300 neue Jobs

Bahnbau-Standort Berlin zieht Unternehmen an

Die weltweite Nachfrage nach Schienenfahrzeugen wächst stetig. Davon profitert auch Berlin: Branchenriesen wie Siemens und Bombardier steuern ihre Schienensparten von der Hauptstadt aus. Am Montag eröffnet das Unternehmen Stadler zudem zwei neue Standorte in Reinickendorf und Hohenschönhausen.

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Eine Großstadt, die sich modern gibt, reißt die Gleise raus, legt die Oberleitungsmasten um – und schiebt die Tram aufs tote Gleis. So war das deutschlandweit in den 60er- und 70er-Jahren. Damals hatten Busse und Pkw Vorfahrt. Doch längst gibt es eine Renaissance des Schienenverkehrs und selbst in Ländern ohne Bahntradition einen Wettlauf beim Ausbau der Trassen. Davon profitieren die Bahntechnikhersteller, Branchenriesen wie Siemens oder Bombardier, aber auch Mittelständler. Stadler Pankow zum Beispiel. Und weil die Geschäfte bei Stadler so gut laufen, eröffnet die Deutschlandtochter der Schweizerischen Stadler Rail zwei neue Standorte in Berlin. Stadler ist ein gutes Beispiel dafür, dass Berlin durchaus Potenzial für Industrieansiedlungen hat. Im Bereich Bahntechnik ist die Hauptstadt ohnehin einer der wichtigsten Standorte der Branche – und außerdem die Geburtsstadt der „Elektrischen“.

Stadler Pankow nimmt am Montag offiziell in Reinickendorf einen neuen Standort für Rohbauarbeiten mit angeschlossener Lackiererei in Betrieb. In Hohenschönhausen wird zudem ein Montagewerk festlich eröffnet. Die erste dort bereits fertiggestellte Straßenbahn, eine Vario-Tram, soll dann unter Beisein des Regierenden Bürgermeisters, Klaus Wowereit (SPD), die Fabrikhalle verlassen. Normalerweise findet der Regierende neue Werke nicht so spannend, aber es ist Wahlkampf. Und Ansiedlungen der Schwerindustrie in Berlin sind rar.

300 neue Arbeitsplätze entstehen

Zehn Millionen Euro investiert Stadler in die Standorte, 300 neue Arbeitsplätze sollen in den kommenden zwei Jahren entstehen. „Damit werden wir 2013 deutlich mehr als 1000 Mitarbeiter in Berlin und am Standort Velten beschäftigen“, sagt Stadler-Pankow-Chef Michael Daum. Die Nachricht ist doppelt gut für Berlin. Denn neben den angekündigten neuen Arbeitsplätzen erfährt die Hauptstadt als ohnehin bedeutender Bahn-Standort eine Stärkung – und das kann weiteren Firmen, auch den ansässigen Zulieferern, zusätzlichen Schub verleihen. „Die Bahntechnikhersteller in Berlin-Brandenburg gehen mit Rückenwind in die Zukunft, weil die Nachfrage nach Zügen und Schienentechnik steigt. Davon profitiert die Hauptstadtregion insgesamt“, sagt Ronald Pörner, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie (VDB).

An der Reinickendorfer Miraustraße übernimmt und erweitert Stadler einen Standort der Firma Dangelmayr Oberflächentechnik, deren Mitarbeiter sollen an Bord bleiben. In dem Werk werden unter anderem Doppelstocktriebzüge für das Eisenbahnunternehmen ODEG gefertigt, das auch Berlin anfährt. Die Investition in den Standort an der Gehrenseestraße in Hohenschönhausen ist ebenfalls die Erweiterung eines bestehenden, aber anders genutzten Werks. Dort sollen Straßenbahnen und Doppelstocktriebzüge gebaut werden. Stadler braucht weitere Kapazitäten, um die eingegangenen Bestellungen abarbeiten zu können. „Unser aktueller Auftragsbestand und unsere Zukunftspläne haben diesen Schritt notwendig gemacht“, sagt Geschäftsführer Daum. Stadler sei bis 2012 voll ausgelastet. Für die beiden darauffolgenden Jahre zeichne sich eine ähnlich gute Lage ab, so Daum.

Stadler profitiert damit von der weltweit anziehenden Nachfrage nach Schienenfahrzeugen. Gestiegenes Umweltbewusstsein und Verkehrschaos in den Metropolen geben in immer mehr Städten und Staaten den Anstoß zum Ausbau der Schieneninfrastruktur. Knapp 20 Prozent mehr Aufträge im Bereich Fahrzeugbau hatten die deutschen Bahnbauer 2010 im Vergleich zum Vorjahr an Land ziehen können. Die Umsätze der deutschen Hersteller steigen seit 1997, seit fünf Jahren ungebrochen. Der Wert der Auftragseingänge hatte – nach dem Spitzenjahr 2008 – im vergangenen Jahr ein Rekordhoch erreicht. Dabei wird nach dem Inlandsgeschäft der Export immer wichtiger.

Das Wachstum der Branche bedeutet insgesamt eine Stärkung der Berliner Wirtschaft, rund 30 Spitzenfirmen des Eisenbahnsektors haben dort oder im Umland ihren Sitz, darunter Traditionsunternehmen wie Knorr-Bremse oder Spitzke. Hinzu kommen weitere technologiestarke mittelständische Unternehmen. Der kanadische Bombardier-Konzern, weltweit die Nummer eins der Branche, steuert seine Schienensparte aus Berlin und hat mit Hennigsdorf sein größtes Bahnwerk am Stadtrand. Siemens fertigt zwar keine Züge in Berlin hatte die Leitung seiner Verkehrssparte Mitte vergangenen Jahres von Erlangen nach Siemensstadt verlegt. Insgesamt hat die Bahnindustrie in der Region rund 7000 Mitarbeiter und erreicht einen Umsatz von etwa 1,5 Milliarden Euro.

Stadler hofft auf Aufträge aus Berlin

„In Deutschland ist nur Nordrhein-Westfalen als Bahn-Standort ähnlich bedeutend wie Berlin“, sagt VDB-Hauptgeschäftsführer Pörner. Und Deutschland gilt neben Japan und Frankreich führend in der Bahntechnik. In Berlin sitzt zudem das Gros der großen Bahnunternehmen im Land, neben der Deutschen Bahn, Veolia oder Keolis. Für Stadler sind die neuen Standorte auch ein Versuch, das Geschäft am Unternehmenssitz zu forcieren. Stadler-Bahnen fahren zwar in vielen europäischen Städten, in Berlin und Brandenburg sind sie hingegen noch immer eine Seltenheit. Die Regiobahn „Flirt“ könne gut als Ersatz für die Berliner S-Bahn passen, heißt es bei Stadler hoffnungsvoll. Aber um diesen Auftrag buhlen auch Siemens und Bombardier.