Familie und Beruf

Wirtschaft fordert bessere Grundschul-Betreuung

Mehr als 460.000 Mütter können nur eingeschränkt arbeiten, da ihre Kinder nach der Schule nicht betreut werden. Die Politik muss nun handeln.

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Arbeitsmarktexperten und die Wirtschaft fordern eine Betreuungsoffensive für Grundschulkinder. Eltern mit Kindern hätten in den ersten Schuljahren größte Probleme, Beruf und Familie zu vereinbaren, kritisiert der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann.

Der „Grundschulcheck“, den der DIHK durchgeführt hat und dessen Ergebnisse der „Morgenpost Online“ exklusiv vorliegen, offenbare einen großen Nachholbedarf, bemängelt der Unternehmer. Wie die DIHK-Studie zeigt, organisiert nicht einmal jede vierte Grundschule eine Ferienbetreuung. Lediglich sechs Prozent betreuten die Kinder bei Bedarf noch nach 17 Uhr, kritisiert DIHK-Präsident Driftmann.

Auch die Staatsministerin im Kanzleramt Maria Böhmer sieht akuten Handlungsbedarf. „Bei den Kitas haben wir große Fortschritte gemacht, doch mit dem Schuleintritt der Kinder kommt für viele Eltern der freie Fall“, kritisierte die CDU-Politikerin.

Gerade weil die meisten Kindergärten mittlerweile eine Ganztagsbetreuung anböten, müsse dies auch in den Grundschulen der Fall sein. „Es reicht nicht, dass sogenannte Betreuungsmütter die Kinder bis 13 oder 14 Uhr beaufsichtigen“, mahnte Böhmer. Nötig sei eine längere und vor allem verlässliche Betreuung mit hohem pädagogischem Anspruch.

SPD-Vizechefin Manuela Schwesig forderte eine gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Gemeinden, um den Ausbau der Ganztagsschulen voranzutreiben. Der Bund sollte dabei – ähnlich wie beim Krippenausbau – einen finanziellen Beitrag leisten.

SPD fordert neue Ganztagsschulen

Als einen ersten Schritt forderte Schwesig 7000 neue Ganztagsschulen bis 2015. Mittelfristig sollte es sogar einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz geben, verlangte die SPD-Politikerin.

Der „Grundschulcheck“ basiert auf den Angaben von fast 5000 der insgesamt 16.300 Grundschulen. Zwar gebe es positive Veränderungen, heißt es in der Studie. So sei bundesweit der Anteil der Grundschulen mit Ganztagesangebot von 23 Prozent im Jahr 2005 auf 42 Prozent im Jahr 2009 gestiegen. Doch 20 Prozent dieser Schulen schlössen spätestens um 15 Uhr. Auch seien oft nicht alle Wochentage abgedeckt.

Die Betreuungsprobleme bei Grundschulkindern haben erhebliche negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Berechnungen des Instituts der Zukunft der Arbeit (IZA) zeigen, dass bei einer flächendeckenden Ganztagsbetreuung 460.000 Mütter, die derzeit nicht berufstätig sind, zurück an den Arbeitsmarkt gebracht werden könnten.

Angesichts des drohenden Fachkräftemangels in Deutschland sei das wünschenswert, sagte IZA-Arbeitsmarktexperte Paul Marx. „Durch entsprechende Mehreinnahmen bei der Einkommensteuer und Sozialabgaben würden sich die notwendigen Investitionen größtenteils selbst finanzieren“, sagte der IZA-Arbeitsmarktexperte.

Für FDP sind Mängel nicht hinnehmbar

Auch die Familienexpertin der FDP, Miriam Gruß, hält den Ausbau der Ganztagsbetreuung für Schulkinder für dringend geboten. Angesicht von 185 Milliarden Euro, die der deutsche Staat jährlich für Kinder ausgebe, seien die Betreuungsmängel nicht hinnehmbar.

„Erst setzen wir mit dem Elterngeld einen Anreiz, dass die Mütter nach einem Jahr wieder berufstätig sind, bauen die Kitas entsprechend aus und dann bricht wieder alles zusammen, wenn die Schule losgeht“, sagte die Liberale. „In den vergangenen Jahren lag der Fokus auf den unter Dreijährigen. Jetzt müssen wir die Grundschulkinder verstärkt in den Blick nehmen.“

Das Bundesfamilienministerium verweist indes darauf, dass die Zahl der Grundschulen mit Ganztagsangeboten bereits deutlich zugenommen habe. „Verbesserungsbedarf besteht neben längeren Betreuungszeiten noch bei der Ausweitung des qualitativen Angebots im Bereich der Sprachförderung“, sagte Staatssekretär Josef Hecken.

Auch bei der Ferienbetreuung seien mehr Angebote nötig. „ Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist aber nicht nur eine Frage der Betreuungsangebote. Mindestens ebenso wichtig ist eine familienfreundliche Unternehmenskultur, die Rücksicht auf die familiäre Verantwortung von Eltern mit Schulkindern nimmt und ihnen flexible Arbeitszeiten ermöglicht“, sagte Staatssekretär Hecken.