „dazu führen, dass die Stromnachfrage der Bahn im Winter 2012/2013 aus Süddeutschland gedeckt werden muss und damit zu einer zusätzlichen Belastung für die Übertragungsnetze wird“. Auch der Netzausbau zwischen Hamburg und Schwerin müsse vorangetrieben werden. Bei Schwachwind und Nichtverfügbarkeit des Atomreaktors Brokdorf könnten sonst „tiefe, die Netzstabilität akut gefährdende Spannungen“ auftreten, heißt es im Bericht: „Die Region Hamburg wäre dann einem Blackout nahe.“

Blackout-Gefahr bleibt

SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber sprach von einer Niederlage für die FDP, die auf ein Reserve-AKW gedrängt hatte. Die Netzagentur habe deutlich gemacht, „dass ein Atomkraftwerk als Kaltreserve überflüssig, gefährlich und zu teuer ist“. Die FDP wies die Kritik zurück: Es sei wichtig gewesen, auch AKW als Option offen zu halten. Wegen der Abschaltung der sieben alten deutschen Atomkraftwerke und des Reaktors Krümmel hatten die Netzbetreiber im Sommer Alarm geschlagen. Besonders in Süddeutschland drohe ein Blackout im Winter, wenn Solaranlagen nicht lieferten und Frankreich weniger exportiere. Daraufhin wurde die Netzagentur beauftragt, zu prüfen, ob ein Reserve-AKW noch für die nächsten beiden Winter benötigt wird.

Nach Möglichkeit sollten aber fossile Reserven genutzt werden. Kurth hatte daher auf die Reaktivierung solcher Anlagen gedrungen. Ein Kernkraftwerk als Kaltreserve hätte nach Schätzung der Regierung 50 Millionen Euro pro Jahr gekostet. Experten hatten kritisiert, dass es im Fall von Engpässen zu lange dauern könnte, bis ein Atomkraftwerk wieder angefahren werden kann und Strom liefert. Als Kandidaten für ein „Stand By“-AKW galten unter anderem der RWE-Meiler Biblis B in Hessen und das EnBW-Kraftwerk Philippsburg I in Baden-Württemberg. Die von Kanzlerin Merkel eingesetzte Ethikkommission zur Energiewende hatte diese Lösung als eine Variante vorgeschlagen, besonders Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hatte sich dann dafür stark gemacht, um auf Nummer sicher zu gehen.