Gesundheitssystem

Wie Ärzte in Ostdeutschland verheizt werden

Der Ärztemangel zeigt sich nirgendwo so deutlich wie in der ostdeutschen Provinz: Kaum ein Uni-Absolvent ist bereit, sich dort niederzulassen. Aber warum eigentlich? Der Brandenburger Allgemeinmediziner Jochen Rosenberger erklärt, warum er einen Höllenjob macht – und ein hohes Gehalt nicht alles im Leben ist.

Foto: Christian Hahn

„Ich bin gern Arzt. Es ist ein herrlicher Beruf, Menschen helfen zu können. Man bekommt viel Dankbarkeit zurück. Hier auf dem Land ist der Arzt noch etwas anderes als in der Stadt, hier sehen die Menschen im Arzt nicht nur einen reinen Dienstleister.

Vor zwei Jahren habe ich die Praxis von meiner Mutter übernommen, in Kolkwitz, einem Ort mit 4500 Einwohnern bei Cottbus im Landkreis Spree-Neiße. Im Umkreis leben rund 10.000 Menschen, für sie gibt es aber nur zwei Hausärzte. Vor zehn Jahren waren es noch fünf. Wir zwei Ärzte können das gar nicht abdecken. Ich habe rund 3500 Patienten in meiner Kartei. Mehr nehme ich nicht mehr an. Sie müssen sich dann einen Arzt in Cottbus suchen. Mehr kann ich nicht bewältigen, das ist einfach zuviel. Denn sonst bleibt für den einzelnen Patienten keine Zeit mehr. Der Druck und die Hektik nehmen zu, wenn man mit einem Blick auf den Computer sieht, dass die Warteliste immer länger wird. Da kann man leicht Fehler machen. Ich habe hier jeden Morgen 30 bis 40 Patienten, bei Grippewellen im Herbst können auch mal 60 im Wartezimmer sitzen. Hinzu kommen die Hausbesuche.

Ich habe aber gewusst, was auf einen Landarzt zukommt. Meine Eltern sind beide Ärzte, sie haben das hier in den 70er-Jahren als Landambulatorium aufgebaut. Früher war die Wohnung nebenan, ich bin hier aufgewachsen. Ich kann junge Ärzte verstehen, die sich das nicht antun wollen: Das ist ein Vollzeitjob, es gibt keine geregelten Arbeitszeiten, man ist immer erreichbar, immer für seine Patienten da. Man hat eine hohe Verantwortung, darf keine Fehler machen und nichts übersehen. Im Prinzip geht es ja immer um Leben und Tod.

Die Mediziner von heute wollen mehr Lebensqualität. Die leben nicht nur für ihre Praxis und ihre Patienten, die wollen auch ein Privatleben, geregelte Arbeitszeiten mit Freiraum für Familie und Hobbys. Die Ansprüche sind größer geworden. In einigen Regionen ist der Ärztemangel ja noch schlimmer als hier, da müssen die Ärzte 30 Kilometer zum Patienten fahren, das sind riesige Einzugsgebiete. Das tut sich ein junger Arzt nicht an. Ich kenne Ärzte, die sind über 70, und arbeiten weiter, weil sie keinen Nachfolger finden und ihre Patienten nicht im Stich lassen wollen.

Nun sollen Ärzte mit Geld aufs Land gelockt werden. Als ich damals begonnen habe, gab es das noch nicht. Heute gibt es bis zu 50.000 Euro, wenn ein junger Arzt eine Praxis in einem unterversorgten Gebiet übernimmt, es gibt Mindestumsatzgarantien der Kassenärztlichen Vereinigungen und Zuschläge pro Patient. Mit Geld allein wird sich das Problem aber nicht lösen lassen.

Ich denke, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt eine wichtige Rolle. Das ist bei mir schon schwierig genug. Meine Frau arbeitet als Kinderärztin im Krankenhaus. Ihren Schichtplan mit meinen Bereitschaftsdiensten abzustimmen, das ist schon eine Aktion. Schichtdienst ist Gift für Familien. Um sieben Uhr geben wir die Kinder – Marie ist vier und Franz ist eineinhalb – in der Kita ab, nachmittags holt dann meine Frau, oder ich, oder ein Babysitter die Kinder wieder ab. Wenn es dann in der Praxis länger dauert, oder ein Hausbesuch dazwischen kommt, wird es schon schwierig. Wir haben noch das Glück, dass unsere Eltern hier leben und uns helfen können.

Viele Ärzte scheuen auch den Sprung in die Selbstständigkeit. Ein Hausarzt mit Praxis ist ja auch eine Art Kleinunternehmer. Ich muss sehen, dass die Praxis wirtschaftlich läuft, dass ich meine beiden Arzthelferinnen und die Miete bezahlen kann. Diese Sorgen braucht sich ein fest angestellter Krankenhausarzt nicht zu machen.

Und dann der ganze Papierkram. Von wegen Bürokratieabbau: Für jedes Formular, dass abgeschafft wird, kommen zwei neue hinzu. Es müssen Rechnungen geschrieben werden, es müssen Gutachten für die Versicherungen erstellt werden. Wir müssen jede Diagnose nach dem ICD-Code (International Classification of Diseases - ein von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenes Manual aller anerkannter Krankheiten und Diagnosen) verschlüsseln. Die Kassen achten da sehr genau drauf, denn nach den Krankheiten ihrer Versicherten erhalten sie ihr Geld aus dem Gesundheitsfonds.

Dann sind wir angehalten, keine Medikamente, sondern lediglich den Wirkstoff zu verschreiben. Der Apotheker sucht dann das billigste Medikament heraus. Für Patienten kann das bedeuten, dass sie jedes Quartal eine andere Pille schlucken müssen: Mal ein rote, dann eine weiße, dann eine längliche, dann eine runde. Da kommen ältere Patienten total durcheinander. Ich verschreibe deshalb meinen älteren Patienten ein Medikament und keinen Wirkstoff, das kann ich auf dem Rezept ankreuzen. Doch die Kassen zählen diese Kreuze ganz genau. Wer zu viele macht, wird zum „Gespräch“ über sein Verschreibungsverhalten geladen. Also, das nervt mich total.

Ich rechne jedes Quartal mehr als 1000 Fälle mit der Kassenärztlichen Vereinigung ab. Für jeden Fall gibt es seit der Honorarreform zu Jahresbeginn rund 40 Euro – egal, ob der Patient einmal, zweimal oder sechsmal kommt. Auch Hausbesuche und aufwendige Untersuchungen wie EKGs sind darin enthalten. Früher haben wir nach Punkten abgerechnet, die Pauschalen sind neu. Mit der Reform sollten wir alle mehr verdienen, 13 Prozent mehr, hieß es jetzt. Davon merke ich aber nichts. Privatpatienten laufen extra, aber die machen bei mir nur drei oder vier Prozent der Patienten aus. Das ist in großen Städten oder im Westen sicherlich anders. Den Löwenanteil verdiene ich über die Pauschalen. Dann biete ich noch Zusatzleistungen an wie Krebsvorsorge oder Impfungen. Das bezahlt die Kasse extra. Dafür musste ich aber Weiterbildungen besuchen. Ich habe mich auch als Sportmediziner weitergebildet und biete Leistungs- und Belastungstests an, die von den Kassen nicht übernommen werden. Die werden dann von den Patienten selbst bezahlt. Ärzte, die sich nicht fortbilden und keine zusätzlichen Leistungen anbieten können, kommen kaum auf einen grünen Zweig.

Ich habe auch noch ein zweites finanzielles Standbein: Ich übernehme zweimal in der Woche Notarztwagendienste. Das mache ich nicht nur wegen des Geldes, sondern vor allem, um nicht immer in meiner Praxis „im eigenen Saft zu schmoren“. Finanziell kann ich mich nicht beklagen. Für ostdeutsche Verhältnisse verdiene ich gut. Ich möchte mich aber nicht immer für meinen Verdienst rechtfertigen müssen. Arzt ist ein krisenfester Beruf. Das ist schon viel Wert in diesen Zeiten.“

Jochen Rosenberger, 35, Arzt für Allgemeinmedizin in Kolkwitz – aufgezeichnet von Stefan von Borstel.