Nervöse Märkte

Experten halten Börsenbeben für völlig übertrieben

Die trübe Stimmung in der deutschen Wirtschaft kommt laut Ökonomen nicht überraschend. Die Panik an den Märkten sei jedoch unangebracht.

Foto: dapd

Der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Christoph Schmidt, hat vor zu großen konjunkturellen Erwartungen für 2012 gewarnt. Zwar sei in diesem Jahr noch ein Wachstum von rund drei Prozent möglich, 2012 werde es allerdings deutlich weniger, sagte er den Dortmunder „Ruhr Nachrichten“.

Die schlechte Stimmung in der deutschen Wirtschaft sei nicht überraschend: „Die Euphorie nach der guten Wachstumsentwicklung im vergangenen Jahr war fehl am Platz. Die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 sind nicht so schnell ausgestanden“, sagte er.

Als übertrieben bezeichnete er allerdings die aktuelle Nervosität der Finanzmärkte. „Die fundamentalen Wirtschaftsdaten sind deutlich besser, eine Rezession nicht erkennbar“, sagte Schmidt dem Blatt. Auch die Bundesbank sieht derzeit keine Anzeichen für eine Krise in der Finanzwelt wie nach der Lehman-Pleite. „Wir sind sehr weit entfernt von einer Situation, wie wir sie 2008 erlebt haben“, sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Andreas Dombret in New York laut Redemanuskript. Die europäischen Banken hätten im allgemeinen ihre Kapitalbasis erheblich gestärkt und seien dadurch widerstandsfähiger geworden.

Viele Institute hätten die günstigen Marktbedingungen in der ersten Jahreshälfte genutzt, um ihre Finanzausstattung für das Jahr ganz oder zum großen Teil sicherzustellen. Für Unruhe hatte zuletzt gesorgt, dass die Banken im Euro-Raum wieder im größeren Umfang über Nacht Geld bei der Europäischen Zentralbank als eintägige Einlage hinterlegten. Dies gilt als Indikator für das Misstrauen der Institute untereinander.

Besonders hoch war das Misstrauen Ende 2008 nach der Lehman-Pleite. Seinerzeit war der Interbanken- oder Geldhandel zum Erliegen gekommen – die EZB musste einspringen. Damals lagen die Bankeinlagen bei der EZB deutlich über 200 Milliarden Euro. Der Höchstwert in diesem Jahr liegt bei rund 145 Milliarden Euro, der Anfang August erreicht wurde.

Erstmals seit rund einem halben Jahr hatte zudem eine Bank in der vergangenen Woche bei der EZB wieder Dollar nachgefragt. Europäische Banken versorgen sich normalerweise bei anderen Banken, der US-Notenbank oder auf dem Geldmarkt oder dem Devisenmarkt mit Dollar. In Krisenzeiten sind diese Wege aber oft versperrt.