Fachkräftemangel

Dem deutschen Handwerk gehen die Lehrlinge aus

Im Handwerk sind 20.000 Lehrstellen noch unbesetzt. Die gelernten Fachkräfte sind gefragt. Doch nicht alle Bewerber sind geeignet.

Foto: picture alliance / dpa / PA/dpa

Der Fachkräftemangel erreicht das Handwerk. Jeder vierte Betrieb stellt ein – doch oft fehlen geeignete Bewerber. Es mangelt nicht nur an der Qualifikation, sondern auch an der Arbeitsbereitschaft, sagt Handwerkspräsident Otto Kentzler.

Morgenpost Online: Herr Kentzler, die Arbeitslosenzahl liegt trotz Sommerflaute nur noch bei 2,9 Millionen. In einigen Regionen und Branchen herrscht bereits Vollbeschäftigung. Viele Unternehmen klagen über Fachkräftemangel. Wie sieht es im Handwerk aus?

Otto Kentzler: Der Fachkräftemangel hat auch das Handwerk erreicht. Jeder vierte Betrieb will neue Mitarbeiter einstellen. Gesucht sind vor allem qualifizierte Gesellen. Doch die Konkurrenz um Fachkräfte ist erheblich gestiegen, da der Aufschwung so gut wie alle Branchen in Deutschland erfasst hat. 41 Prozent unserer Betriebe haben laut einer aktuellen Umfrage Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung; jeder vierte davon konnte trotz intensiver Bemühungen kein geeignetes Personal finden.

Morgenpost Online: In welchen Branchen fehlen die meisten Kräfte?

Kentzler: Am größten ist die Nachfrage in den Bau- und Ausbauberufen und bei den Zulieferbetrieben für die Industrie. Es gibt beispielsweise mehr offene Stellen für den Beruf des Elektrotechnikers und des Kälteanlagenbauers als dort Arbeitslose registriert sind. Knapp ist es auch bei Installateuren, Heizungsbauern, Feinwerkmechanikern und Landmaschinenmechanikern.

Morgenpost Online: Trotzdem haben wir immer noch 2,9 Millionen Arbeitslose – da müssten doch auch für das Handwerk Mitarbeiter dabei sein?

Kentzler: Bei uns bekommt jeder eine Chance. Doch wir sind auf gut ausgebildete Kräfte angewiesen, weil wir auch Qualität abliefern müssen. Oft melden sich aber nur Bewerber mit unzureichenden Qualifikationen. 39 Prozent der Betriebe berichten, dass die von den Arbeitsagenturen vermittelten Personen oft nicht qualifiziert waren. Eine ähnlich hohe Zahl von Unternehmen klagt auch über die mangelnde Arbeitsbereitschaft der Vermittelten. Wir erwarten aber schon, dass die Leute auch arbeiten wollen.

Morgenpost Online: Die Industrie setzt bei der Bewältigung des Fachkräftemangels auch auf Zuwanderer. Ist das auch für das Handwerk eine Lösung?

Kentzler: Für Handwerksbetriebe spielt die Anwerbung von ausländischen Fachkräften aus Drittstaaten so gut wie keine Rolle. In der aktuellen Diskussion geht es ja vorwiegend um Hochqualifizierte wie Ärzte oder Ingenieure.

Morgenpost Online: Wie sehen die Strategien der Handwerker zur Fachkräftesicherung aus?

Kentzler: Wir wollen die Potenziale im Inland besser heben. Die Betriebe haben erkannt, dass sie noch mehr als in der Vergangenheit darauf angewiesen sind, für Fachkräftenachwuchs zu sorgen. Die Hälfte der Betriebe verstärkt deshalb die Ausbildungsaktivitäten – unter anderem durch gezielte Ansprache von jungen Leuten aus Zuwandererfamilien. Auch die Weiterbildung wird wichtiger. In Berlin zum Beispiel bildet die Dachdeckerinnung Helfer weiter zu Gesellen – darunter auch Arbeitslose. Alle fanden eine Stelle. Durch die Qualifikation von beschäftigten Helfern zu Gesellen wurden auch Stellen für Helfer frei. Angesichts der alternden Belegschaften und der zurückgehenden Zahl der besetzten Lehrstellen wird diese Art der Qualifizierung an Bedeutung gewinnen.

Morgenpost Online: Bekommen die Betriebe den demografischen Wandel bereits zu spüren?

Kentzler: Es wird immer schwieriger, die Lehrstellen zu besetzten, vor allem im Osten. In diesem Jahr sind wenige Tage vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres noch immer mehr als 20.000 freie Lehrstellen bei den Handwerkskammern gemeldet. In 40 Prozent der Betriebe wird in den nächsten fünf Jahren ein Mitarbeiter altersbedingt ausscheiden. Die Betriebe sind bereits heute darauf angewiesen, dass ältere Arbeitnehmer länger arbeiten. Knapp 30 Prozent bauen auch familienfreundliche Maßnahmen aus, um vor allem weibliche Fachkräfte zu gewinnen. Da werden flexible Arbeitszeiten geboten oder die Kinderbetreuung mitorganisiert. Ein kleiner Handwerksbetrieb kann zwar keinen Betriebskindergarten gründen, aber mithilfe der Kommune, mit der Kirche und Vereinen lässt sich vieles bewegen.

Morgenpost Online: Das Handwerk ist aber immer noch eine Männerdomäne.

Kentzler: Die Frauen sind im Handwerk auf dem Vormarsch. Ihr Anteil steigt stetig. Heute sind 27 Prozent aller neuen Auszubildenden im Handwerk weiblich, mehr als 20 Prozent der Meisterprüfungen werden von Frauen abgelegt. Und auch der Schritt in die Selbstständigkeit wird immer öfter gegangen: Jeder vierte Gründer ist weiblich.

Morgenpost Online: In der Politik wird eine Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte diskutiert. Was halten Sie davon?

Kentzler: Quote – das passt nicht für Familienunternehmen. Zumal 75 Prozent der Handwerksbetriebe von einem Ehepaar geleitet werden. Wenn man so will, haben wir auf der Führungsebene in diesen Betrieben einen Frauenanteil von 50 Prozent! Was in großen Unternehmen der Personalchef und der Leiter des Finanzwesens machen, übernimmt in kleinen Handwerksbetrieben oft die Ehefrau des Meisters.

Morgenpost Online: Früher klagten die Handwerksbetriebe oft, viele Bewerber um Lehrstellen seien nicht ausbildungsfähig. Ist es inzwischen besser geworden?

Kentzler: Nicht ausreichend. Deshalb kämpfen wir auch für eine frühzeitige und flächendeckende Berufsorientierung an allen Schulen. Aber die Schulabgänger werden knapp. Da steigen auch die Chancen für schwache Bewerber, wenn denn die richtige Einstellung vorhanden ist. Das Handwerk wendet sich ausdrücklich auch an diejenigen, die Schwierigkeiten beim Übergang von der Schule in die Ausbildung haben. 320.000 Jugendliche in schulischen Warteschleifen, bezahlt von den Arbeitsagenturen, sind zuviel. Hier müssen wir ansetzen.

Morgenpost Online: Wie das?

Kentzler: Nur eine praxisnahe Berufsvorbereitung kann schulmüde Jugendliche an eine Lehre heranführen. Hier hat sich die betriebliche Einstiegsqualifizierung bewährt. Jugendliche machen bis zu zwölf Monate ein Praktikum im Betrieb, und beide Seiten können testen, ob es passt. Parallel können Defizite im schulischen Bereich aufgeholt werden. Die Wirtschaft will in diesem Jahr 30.000 solcher Einstiegsqualifizierungen anbieten. In der Vergangenheit waren sie sehr erfolgreich. Zwei Drittel der Jugendlichen wurden in eine Lehre übernommen.