Debatte um Frauenquote

Alphafrau mit Betamann für die steile Karriere

Egal ob in der Politik oder im Top-Management: Ob es eine Frau an die Spitze schafft, hängt auch davon ab, was für einen Partner sie hat.

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Die Eheleute Thatcher waren ihrer Zeit um mindestens 30 Jahre voraus. Während Margaret die Geschicke Großbritanniens lenkte, hielt ihr Mann Denis ihr den Rücken frei. In Interviews nannte er sie "The Boss", und sie schrieb später in ihrer Autobiografie: "Ich hätte niemals mehr als elf Jahre lang Premierministerin sein können, wenn ich nicht Denis an meiner Seite gehabt hätte."

Dabei ist es nicht so, dass der nur Hausmann gewesen wäre. Mister Thatcher war durchaus selbst erfolgreich, als Manager an der Spitze verschiedener Firmen. Entscheidend war jedoch seine Einstellung: Er brauchte es nicht für sein Ego, erfolgreicher zu sein als die eigene Frau. Der Stolz auf seine Margaret brachte ihm Erfüllung - so souverän kann nur ein Betamännchen sein.

Das klassische Rollenverhältnis – Karrieremann im Vorder-, starke Frau im Hintergrund - scheint sich in der postmodernen Arbeitswelt aufzulösen. Stattdessen findet man in deutschen Chefetagen häufiger Arrangements, die dem im Hause Thatcher ähneln. Die Frau ist das Alphatier in der Familie, der Mann hat kein Problem damit. Vorgemacht haben es Frauen, die weltweit zu den wichtigsten Wirtschaftsführerinnen zählen. Der Mann von Indra Nooyi, der Vorstandschefin des Softdrinkkonzerns PepsiCo, gab seinen Job auf und wurde selbstständiger Berater, um sich besser nach Frau und Kindern richten zu können. Ähnlich machten es die Ehemänner von Kraft-Chefin Irene Rosenfeld und Xerox-CEO Ursula Burns.

Die Frage, wie Frauen es bis ganz nach oben schaffen, wird in Deutschland dieser Tage leidenschaftlich diskutiert. Gerade erst lieferten sich die wichtigsten Frauen in der Bundespolitik in aller Öffentlichkeit einen Streit darüber, ob eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte gebraucht wird oder nicht. Was in der Debatte um die "gläserne Decke" häufig übersehen wird, ist die große Rolle, die die Partnerwahl auch bei den heiß begehrten Chefinnen der Zukunft spielt.

Die Berliner Managementberaterin Ulrike Wolff etwa stößt bei ihrer Arbeit immer wieder darauf, wie wichtig gerade für Menschen, die ein Spitzenamt innehaben, ein häuslicher Schutzraum ist. "Frauen haben, zu Hause und im Beruf, eine besondere Affinität zur Verantwortung", sagt sie. Deshalb sei es gerade für Topmanagerinnen eine große emotionale Entlastung, einen Partner an ihrer Seite zu wissen, der daheim die Hauptverantwortung übernimmt.

Emanzipation und damit die große Karriere, so viel scheint festzustehen, fängt zu Hause an: Anders als Männer, die über Jahrzehnte hinweg wie selbstverständlich auf ihre treu sorgende Ehefrau im Hintergrund vertrauen durften, müssen viele Frauen sich diese Unterstützung seitens ihrer Lebenspartner im Alltag jeden Tag aufs Neue mühsam erkämpfen. Und damit nicht genug: Glaubt man Soziologen, müssen sie auch noch entgegen ihrem eigenen Naturell agieren, wenn sie beruflich nach ganz oben wollen. Mehr als eine Untersuchung legt nahe, dass sich Frauen besonders von erfolgreichen Männern angezogen fühlen, die gesellschaftlich noch höher gestellt sind als sie selbst. Dieser Versuchung nachzugeben kann für die eigene Karriere zum Bumerang werden – wenn nämlich der Alphamann darauf besteht, seine eigenen Ambitionen auszuleben.

Ob karriereorientierte Damen, die sich ein Betamännchen als Partner suchen, deshalb automatisch bessere Aufstiegschancen haben, entzweit zwar die Experten – kaum einer oder eine lässt sich zu einer derart altmodisch wirkenden Feststellung hinreißen. Fakt ist aber: Unter den wenigen in höheren Hierarchieebenen vertretenen Managerinnen sind überdurchschnittlich viele dieser Spezies vertreten, wie der Personalberater Heiner Thorborg bestätigt. "Natürlich gibt es auch Powerpaare, bei denen Frau und Mann beide mit gleichem Eifer an der Karriere arbeiten", sagt er. Noch scheine die Zahl der Topmanagerinnen, deren Männer sich beruflich zurückgenommen hätten, um zu Hause die Konstanz zu wahren, aber zu überwiegen.

Regine Stachelhaus und ihr Mann Willi sind so ein Fall. Als Personalchefin des Energieversorgers E.on, der sich just in dieser Woche eine Frauenquote von 22 Prozent verordnete, kann die 55-Jährige heute zwar trotz Familie alle Kraft in ihren Job investieren. Doch dem war nicht immer so: Als ihr Sohn Moritz vor 25 Jahren geboren wurde, war die Juristin Managerin beim Computerkonzern Hewlett-Packard. Dass sie schon vier Monate nach der Geburt des Kleinen ihre Karriere fortsetzen konnte, hat sie auch ihrem Ehemann zu verdanken. Willi, der damals noch studierte, übernahm die Kindererziehung, widmete sich später ganz dem Hausmanndasein – und hat heute, da der Sohn erwachsen ist, seine Leidenschaft Musik zum Beruf gemacht.

Auch in der Ditzinger Unternehmerfamilie Leibinger-Kammüller ist es die Frau, die das ganz große Rad dreht. Nicola Leibinger-Kammüller steht dem Maschinenbauer Trumpf vor, der ihrer Familie gehört. Ihr Vater Berthold Leibinger bestimmte nicht etwa Schwiegersohn Mathias zum Firmenchef, sondern entschied, dass seine Tochter die begabteste Führungspersönlichkeit in der nächsten Generation sei. Nun leitet ihr Mann den Bereich Werkzeugmaschinen, sie ist seine Chefin. Das Ehepaar, das vier Kinder hat, nimmt das durchaus moderne beziehungsinterne Machtverhältnis mit Humor: Bei Meinungsverschiedenheiten zur Firma, bei denen sie schon allein qua Funktion immer das letzte Wort haben dürfte, könne es schon mal vorkommen, dass der Abend zu Hause "weniger vergnügt" zu Ende gehe, bekannte die Unternehmerin vor Kurzem der Morgenpost Online.

Dabei liegt der Schlüssel dafür, dass die Alphafrau-Betamann-Kombination erfolgreich durchs Leben kommt, auch beim Mann. "Generell sollten Lebenspartner die beruflichen Ziele des anderen akzeptieren und unterstützen, sonst kommt es zu Explosionen", weiß die Hamburger Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff, die seit einem Vierteljahrhundert Aufstiegschancen, Zufriedenheit und Führungsverhalten deutscher Manager und Managerinnen untersucht. Ob das mit der Akzeptanz auch noch funktioniert, wenn die Frau ihre tradiert schwächere Position verlässt und karrieretechnisch von dannen zieht, hänge in erster Linie davon ab, "wie emanzipiert die Männer sind".

Joachim Sauer etwa dürfte diesen Anspruch erfüllen: Mehrfach ausgezeichnet wurde der Professor für physikalische Chemie an der Humboldt-Universität Berlin, zweifellos ist der 61-Jährige ein sehr kluger Mann. Für die allermeisten Deutschen jedoch ist der hochkarätige Wissenschaftler allem voran eines: Angela Merkels Mann. Und er scheint es mit Fassung zu tragen.

Die Frau auf dem Chefsessel, der Mann am Herd – zwar funktionieren solche Familienkonstrukte meist genauso gut wie anders herum. Dass sie in Deutschland trotzdem noch oft misstrauisch beäugt werden, hat auch historische Gründe: Erst mit der Frauenbewegung begann das weibliche Geschlecht überhaupt damit, die Karriereplanung als Teil des Lebensplans zu begreifen. Im Jahr 1950 waren weniger als ein Drittel der westdeutschen Frauen überhaupt erwerbstätig. So wie ein junger Mann, der im Unternehmen aufsteigen wollte, sich damals wie selbstverständlich eine Ehefrau suchte, die sich gut im Bereich Hauswirtschaft und Kindererziehung machen würde, müsste heute konsequenterweise auch für karrierewillige Frauen die Partnerwahl zur strategischen Lebensplanung gehören.

Wie jung dieser Ansatz noch ist, weiß Barbara Holland-Cunz zu berichten: 53 Jahre alt ist die Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Frauenforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen; dass sie Wissenschaftlerin werden wollte, hatte für sie schon früh festgestanden. Kinder hat sie keine, sagt sie, für viele ihrer Generation sei der Weg in die Wissenschaft damals noch "eine Entscheidung hop oder top" gewesen. "Keine Familie war oft der Preis, den man bezahlen musste", sagt sie mit Bedauern in der Stimme. Entsprechend froh ist sie zu sehen, dass heute immer mehr junge Wissenschaftlerinnen dafür kämpfen, Karriere und Kinder miteinander zu verbinden.

Wie weit der Weg zu tatsächlich gelebter Gleichberechtigung in Deutschland noch ist, beweist allein ein Blick in den Bundestag: Während 61 Prozent der männlichen Abgeordneten Ehefrauen und Kinder haben, leben nur 39 Prozent der Frauen in vergleichbaren familiären Verhältnissen; fast jede zweite Abgeordnete ist alleinstehend. Nicht viel besser sieht es in der Wirtschaft aus: Untersuchungen von Sonja Bischoff zufolge haben Frauen in Führungspositionen zwar deutlich öfter Kinder als vor 25 Jahren, als kaum mehr als jede dritte Managerin (38 Prozent) Nachwuchs mitbrachte. Doch immer noch sind nur 53 Prozent der Frauen im Topmanagement Mütter; dagegen sind 79 Prozent der männlichen Chefs Väter.

Starke Männer im Hintergrund, das zeigt das Beispiel Birgit Behrendt, können aber offenbar auch dann die Karriere beflügeln, wenn keine Kinder vorhanden sind: Die Deutsche ist die derzeit erfolgreichste Frau in der US-Autoindustrie, sie verwaltet als Einkaufschefin von Ford einen Etat von 35 Milliarden Dollar. Ihr Mann gab seine Karriere bei Bayer auf, heute kümmert er sich um Haus, Garten und Boot. Behrendt weiß das zu schätzen: "Das ist wahnsinnig viel Arbeit, und ich bin meinem Mann sehr dankbar, dass er das übernimmt."

So luxuriös es ist, einen treu sorgenden Ehemann hinter sich zu wissen - unerschöpflich dürfte das Reservoir an Kandidaten, die zum Wohl der Karriere ihrer Frauen zurückstecken, nicht sein. Entsprechend wächst die Zahl der Managerinnen, die im Team mit ihrem erfolgreichen Mann die Herausforderungen eines gemeinsamen Power-Lebens auf sich nehmen – und durchaus wertschätzen, einen Sparringspartner an ihrer Seite zu haben, der die Fallstricke der Businesswelt kennt. Eines dieser Paare: Beatrice Weder di Mauro und ihr Mann Filippo di Mauro. Sie gehört dem Sachverständigenrat an, er ist Abteilungsleiter bei der Europäischen Zentralbank, zusammen haben sie einen Sohn. Ein anderes sind Dorothee und Martin Blessing – er Chef der Commerzbank, sie Managing Director bei Goldman Sachs –, die auch mit drei Kindern gleichermaßen ihre beruflichen Ziele verfolgen.

Eine Erfolgsgarantie für eine glückliche Ehe ist die gemeinsame berufliche Verwirklichung beider Partner allerdings genauso wenig wie das Alpha-Beta-Modell: Auch in der Ehe von Andrea Jung etwa, Vorstandschefin des Kosmetikkonzerns Avon, und Michael Gould, CEO der Einkaufskette Bloomingdale's, steckte keiner zurück, nachdem der gemeinsame Sohn auf der Welt war. Bis heute sind die beiden auf ihren Chefposten – die Ehe aber ist schon lange geschieden.