Aufstieg

Geben und Nehmen. Das Prinzip Wolfsburg

Nur Wolfsburg kann wirtschaftlich mit dem Süden mithalten. Ulrich Exner erklärt, warum die Stadt mehr ist als nur VW und wie sie aufsteigen konnte.

Foto: phaeno Wolfsburg

Es war der Morgen des 23. September 2010, da stand plötzlich und ziemlich unerwartet die Polizei vor der Villa des „Königs von Wolfsburg“, wie der ehemalige Hausherr von allen genannt wurde.

Acht Beamte, entsandt von der Braunschweiger Staatsanwaltschaft, durchkämmten das Anwesen auf dem Steimker Berg, in dem einst Heinrich Nordhoff, der legendäre erste Volkswagen-Chef, residiert hatte und in dem seit einigen Jahren Professor Rolf Schnellecke wohnt, der Oberbürgermeister von Wolfsburg, auch er ein kleiner König in seiner Stadt. Die Fahnder ließen kein Blatt auf dem anderen, durchsuchten jeden Schrank, jeden Winkel des großen, aber schmucklosen 50er-Jahre-Baus, selbst das Schlafzimmer war kein Tabu.

„Alle taten ihre Pflicht, aber es war entwürdigend“, beschreibt Rolf Schnellecke, seit 1996 ungekröntes, unangefochtenes Oberhaupt der VW-Stadt, die Razzia des Landeskriminalamtes, von der auch sein Büro im Rathaus nicht verschont wurde.

Erst nach sieben Stunden gingen die Beamten wieder, alle Wahlkampfunterlagen Schnelleckes aus den Jahren 2001 und 2006 im Gepäck. Einen Tag danach teilte der Braunschweiger Pressestaatsanwalt Joachim Geyer öffentlich mit, dass Wolfsburgs Oberbürgermeister in der sogenannten Stadtwerke-Affäre zum Kreis der Verdächtigen gehöre. Man ermittle gegen Schnellecke wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsannahme. Mitarbeiter der Stadtwerke sollen während ihrer Arbeitszeit Wahlkampf für ihn gemacht haben.

Seit diesem für ihn rabenschwarzen Tag kämpft ein empörter Rolf Schnellecke, „der Macher“, auch „der Berlusconi von Wolfsburg“, wie manche den 66-jährigen Eigentümer eines Logistikkonzerns eher schmunzelnd als furchtbar bösartig nennen, um seinen Ruf. Um seine Ehre.

Um die Ehre seiner kleinen Stadt, die sich unter seiner Führung endlich aufgemacht hatte, doch noch richtig groß zu werden. Und ein bisschen geht es auch um die Ehre der alten Bundesrepublik, für deren bieder-fleißigen Aufstieg Wolfsburg schon immer ein prächtiges Symbol war. Ein Ort, den es gar nicht richtig gegeben hatte vor der Kriegsniederlage, vor dem Siegeszug des Käfers.

Hier, im niedersächsischen Osten, einen Steinwurf entfernt von der damaligen Zonengrenze, wuchs quasi aus dem Nichts, mitten auf Ost-Niedersachsens weitläufigen Ackerflächen, eine prosperierende Stadt.

Nirgendwo sonst in Deutschland war die „Stunde null“ derart greifbar wie in der komplett zerstörten „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“, wie die Arbeitersiedlung für die entstehende Autofabrik unter den Nazis zunächst geheißen hatte. Wirtschaftswunder live, jahrzehntelang: Geht es VW gut, geht es Wolfsburg gut; geht es der Wirtschaft gut, geht es Deutschland gut.

Nirgendwo sonst lassen sich Stärken und Schwächen der sozialen Marktwirtschaft, das konstruktive Miteinander von Kapital und Arbeit, die Konsensrepublik und die Filzrepublik modellhaft auf engstem Raum besser beobachten als hier. „Wir sind so ein kleines Brennglas für Gesamtdeutschland, ein Spiegelbild der Entwicklung“, sagt Rolf Schnellecke gern und häufig über seine Stadt. Das gilt auch für die Stärken und Schwächen der hier lebenden Menschen.

Die Leistungen eines Patriarchen

Man kommt auf dem Weg nach Wolfsburg an Immensen vorbei. Das ist jenes Nest mitten in der niedersächsischen Pampa, in dem einst Gerhard Schröder mit seiner früheren Frau Hillu wohnte. Schröder und Schnellecke sind ein Jahrgang, ein Nachkriegstyp. Beide mussten früh ohne ihre Väter auskommen. Beide wurden mit dominanten Müttern groß. Beide übernahmen schon in jungen Jahren viel Verantwortung und haben dann, versehen mit dem Ehrgeiz der Aufstrebenden, einiges gemacht aus ihrem Leben. Patriarchen am Ende.

Gutmütig, wenn es darauf ankam auch ein bisschen verschlagen. Manchmal gehen diese Menschen auch mit dem Kopf direkt durch die Wand. Manchmal wollen sie zu viel. Und dann stoßen sie hinten um, was sie vorne aufgebaut haben.

Rolf Schnellecke ist wie Schröder stolz darauf, aus eher ärmlichen Verhältnissen zu kommen, wie sie vielerorts eben herrschten im Nachkriegsdeutschland. Und er ist stolz auf seinen Aufstieg. Wie der alte Cohiba-Kanzler liebt es Wolfsburgs Oberbürgermeister zuweilen, sich ein paar Insignien dieses Aufstiegs zuzulegen.

Der Umzug des Stadtoberhaupts in die Nordhoff-Villa gehörte ebenso dazu wie der Kauf eines Horch-Automobils aus dem Jahre 1935, das seinerzeit, man glaubt es kaum, Äthiopiens Kaiser Haile Selassie gehört hatte.

Schnelleckes Vater Albert, ein Umzugsunternehmer, starb 1949 an einer Lungenentzündung. Dessen Frau Margarete war von da an nicht mehr nur Mutter zweier Kinder, sondern auch noch Chefin eines Kleinbetriebs mit drei Lastwagen und fünf Mitarbeitern.

Als Margarete Schnellecke 2005 100-jährig starb, war ihr Sohn Rolf nicht nur seit mittlerweile vier Jahren Oberbürgermeister von Wolfsburg, der „Hauptstadt von VW“ also, sondern auch Inhaber und Aufsichtsratschef eines internationalen Logistikkonzerns. Die Schnellecke Group macht ihre weltweiten Geschäfte überall dort, wo auch VW seine Geschäfte macht: Mexiko, Brasilien, Südafrika, China natürlich und Osteuropa.

Rolf Schnellecke hat in dieser Doppelrolle vieles erreicht. Für sein Unternehmen und für seine Heimatstadt. Als er anfing mit der Politik, Mitte der 90er-Jahre, damals noch als Oberstadtdirektor, herrschte Krise in Wolfsburg. VW ging es nicht so gut, der Konzern war verfettet, behäbig, unproduktiv, die Absatzzahlen rutschten in den Keller, die Arbeitslosigkeit in Wolfsburg stieg auf 18 Prozent. Heute sind es sechs.

Die Stadt wird Ende des Jahres nahezu schuldenfrei sein. Man hat ein renommiertes Kunstmuseum, ein Wissenschafts-Center, man leistet sich gelegentlich sehr teure Architekten für sehr teure Gebäude und einen ambitionierten Fußball-Bundesligisten, der vor eineinhalb Jahren sogar Deutscher Meister wurde. Dazu die Autostadt, das Stadion, ein Planetarium, ein Freizeitpark, der seinesgleichen sucht. Es gibt so viele Dinge in Wolfsburg, die es in anderen Städten nicht gibt.

Die Menschen, die hier wohnen, fahren auch nicht mehr zwangsläufig nach Braunschweig wie früher, wenn sie etwas einkaufen wollen, was nicht unbedingt Dosenmilch ist. Sie flanieren jetzt durch die City Galerie, ein weitläufiges Einkaufszentrum, oder durch das Factory Outlet Center mit seinen bislang mehr als 50 Modemarken, 40 weitere sollen demnächst dazukommen.

Sogar der ICE hält hier mittlerweile an auf seinem Weg von Hannover nach Berlin. Gerade hat das Prognos-Institut Wolfsburg zur „dynamischsten Stadt Deutschlands“ gekürt. Wolfsburg! Eine Stadt macht Karriere, eine Tellerwäscherkarriere sogar, bald könnte es so weit sein, dass auch die immer etwas extravaganten VW-Führungskräfte hier ihren Wohnsitz nehmen.

Man könnte alles in allem also ziemlich zufrieden sein hier als Oberbürgermeister, vielleicht sogar an den verdienten Ruhestand, an die Rente denken. Vor drei Monaten noch, am 12. September, feierte „tout Wolfsburg“ in Schnelleckes Garten den 66. Geburtstag des Hausherrn.

Die Sonne schien, es gab italienische Spezialitäten von „Vini d’Italia“. Vier VW-Vorstände waren gekommen mit Vorstandschef Martin Winterkorn an der Spitze, dazu Lothar Hagebölling, Vertrauter Christian Wulffs, inzwischen Chef des Bundespräsidialamtes, auch der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann. Das wäre so eine Gelegenheit gewesen. Vielleicht war es sogar die letzte Chance, vollständig erhobenen Hauptes zu gehen.

Stattdessen sitzt Rolf Schnellecke im Restaurant des Wolfsburger Kunstmuseums. Und ärgert sich. Kocht innerlich, Und dampft äußerlich. Versucht dennoch ruhig, nüchtern und sehr freundlich zu bleiben, nicht zu poltern wie Schröder nach seiner Abwahl. Sagt nur: „Das trifft mich tief in meiner Ehre.“ Oder: „Ich wehre mich, ständig mit dem Stigma zu leben.“

Dann platzt es doch wieder alles aus ihm heraus. Die Wut auf denjenigen, der aus diesen Nichtigkeiten einen Riesenskandal machen will. Und auf die Staatsanwaltschaft, die das auch noch ernst nimmt. Razzia! Zu Hause! Im Büro! Sagt sogar erst, es werde nicht gegen ihn ermittelt. Und am nächsten Tag kommt eine Extra-Presseerklärung, dass nun doch gegen Schnellecke ermittelt werde. „Und das bringt dann sogar die ,Tagesschau‘.“ Staatsanwälte ermitteln gegen Wolfsburgs Oberbürgermeister. Seit zweieinhalb Monaten inzwischen.

Dabei hat er doch alles gesagt, was zu sagen war, in einer schäumenden fünfseitigen Presseerklärung, mit der Quintessenz: „Ich habe mir über die 35 Jahre als Beamter nicht das Geringste zuschulden kommen lassen.“ Und, genauer: „Sämtliche Behauptungen, ich hätte mit meinem Wissen und Wollen für meine Wahlkämpfe um das Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Wolfsburg Leistungen auf Kosten der Stadtwerke in Anspruch genommen, sind und bleiben unwahr und erlogen. Eine solche Handlungsweise hätte ich nie zugelassen.“

Wer von den Machenschaften wusste

Am Ende, davon kann man ausgehen, wird es vor allem um das „Wissen und Wollen“ gehen. Denn dass es nicht so ganz mit rechten Dingen zugegangen ist in den Wolfsburger Stadtwerken, dass davon zunächst die Union profitiert hat und damit mindestens mittelbar natürlich auch der von ihr gestellte Oberbürgermeister, davon gehen hier am Mittellandkanal die meisten aus. Die Frage, die sich stellt, ist lediglich, ob hier ein Einzelner mehr oder weniger auf eigene Faust gehandelt hat. Oder quasi auf Anweisung „von oben“, also des inzwischen beurlaubten Stadt-?werke-Chefs und Schnellecke-Intimus’ Markus Karp.

Maik Nahrstedt, ein niedersächsisch erdverbundener Jeansträger mit gewöhnungsbedürftiger Frisur, hat vorsichtshalber einen Mithörer zur Verstärkung mitgebracht zu seinem „Lieblingsitaliener“ im Wolfsburger Stadtteil Vorsfelde. Man geht derzeit besser auf Nummer sicher in der VW-Stadt.

Ein falsches Wort, ein falscher Satz, schon kommt ein Trupp Anwälte um die Ecke. Wozu Nahrstedt erheblich beigetragen hat, mit seinen etwas langatmig aufgelisteten Beschuldigungen gegen Stadtwerke-Vorstand Karp, die örtliche CDU und am Ende auch gegen Rolf Schnellecke als potenziellen Nutznießer dieser angeblichen Machenschaften.

Kurz gefasst, behauptet der 42-jährige ehemalige Pressesprecher der Wolfsburger Stadtwerke, fast ein Jahrzehnt lang weniger seinem eigentlichen Arbeitgeber gedient zu haben als vielmehr der Christlich Demokratischen Union Deutschlands. Lohn, Auslagen, Telefon- und Fahrtkosten.

Das alles sei zulasten der Gebühren- beziehungsweise Steuerzahler gegangen, die Wolfsburger Stadtwerke sind zu einhundert Prozent Eigentum der Kommune. Nutznießer seiner Arbeit aber, so stellt es Nahrstedt dar, sei die CDU gewesen, insbesondere deren Wolfsburger Kreisverband, der christdemokratische Oberbürgermeister und ein bisschen auch der Landesverband Niedersachsen.

Letzteres allerdings in sehr überschaubarem Maße, wenige Wochen gegen Ende des Jahres 2002. Die Landes-Union, der das LKA Mitte September ebenfalls einen nicht gerade unauffälligen Besuch abstattete, darf also erst mal durchatmen. Die Namen Wulff (heute Bundespräsident), McAllister (heute Ministerpräsident), Glaeseker (Wulffs Sprecher), die Nahrstedt zu Anfang der Affäre samt Foto von sich und Unionsikone Helmut Kohl fröhlich und unwidersprochen durch Deutschlands Gazetten rumpeln ließ, sammelt er inzwischen im persönlichen Gespräch fix wieder ein.

Der Kontakt zum niedersächsischen Landesverband sei unterm Strich eher sporadisch gewesen. Ab Dezember 2002 gab es ihn dann gar nicht mehr. „Die CDU in Hannover wäre sicher auch ohne mich ausgekommen“, sagt Nahrstedt heute. In seiner Mitte September an den Aufsichtsrat versandten 14-seitigen Selbstbezichtigung hatte sich das noch sehr viel wuchtiger gelesen.

Dieses vorzeitige Ende der Zusammenarbeit mit Wulff mag damals daran gelegen haben, dass Markus Karp, der zunächst Kampagnenmanager des CDU-Spitzenkandidaten gewesen war, mitten im Wahlkampf anfing, zum Unwillen des Chefs, Wulffs Sekretärin zu bezirzen, die er später auch heiratete.

Das ist heute immer noch ein großes Glück, auch für den neuen Bundespräsidenten und für die Regierung eines Bundeslandes, dessen Leistungskraft in erheblichem Maße auf Wolfsburger Boden gründet. Um wie viel unangenehmer wäre es andernfalls gewesen, im Zusammenhang mit den laufenden Ermittlungen zu lesen, dass jene vier Lastkraftwagen, die seit Januar für eine neue Imagekampagne der Landesregierung durch die Weltgeschichte rollen, ausgerechnet von der Spedition Schnellecke zur Verfügung gestellt wurden.

„Die 18 Meter langen ,Botschafter für Niedersachsen‘ werden nun auf den Straßen in ganz Deutschland und Europa ein positives Bild von Niedersachsen vermitteln“, heißt es dazu im Internetauftritt der Schnellecke Group. Gerade noch mal gut gegangen.

In seiner Heimatstadt aber, sagt Nahrstedt nun, nachdem ein Teil des Flächenbrandes ausgetreten ist, den er im September gelegt hatte, sei er dagegen quasi pausenlos für die Union im Einsatz gewesen. Erst recht in den kommunalen Wahlkämpfen der Jahre 2001 und 2006.

Für seine Partei, natürlich, und auch für deren Oberbürgermeisterkandidaten. „Für Rolf Schnellecke habe ich aus den vielen Wahlkampffotos sogar noch eine Geburtstagszeitung gefertigt.“ Sehr umfangreich sei sein Einsatz gewesen, am Feierabend, aber natürlich auch während seiner Arbeitszeit und mit von den Stadtwerken bezahlten Laptop, Auto, Handy. Hunderte Presseerklärungen will er in dieser Zeit auf seinem mittlerweile von der Staatsanwaltschaft konfiszierten Laptop archiviert haben, unendlich viele Telefonate habe er im Auftrag der Union geführt. Sogar seine natürlich von den Stadtwerken gesponserte Hobby-Fußballtruppe sei 2006 für Partei und Oberbürgermeister in Marsch gesetzt worden, um Wahlwerbung zu verteilen.

Eine tragende Rolle habe er also im Wahlkampf der Wolfsburger CDU und ihres großen Aushängeschilds Schnellecke gespielt, das könne er mit Fug und recht behaupten. Sagt Nahrstedt und nippt kurz an seinem Glas, mit seinem orangefarbenen „Ich nehme wie immer“-Getränk. Bezahlt habe diesen vollen Einsatz im Wesentlichen das öffentliche Unternehmen Stadtwerke. Und das sei den Verantwortlichen auch sehr bewusst gewesen. Zwar stamme der eigentliche Auftrag zur Parteiarbeit vom 2005 verstorbenen Vorgänger Karps.

Aber sowohl Rolf Schnellecke, der Bürgermeister, als auch Markus Karp, der lange Zeit designierter Wunschnachfolger Schnelleckes war, seien sich dieser Sachlage bewusst gewesen. Träfen Nahrstedts Behauptungen zu, wäre das ein Klops. Für die örtliche Union, erst recht für ihren Oberbürgermeister und seinen – nach alledem – ehemaligen Wunschnachfolger.

Karp, der seit Wochen mithilfe eines Berliner PR-Beraters um seinen Ruf kämpft, und Schnellecke bestreiten energisch, von Nahrstedts Parteiarbeit zulasten der Stadtwerke gewusst zu haben. Man sei davon ausgegangen, dass Nahrstedt seine Tätigkeit für die Union, auch seinen Einsatz in den Schnellecke-Wahlkämpfen, ehrenamtlich, also nach Feierabend, zumindest aber nicht während der Arbeitszeit geleistet habe. Was Karp wie auch Schnellecke nicht bestreiten, jedenfalls nicht grundsätzlich, ist eine relativ große Nähe zu Nahrstedt über einen relativ langen Zeitraum.

Mittlerweile ist man froh über jeden belegbaren Millimeter Distanz zu diesem „rach- und geltungssüchtigen Menschen“ (Schnellecke über Nahrstedt). Aber das ist nicht so ganz einfach für einen wie Markus Karp, den ganz Wolfsburg lange Jahre als dicksten Kumpel Nahrstedts erlebt hat. Auch nicht für einen, der noch 14 Tage vor der Eskalation der Ereignisse Hochzeitsgrüße an Nahrstedt sendet.

„Hallo Maik“, schreibt Oberbürgermeister Rolf Schnellecke am 30. August 2010 in einer SMS an Nahrstedt, die dieser gerne vorzeigt, „ich hoffe du hattest eine gute Hochzeit. Nachträglich herzliche Gratulation. Meine besten Wünsche für den gemeinsamen Lebensweg. Gruß Rolf“.

Eine etwas banale Form des Glückwunsches zu so einem feierlichen Anlass. Allerdings hatte Nahrstedt Schnellecke zu diesem Zeitpunkt in einem persönlichen Gespräch bereits angedeutet, „eine Bombe platzen“ zu lassen, falls dieser nicht dafür sorge, dass bei den Stadtwerken wieder alles ins Lot komme für ihn. Nahrstedt hatte sich etwa seit 2008 mit Karp immer heftiger befehdet. Warum, das weiß bisher niemand so genau. Schnellecke sagt heute, er habe schon diesen Auftritt Nahrstedts als Drohung, wenn nicht gar als Erpressung wahrgenommen. Aber: Schickt man einem „Erpresser“ Glückwünsche zur Hochzeit?

Wenn man die beiden früher dick befreundeten Vierziger Karp und Nahrstedt heute nach dem Grund für ihre plötzliche Feindschaft fragt, dann wähnt man sich in einem Rosenkrieg. Kaum durchschaubar, aber unversöhnlich. Beide, sagen sie jeder für sich, hätten nur das Gute gewollt, für die Stadtwerke, für deren Mitarbeiter vor allem, für deren Zukunft, keinesfalls aber für sich selbst. Man ist da nicht kleinlich in eigener Sache.

Die aber dürfte für beide nicht gut enden. Nicht für Nahrstedt, der gegen seine fristlose Kündigung zwar erfolgreich geklagt hat in erster Instanz, aber immer noch Hausverbot hat bei den Stadtwerken. Auch nicht für Karp, bei dem es in den zuständigen Gremien auch nur noch um den Weg der Trennung geht. Sie haben sich gegenseitig unmöglich gemacht. So viel ist schon mal klar.

Und für Rolf Schnellecke? Der Oberbürgermeister, der Stadtwerke-Aufsichtsrat, VfL-Wolfsburg-Aufsichtsrat, Sparkassen-Verwaltungsrat. Der um sein Lebenswerk kämpft wie einst Schröder um die Kanzlerschaft. Der Stein auf Bein schwört, jeden Cent seiner Wahlkämpfe aus der eigenen Tasche bezahlt zu haben. Der es ja auch gar nicht nötig gehabt hätte, mit einem Unternehmen im Kreuz, das immer größer und ertragreicher wurde. Der sich darauf konzentrieren konnte, sich „mit aller persönlicher Kraft für meine Heimatstadt Wolfsburg“ einzusetzen. Der mit diesem Einsatz Erfolg hatte, wie einem jeder hier bestätigt, den man fragt.

Kann der sich diesem Strudel aus persönlicher Freundschaft, Feindschaft, Diffamierung in seinem eigenen Hoheitsbereich noch entziehen? Wird er die Geister noch los, die er ja auch rief und von denen einer sich nun als wandelnde Zeitbombe entpuppt, die das ganze System Wolfsburg, das mühsam aufgebaute Image der Stadt, aber eben auch das Lebenswerk ihres Oberbürgermeisters bedroht?

Postengeschacher und Einflussnahme

Maik Nahrstedt war für Schnellecke im Grunde nie mehr als ein nützliches Helferlein, einer, der Pressemitteilungen schrieb und Fotos knipste, die dann prompt in einem Anzeigenblatt erschienen, zum Leidwesen der politischen Konkurrenz. Markus Karp dagegen war ein anderes Kaliber. Schnelleckes wichtigste Säule, sein potenzieller Nachfolger, sein Spezi. Karp organisierte ihm im Jahr 2001 den erfolgreichen Wahlkampf, er hielt ihm in der CDU-Fraktion den Rücken frei, selbst dann noch, als Karp, quasi nebenbei, Staatssekretär im brandenburgischen Wissenschaftsministerium wurde, was ihn nicht glücklich machte. Die Frau daheim in Wolfsburg, die ständige Fahrerei, die Rückenprobleme, die Karp häufig zu schaffen machten.

Zum 1. Januar 2006 wurde Karp hauptamtlicher Vorstand der Stadtwerke Wolfsburg, ein sehr gut dotierter Job, den er gegen den Willen des Oberbürgermeisters wohl niemals bekommen hätte. Gleichzeitig beriet Karp Schnellecke wieder in dessen Kampf ums Rathaus, natürlich nur „nach Feierabend“, was nun eine Standardfloskel ist in Wolfsburg. Das mag man dann glauben oder nicht. Es widerspricht jedenfalls der bundesrepublikanischen Lebenserfahrung mit öffentlichen Unternehmen, mit denen seit jeher auch Politik gemacht wird. Die Besetzung von Vorstands- und Aufsichtratsposten ist Teil des kommunalpolitischen Machtspiels in Deutschland.

Die Verbindung der beiden Wolfsburger CDU-Granden Schnellecke und Karp jedenfalls war, politisch wie beruflich, sehr eng. Man profitierte voneinander, man half einander, man achtete einander. Man hatte gemeinsam großen Erfolg. Jetzt hat man gemeinsam große Probleme. Für Schnellecke dürfte einiges davon abhängen, ob Karp am Ende wenigstens juristisch einigermaßen gut davonkommt, seine Zeit bei den Stadtwerken ist ohnehin abgelaufen. So oder so. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat gerade einen Antrag der Schnellecke-Anwälte abgelehnt, das Verfahren gegen den Oberbürgermeister abzutrennen von denen gegen Nahrstedt und Karp. Die Dinge seien zu eng verwoben.

Nähe, gegenseitiges Geben und Nehmen, Postengeschacher, politische Einflussnahme. Alltagsgeschäft. Das ist in Wolfsburg ja nicht anders als in anderen Gemeinden, nur ist hier alles etwas eindeutiger. Die historischen Verwicklungen sind mangels Historie recht übersichtlich, auch die Zahl der beteiligten Personen. Zudem sind die wirtschaftlichen Abhängigkeiten klar definiert: Was gut ist für VW, ist auch gut für die Stadt. Und für die Menschen, die hier leben. Auch für den Bürgermeister.

Hinter Immensen taucht der Regionalexpress nach einer Weile in eine Schallschutzschneise ein, und wenn man da wieder herauskommt, sieht man als Erstes links das VW-Werk, davor den Mittellandkanal, die berühmten vier Schornsteine des betriebseigenen Kraftwerks, die jetzt im Dezember zu riesigen Adventskerzen werden, prägend sind sie auch im Rest des Jahres.

Wolfsburg, die 120.000-Einwohner-Siedlung rechts des Kanals, ist immer noch ein Klacks verglichen mit dem Konzern, der alles dominiert. Man bekommt also recht schnell eine Ahnung, woher der latente Minderwertigkeitskomplex rührt, den jene Wolfsburger ihrer Stadt und deren Leistungsträgern konstatieren, die es schaffen, Distanz zu sich selbst zu halten trotz aller Enge. Das sind nicht so viele. Und deshalb muss man sie ein wenig schützen, wenn man über sie schreibt. Es gibt sonst sehr zügig freundlich klingende Anrufe von der anderen Seite des Kanals, bei denen ein ganz unangenehmer Unterton mitschwingt.

Wir treffen also einen Herrn, den wir Bernd D. nennen, in einem kleinen Zimmer in der Wolfsburger Innenstadt. D. engagiert sich ehrenamtlich in der Stadt und arbeitet hauptamtlich in einer nicht ganz unwichtigen Abteilung des VW-Konzerns. Er kennt sich ganz gut aus in den beiden Systemen, die hier zum gegenseitigen Wohl zusammenwirken. Und die, man ist schließlich zusammen groß geworden, ganz ähnlich funktionieren.

Ein bisschen geht es hüben wie drüben zu wie auf der Bonanza-Ranch. Alles recht weitläufig, es gibt hier Ärger, da Streit, manchmal bekommen die Köche einen auf den Deckel, und am Ende entscheidet Pa Cartwright, was gut ist und was böse. Bei VW ist das Ferdinand Piëch, früher Vorstandsvorsitzender, heute Aufsichtsratschef und Patron des Volkswagenwerks. In Wolfsburg selbst Rolf Schnellecke, Oberbürgermeister und Patron der Stadt.

Beide haben in den für Wolfsburg und den VW-Konzern krisenhaften 90er-Jahren angefangen, Piëch etwas früher, Schnellecke, nach Studium und Verwaltungskarriere, etwas später. Sie verstanden sich einigermaßen, wobei Piëch, so erzählt es D., immer Wert darauf gelegt hat, dass auch nach außen klar wird, wer der Koch ist in dem Duo und wer Kellner.

Schnellecke bekam immer einen Termin im Vorstandsbüro, aber es konnte auch schon mal etwas dauern. Auf der anderen Seite war Piëch, waren Privilegien und Lebensstil des VW-Chefs auch immer Maßstab für den Rathauschef, der sich und seine Stadt gerne auf Augenhöhe bringen wollte mit dem Weltkonzern von nebenan. Ein Höhepunkt in Schnelleckes Leben, sagt Herr D., sei die Einladung Piëchs zum GTI-Treffen am Wörthersee gewesen, einer Motorshow mit Kultcharakter im österreichischen Kaff Reifnitz, zu der jeweils am Vatertag die gesamte Volkswagen-Prominenz aufläuft.

Herr Wolfsburg und Herr VW

Wie auch immer, Piëch und Schnellecke, Herr VW und Herr Wolfsburg, schlossen Mitte der 90er-Jahre angesichts mieser Bilanzen hier und galoppierender Arbeitslosigkeit dort einen Pakt. Dieser „Schulterschluss“ zwischen Wolfsburg und Werk und die daraus folgende Institutionalisierung des Konsenses von Politik und Wirtschaft war der Grundstein für die äußerst dynamische Entwicklung, die aus der Arbeitersiedlung Wolfsburg eine kleine Großstadt machen sollte. Er habe damals an das Gewissen Piëchs appelliert, Wolfsburg nicht ausbluten zu lassen, erzählt Rolf Schnellecke über diese Zeit. Dieser habe seine Argumente verstanden, auch, dass nur ein prosperierendes Wolfsburg gut sei für den Weltkonzern.

Als Erstes schlossen sich Stadt und VW in der Wolfsburg AG 1999 zusammen, ein Unternehmen, an dem beide zu je 50 Prozent beteiligt sind und das die Aufgabe bekommen hat, Wolfsburgs wirtschaftliche und gesellschaftliche Attraktivität zu vergrößern, Arbeitsplätze zu generieren. Ziel ist eine „ganzheitliche langfristige Standortentwicklung“, die auch darauf abzielt, Wolfsburgs Abhängigkeit von der Autokonjunktur wenigstens ein Stück weit abzufedern.

Also fördert die Wolfsburg AG zum Beispiel die Gründung junger Unternehmen, die ihr Geld mit dem Autothema „Mobilität“ verdienen wollen, verleiht als Personalserviceagentur Arbeitnehmer, was auch recht nützlich ist für einen Konzern, dessen Produkt auch Konjunkturen unterworfen ist. Man baut und unterhält Stadien, betreibt Wirtschaftsförderung und dient Stadt und VW-Werk gleichermaßen. Mehr als zehntausend Arbeitsplätze sind so rings um das VW-Werk entstanden, zumeist bei Zulieferern und Dienstleistern.

Auch bei der Schnellecke Group, der ehemaligen Umzugsspedition, deren Inhaber Rolf Schnellecke ist, deren operatives Geschäft aber fähige Geschäftsführer leiten. Rund 12.500 Beschäftigte hat das einst winzige Familienunternehmen inzwischen weltweit. Der Aufschwung bei VW und der Aufschwung Wolfsburgs, kein Zweifel, hat auch der Schnellecke Group erheblich genutzt.

Herr D., der die Spielregeln bei VW gut kennt, nickt heftig mit dem Kopf, wenn man ihn fragt, ob man sich das auch so vorstellen darf, dass der Autohersteller Zulieferbetrieben, die in Wolfsburg Arbeitsplätze schufen (und womöglich andernorts abbauten), die Abnahme bestimmter Stückzahlen garantierte und somit zur Prosperität der Stadt nicht mehr allein durch das Zahlen von Gewerbesteuern beitrug.

Ein bisschen überspitzt formuliert, wusch mit der Gründung der Wolfsburg AG ganz offiziell eine Hand die andere. Public Private Partnership nennt man so etwas heute bundesweit, so perfekt wie hier funktioniert das gegenseitige Geben und Nehmen wahrscheinlich nirgendwo. Wolfsburg war immer auch ein Vorreiter der Nation, nicht nur ein Spiegel.

Als Gründerväter der Wolfsburg AG zeichneten 1998 neben Oberstadtdirektor Schnellecke VW-Personalvorstand Peter Hartz und VW-Betriebsratschef Klaus Volkert. Zwei Menschen, deren Karrieren im Jahr 2005 daran zerschellten, dass Macht und Erfolg und zu große Nähe zweier Instanzen, die eigentlich Distanz zueinander halten sollten, den Blick für die eigenen Grenzen verstellten.

Man verzichtet dann zu schnell auf die gegenseitige Kontrolle, ein Prinzip, dessen öffentliche und private Unternehmen gleichermaßen bedürfen, zumindest solange sie von Menschen mit ihren Schwächen und Anfechtungen geführt werden. Hartz und Volkert, so stellte sich damals heraus, fanden wenig Anstößiges daran, dass der eine dem anderen neben einem sehr stattlichen VW-Gehalt auch ein paar außereheliche Ausschweifungen von Volkswagen bezahlen ließ. „Alle haben doch profitiert“, hat Klaus Volkert das tabulose Leben und Lebenlassen zwischen VW-Vorstand und VW-Betriebsrat am Ende seines Prozesses gerechtfertigt. Ein Satz, den man in Wolfsburg noch heute häufig hört, wenn man über Dinge redet, die an die Grenzen des guten Geschmacks rühren.

Herr D. sitzt in dem kleinen Wolfsburger Innenstadtzimmer und betont, dass Rolf Schnellecke trotz seiner Nähe zu Hartz und Volkert nie in den Rotlicht-Skandal verwickelt war. Aber er ist dann schnell bei einer anderen Versuchung, einer, der man zuerst ebenfalls vor allem jenseits des Mittellandkanals gern und häufig erlag. Es ist ein Thema, über das jetzt im Lichte der Stadtwerke-Affäre wieder getuschelt wird in der Stadt, über das sich Rolf Schnellecke sehr aufregt und über das man die Überschrift setzen könnte: Wenn es dem Menschen zu wohl wird, dann braucht er einen Titel.

Mehr Schein als Sein: Die Titel-Affäre

„Was wünschen sich denn Menschen, wenn sie alles haben?“ doziert Herr D. „Haus, Frau, Kinder, Auto und Geld genug, um dreimal im Jahr Urlaub zu machen? Richtig! Einen Titel.“ Und deshalb habe es beim VW-Vorstand eine Abteilung gegeben, die zwar dies und das machte, deren Mitglieder sich aber während der Arbeitszeit auch damit beschäftigten, die Vorstandsmitglieder beim Erwerb ihrer akademischen Würden zu unterstützen. Peter Hartz hat einen Professorentitel. Und auch sein Betriebsratskumpel Klaus Volkert. Auch Folker Weißgerber, der 2007 verstorbene Produktionschef des Werks, ein Elektromonteur und Schnellecke-Vertrauter, wurde bedient.

Die für die Ehrung nötigen Fachaufsätze seien, so berichtet Herr D. und schmunzelt, von fleißigen VW-Helferlein verfasst und unter Weißgerbers Namen veröffentlicht worden. Gleichzeitig machte man sich, während der Arbeitszeit natürlich, nicht ehrenamtlich, auf die Suche nach einer willigen Universität oder Fachhochschule.

Gerne genommen wurden ausländische Institute, zum Beispiel in China, aber auch die Universitäten in den neuen Bundesländern zeigten sich gelegentlich kooperationsbereit. Weißgerber zum Beispiel wurde Professor an der TU Chemnitz, seiner Geburtsstadt. Von Ex-Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder heißt es, er habe eines Tages den Vorschlag gemacht, alle Titel wieder von den Visitenkarten der Vorstände zu nehmen, weil ihn die „Professoritis“ bei VW nervte.

Wenig später musste Pischetsrieder gehen. Ihm folgte der bisherige Audi-Vorstand Martin Winterkorn, der sowohl in Budapest als auch in Dresden eine Honorarprofessur innehat. Nein, sagt Herr D., und man hat das Gefühl, er wolle sich jetzt am liebsten die Schuppen vom Revers klopfen, so unangenehm ist ihm die Angelegenheit, außerhalb der Wolfsburger Ehrenprofessorenrunde schlage zwar jeder die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er darauf angesprochen werde. Aber zuzugeben, dass es ein Fehler gewesen sei, diese Sitte aufkommen zu lassen, „das wäre dann doch zu peinlich“.

Rolf Schnellecke hat seine Honorarprofessur an der Technischen Universität im brandenburgischen Wildau in den vergangenen Wochen und Monaten mit Zähnen, Klauen und diversen Presseerklärungen gegen „offenbar gezielte Verdächtigungen“ verteidigt, bei diesem, seinem akademischen Titel handle es sich um schiere Gefälligkeit. Die Berufung zum Honorarprofessor an der TH Wildau sei, so Schnellecke, „in jeder Hinsicht ordnungsgemäß erfolgt“.

Eine Darstellung, die sowohl von der Hochschule selbst als auch vom zuständigen Staatssekretär im Potsdamer Wissenschaftsministerium bestätigt wird. Nur: Was sollen diese beiden mit der Berufung selbst befassten Institutionen auch anderes sagen? Etwa „dass es auch ein Lebenstraum Schnelleckes gewesen ist, einmal einen akademischen Titel zu tragen“, wie es ein enger Vertrauter des Wolfsburger Oberbürgermeisters formuliert? Und dass man ihm deshalb diesen Weg vorgeschlagen habe?

Was lag also näher, als das an anderer Stelle bewährte Prinzip der Gefälligkeit auch in diesem Fall anzuwenden? Schließlich erfüllt Schnellecke aufgrund seines Berufslebens und der Tatsache, dass er gelegentlich Blockseminare zum Thema Verwaltungsmanagement gibt, die er mit Ausflügen seiner Studenten nach Wolfsburg garniert, die Erwartungen der Hochschule an einen Honorarprofessor. Warum sollte man also Skrupel haben, sich für seine Professur ausgerechnet jene Uni auszuwählen, an der der Vorstandschef der örtlichen Stadtwerke, und hier sind wir wieder bei Markus Karp, jahrelang gelehrt hatte? Und zu der dieser Schnellecke-Spezi außerdem aufgrund seiner vorübergehenden Tätigkeit als brandenburgischer Wissenschaftsstaatssekretär allerbeste Beziehungen hatte.

Markus Karps exzellente Beziehungen zur Technischen Hochschule Wildau haben sicher keine negative Wirkung gezeigt bei der Ernennung Rolf Schnelleckes zum Professor, auch wenn Karp betont, dass sein Freund diesen Titel auch an anderen Hochschulen hätte erhalten können. Das hätte dann allerdings nicht so einen unangenehmen Beigeschmack gegeben. Hätte. Mehr Schein als Sein, der Versuch, sich selbst größer, erhabener, wichtiger zu machen, auch das ist ein Wolfsburger Überlebensprinzip.

Als Stadt ohne gewachsenes und selbstbewusstes Bürgertum, ohne längere Historie und kürzere Histörchen. Als zunächst ganz graue, gleichförmige Arbeitersiedlung für VW musste Wolfsburg selbst seit jeher um Anerkennung ringen. Versuchen auf sich aufmerksam zu machen, koste es, was es wolle. Man kann das gleich sehen, wenn man den Wolfsburger Hauptbahnhof in Richtung der Porschestraße verlässt.

Linker Hand schiebt sich als Erstes wie ein gigantischer, spitzer, weißer Schiffsrumpf das Technik-Erlebnismuseum Phaeno ins Bild. Ein ebenso hoch gelobter wie bitterböse kritisierter Bau der Stararchitektin Zaha Hadid, der im strengen Kontrast steht zu der geschwungenen eingeschossigen Ladenpassage gleich nebenan.

Leerstand an Spielhalle an Leerstand, wie in anderen Provinzstädten auch, schließlich ein Café, an dessen Stehtischen sich Rentner über alte Zeiten unterhalten. „36 Jahre im Dreischichtbetrieb“. „Ist doch normal, machen wir doch alle.“ So gelangt man in Wolfsburgs wichtigste Einkaufsstraße. Dokumente eines ersten Versuchs aus der am Reißbrett geplanten Werksstadt auch eine Wohnstadt zu machen.

Man hat da lange Jahre vergeblich gekrampft und kaum eine Bausünde ausgelassen. Siedlungsbau im Dreizimmerküchebad-Takt, Waschbeton, verunglückte Versuche von Landschaftsgärtnerei, Plattenbau, dazwischen immer wieder ein Klotz Avantgardearchitektur, über die man natürlich immer streiten kann. Wolfsburg, bei allem Respekt, ist keine attraktive Stadt. Ihr fehlen bürgerliche Gebäude wie bürgerlicher Charme, was in Bremen, Nürnberg oder Köln kaum anders wäre, hätte man sie erst nach dem Krieg gegründet. Auch ihnen würde architektonisch wie sozial das wärmende Herz der Vergangenheit fehlen.

„Sehenswürdigkeiten“, sagt der Taxifahrer, kaum dass man seinen Touran bestiegen und einen Blick durch das Fenster auf die Stadt geworfen hat, „gibt es hier nicht.“ Eine Ansage, die die Wirklichkeit keineswegs trifft, aber einiges aussagt über das Selbstverständnis der Stadt und ihrer Menschen. Man fühlt sich latent ein bisschen zu klein, ein bisschen zu kurz gekommen, wenn man in Wolfsburg lebt. So werden Menschen zu Professoren, Pressesprecher zu Medienereignissen, und die dazugehörige Stadt kommt Herrn D. vor „wie eine neureiche Dame, die sich zu große Klunker umgehängt hat“. Und dabei gar nicht merkt, dass das alles ein bisschen unproportioniert, überkandidelt und, nun ja, Herr D. zitiert sich selbst, manchmal etwas peinlich wirkt.

Das äußerlich fast monströs wirkende, innen ungemein spannende Phaeno mit seiner an die Hamburger Elbphilharmonie erinnernden Diskrepanz zwischen Kostenplanung und Kostenwahrheit, das daran angeklebte, etwas sterile Factory-Outlet-Raumschiff, das renommierte Kunstmuseum im toten Teil der Wolfsburger Fußgängerzone und das von Hans Scharoun entworfene Theater am Klieversberg – das alles sind architektonische Attraktionen, die ein Stückchen zu üppig erscheinen für eine überschaubare Stadt wie Wolfsburg. Ein bisschen zu protzig. Ein bisschen zu gewollt.

„Welt-Niveau“ sollten die Vorzeigeprojekte der alten SED-Bonzen erreichen, deren Stacheldraht nicht weit entfernt von Wolfsburg aus dem Boden stakste. Eine Sehnsucht, die den hiesigen Stadtentwicklern offensichtlich nicht fremd war. Klotzen statt kleckern als Devise einer Gernegroßstadt, in der man sich ständig gezwungen sah, mitzuhalten mit dem Weltkonzern gegenüber, dessen Machern ja auch kein Superlativ zu gering war, keine Bentley-Fabrik zu teuer. Und auch Wolfsburg kann ja, verglichen mit anderen Kommunen, beinahe stets und ständig aus dem Vollen schöpfen.

Ist das Wort „Hundekacke“ angemessen?

Vielleicht haben das fehlende Gespür für das rechte Maß und die latente Unfähigkeit zur innerstädtischen Selbstkritik aber auch etwas mit der derzeit noch gültigen niedersächsischen Kommunalverfassung zu tun. Wer eine Ratsversammlung der Stadt Wolfsburg besucht, erlebt eine zwar rechtlich einwandfreie, aber, sagen wir, nicht ganz dem demokratischen Ideal entsprechende Veranstaltung.

Die Sitzung wird eröffnet vom Ratsvorsitzenden Rolf Schnellecke, der das Wort zunächst dem Oberbürgermeister Rolf Schnellecke erteilt, der dann gleich seinen Haushaltsentwurf einbringt und danach, nun wiederum als Ratsvorsitzender, die Debattenleitung über seinen eigenen Haushalt übernimmt. Der das Wort erteilt, im Zweifel auch entzieht und zudem entscheidet, ob die Vokabel „Hundekacke“ dem hohen Hause angemessen ist oder aber einen Ordnungsruf zur Folge haben müsste.

Den würde Rolf Schnellecke übrigens auch erteilen. „Hundekacke“, sagt er, sei ein Begriff, „den ich nicht dulde“. Man stellt sich jetzt vor auf der Besucherbank des holzvertäfelten, fast quadratischen Ratssaals von Wolfsburg, die Bundeskanzlerin wäre zugleich Bundestagspräsident und außerdem Inhaber des wichtigsten Reifenlieferanten der Adam Opel AG. Was dann wohl los wäre.

Andererseits, auch das muss gesagt werden, wäre Angela Merkel sicher sehr froh, wenn sie mitteilen könnte, was Rolf Schnellecke mitteilen kann. Dessen Wolfsburger Haushalt wird zum Jahresende 2010 schuldenfrei sein. „Wir beginnen Rücklagen zu bilden und kommen, erstmals seit 1951, ohne Kredite aus.“ So was nennt der Bürgermeisterpräsidentenunternehmer dann „historische Stunde“, bedankt sich „ausdrücklich“ beim Volkswagenwerk und schließt die kurze Sitzung wenig später, nicht ohne festgestellt zu ?haben, dass „unsere Bürger ruhig schlafen können“. Was soll man dagegen sagen als Opposition? Nur der Kämmerer, der diese großen Worte in seinem Haushalt umsetzen muss, schaut ein wenig bekümmert.

Zum Prinzip Wolfsburg mit seinem Geben und Nehmen, mit seiner Postenschacherei und dem Versuch, mehr zu scheinen, als man ist, gehören ja nicht nur die Akteure, sondern auch diejenigen, die es zulassen. Das gilt für die niedersächsische CDU, die jetzt ein wenig die Nase rümpft, wenn die Rede ist von Markus Karp, dem einstigen Hoffnungsträger, der ja durchaus dazu beigetragen hat, dass Schwarz-Gelb jetzt schon fast acht Jahre regiert in Hannover. Das gilt vor allem aber für die politische Konkurrenz in einer Stadt, in der es schon eine außergewöhnliche Leistung darstellt, Rolf Schnellecke, den Allgegenwärtigen, wenigstens mal ganz sachte vor das Schienbein zu treten.

Er habe in der Stadtwerke-Affäre bisher „weder ein Wort der Entschuldigung noch ein Bekenntnis zu eigenen Fehlern seitens des Oberbürgermeisters vernommen“, gab Grünen-Fraktionschef Axel Bosse vor ein paar Tagen via „Wolfsburger Nachrichten“ zu Protokoll. Eine ernst zu nehmende Rücktrittsforderung an den christdemokratischen Oberbürgermeister will dagegen weder Bosse aussprechen noch die SPD. Manchmal hat man den Eindruck, es gebe einfach keinen, der im Falle eines Falles Verantwortung übernehmen wollte.

Da lässt man es lieber, wie es ist, selbst wenn ein ausgewachsener Staatsanwalt Ermittlungen gegen den Oberbürgermeister aufgenommen hat. Man könnte ja wenigstens mal laut drüber nachdenken, auch über ein Ruhen der Ämter zum Beispiel, was es in vergleichbaren Fällen ja auch schon gegeben hat. Stattdessen findet man in den Wolfsburger Ratsfraktionen offenbar nichts dabei, wenn auf der offiziellen Homepage der Stadt Wolfsburg unter der Rubrik „Stadtwerke-Debatte“ ausschließlich die Erklärungen und Rechtfertigungen des Oberbürgermeisters veröffentlicht werden. Man ist schon recht weit gekommen mit dem Prinzip des politischen Konsenses.

Herr D. zum Beispiel, der ja auch Teil des Prinzips Wolfsburg ist, kennt noch so ein Beispiel, das andernorts kaum denkbar wäre ohne großes politisches Geschrei: Die Schnellecke Group gründete 2002 ein Tochterunternehmen in der chinesischen Küstenstadt Dalian. Wenig später baut dann auch der wichtigste Auftraggeber der Schnellecke Group, der VW-Konzern, ein neues Motorenwerk in China, in Dalian, um genauer zu sein. So weit, so üblich. Als Nächstes fahre Rolf Schnellecke, Inhaber der Schnellecke Group, in seiner Eigenschaft als Wolfsburger OB in eben jenes Dalian. Und schließt einen Freundschaftsvertrag mit den dortigen Stadtvätern.

Man muss nicht vor Ort gewesen sein, um zu ermessen, welchen Wert derartige politische Beziehungen für deutsche Unternehmen im Land der Mitte haben. In diesem Fall also für die „Volkswagen FAW Engine Co. Ltd“ in Dalian., das ist Business as usual für einen Bürgermeister. Aber eben auch für Schnellecke Dalian Logistics Co. Ltd., und das ist dann schon ein bisschen speziell. Ein Thema in der Stadt, im Rat der Stadt, war der Fall Dalian nicht. Die Dinge liegen sehr dicht beieinander in Wolfsburg. Politisch, geschäftlich, menschlich – man hat schließlich auch gemeinsam Erfolg.

Der Oberbürgermeister kämpft

Rolf Schnellecke wird also kämpfen in den kommenden Wochen und Monaten, die die Staatsanwälte sich noch nehmen werden, um die Stadtwerke-Affäre zu durchdringen. Sie werden weiterhin ermitteln gegen den Oberbürgermeister, gegen den Wolfsburger Filz und ein bisschen auch gegen die gute alte Bundesrepublik. Er wisse ja nicht, was sich zwischen den Aktenbergen, die man aus Wolfsburg nach Braunschweig transportiert habe, alles noch findet, sagt Staatsanwalt Geyer. Und man weiß auch nicht, was der ganze Schwung Zeugen alles noch zu sagen haben wird in den kommenden Monaten. Allein Maik Nahrstedt, so heißt es in Wolfsburg, sei schon mehr als ein Dutzend Mal gehört worden, um seine unendlichen Aufzeichnungen über seine Arbeit bei den Stadtwerken zu erläutern.

Vielleicht fahren die Braunschweiger Ermittler ja auch noch einmal selbst nach Wolfsburg, um einen Blick auf die Stadtwerke zu werfen. Hier, im sechsstöckigen Verwaltungsgebäude gleich links des Wolfsburger Bahnhofs, riecht es gerade recht durchdringend nach Hähnchenschenkeln. Kantinenglück. Es ist kurz vor zwölf. Die Menschen gehen in Gruppen zur Mittagspause, kehren wieder zurück. Sie unterhalten sich über dies und das, aber wenn man sie fragt, dann wünschen sie sich vor allem, „dass endlich wieder Ruhe einkehrt“ in ihrem Betrieb.

Freitag, so erzählt es der amtierende Vorstandschef, der in Markus Karps altem Büro sitzt, ein Mann des Übergangs ist und wenig zu verlieren hat, Freitag ist hier um 14 Uhr alles ausgeflogen. Ein öffentliches Unternehmen mit Gleitzeit, die hier Vertrauenszeit heißt und in der sich so manches anstellen lässt. In dem auch niemand kontrolliert, wer wann welche Mails schreibt oder Telefonate führt. Ein Ort, der es zulässt, gleichzeitig für die Partei und für die Stadtwerke zu arbeiten. Auch ohne Anweisung von oben, einfach so, alles ganz alltäglich. Wie es eben so war, damals in der alten Bundesrepublik, für die

Wolfsburg ja auch „so ein kleines Brennglas“ war, wie es Rolf Schnellecke so gerne sagt. Der Zug fährt jetzt wieder raus aus Wolfsburg, zurück geht es über Immensen und vorbei an Hannover-Waldhausen, wo Gerhard Schröder mittlerweile seine Cohibas in den Aschenbecher drückt. Man denkt an Brioni und die Ostsee-Pipeline, an Männerfreundschaften und daran, wie Schröder, damals Aufsichtsrat bei Volkswagen, einst mit Ferdinand Piëch zum Opernball nach Wien flog. Unlängst hat er öffentlich zu Protokoll gegeben, dass er besonders gerne Urlaub im VW-Bus macht.

Auch Helmut Kohl kommt einem in den Sinn mit seinen Parteispendern. Auch er ein Patriarch alter Schule, voller Verdienste. Die Zeiten fliegen ja nur so an einem vorbei. Und sie ändern sich. In Deutschland, wo inzwischen Angela Merkel regiert, eine Kanzlerin ganz ohne Aufsichtsratsvergangenheit. Und vielleicht ändern sich demnächst sogar die Zeiten in Wolfsburg.