Führungswechsel

Apple muss sich ohne Guru Jobs behaupten

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Thomas Heuzeroth

Foto: picture alliance / landov

Nach dem Rücktritt des Apple-Gründers Jobs, steuert der Konzern in eine ungewisse Zukunft. Der neue Chef Tim Cook gilt nicht als Visionär.

Das Geheimnis seines Erfolges hat Steve Jobs nie verraten. Nur angedeutet. Als ein Reporter den Apple-Chef einmal fragte, wie viel Marktforschung denn in das flache iPad hineingeflossen sei, antwortete er knapp: „Es ist nicht der Job der Konsumenten zu wissen, was sie wollen. Es ist mein Job.“ Der Rest blieb Herrschaftswissen.

Nun muss jemand anderes seinen Job machen. Tim Cook. Jobs hat den 50jährigen Manager handverlesen, er holte ihn 1998 kurz nachdem Jobs selbst zu Apple zurückkam. Der Konzern stand damals kurz vor dem Konkurs.

13 Jahre nun dauerte die Lehrzeit des Tim Cook. Nun ist er Chef des teuersten Technologieunternehmens der Welt. Cook habe „außerordentliche Leistungen“ gezeigt, begründete der Verwaltungsrat die Auswahl. „Er hat bemerkenswertes Talent und gesundes Urteilsvermögen in all seinen Aktivitäten unter Beweis gestellt“, sagte Art Levinson, Mitglied im Apple-Verwaltungsrat.

Dass Steve Jobs zu diesem Zeitpunkt zurücktritt, spricht dafür, dass er gesundheitlich stärker angeschlagen ist, als bisher vermutet. „Ich habe immer gesagt, dass wenn jemals der Tag kommen sollte, an dem ich nicht länger meine Aufgaben und Erwartungen als CEO von Apple erfüllen kann, ich der erste wäre, der Euch das wissen lässt.

Leider ist dieser Tag gekommen“, schrieb Jobs an in einem offenen Brief. Apple-Fans machen solche Worte Angst. Zwar will Jobs künftig den Verwaltungsrat als Chairman vorstehen. Doch was das bedeutet, weiß niemand. Der siebenköpfige Apple-Verwaltungsrat hat diese Position in den vergangenen Jahren überhaupt nicht ausgefüllt.

Jobs ist schwer angeschlagen

Überraschend ist Jobs Rücktritt nicht. Dass seine gesundheitliche Situation nicht gut ist, zeigte Jobs hagere Gestalt zuletzt auf der Bühne im Juni während der Apple-Entwicklerkonferenz in San Francisco.

Der Apple-Gründer hatte im Januar seine dritte Auszeit genommen. 2004 erkrankte Jobs an Bauchspeicheldrüsenkrebs, und 2009 stieg er für sechs Monate aus, um sich einer Lebertransplantation zu unterziehen. Details über seine jüngste Erkrankung sind nicht bekannt.

Seit Jobs erster Erkrankung wurde Apple immer wieder dafür kritisiert, dass es keine Nachfolgeregelung gab. Apple behauptet, es gebe bereits seit Jahren einen Plan für diesen Fall, der nun ausgeführt werde. Tim Cook hatte Jobs bereits während seiner Abwesenheiten aus gesundheitlichen Gründen vertreten.

Im Februar hatten Investoren auf dem Aktionärstreffen von Apple eine Resolution eingebracht, in der sie das Unternehmen aufforderten, einen solchen Plan auszuarbeiten und zu veröffentlichen. Im vergangenen Monat berichtete das „Wall Street Journal“, dass einige Mitglieder des Verwaltungsrates die Nachfolge mit Headhuntern diskutierten. Offenbar gab es aber keinen formalen Auftrag des Gremiums dafür.

Jedes Mal, nachdem Jobs Aussagen über seine gesundheitliche Situation machte, zeigte der Aktienkurs des Unternehmens einen Ausreißer nach unten , was gemeinhin als das Jobs-Premium bezeichnet wird. Auch nach der jüngsten Ankündigung gab die Aktie nachbörslich um sechs Prozent nach.

Jobs ging zwischenzeitlich humorvoll mit den Gerüchten um. Vor drei Jahren ließ er während der Vorstellung eines neuen iPod-Musikspielers ein Zitat des Schriftstellers Mark Twain an die Leinwand werfen: „Die Berichte über meinen Tod sind stark übertrieben.“ Zuvor hatte die Finanznachrichtenagentur Bloomberg versehentlich einen unfertigen Nachruf gesendet.

Rücktritt könnte enorme Verluste bedeuten

Mit Jobs Rücktritt endet eine der erstaunlichsten Karrieren der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Jobs hat Apple 1976 zusammen mit Steve Woszniak und Ronald Wayne gegründet, wurde 1985 aus dem Unternehmen gedrängt und kam 1997 wieder, als das Unternehmen kurz vor dem Konkurs stand.

Nachdem Jobs mit dem iPod, iPhone und dem iPad mehrere Industrien revolutioniert hatte, stieg zuletzt der Börsenwert zu schwindelerregende Höhen auf, um kurzzeitig sogar das teuerste Unternehmen überhaupt, den Ölkonzern Exxon Mobil, zu überholen.

Die Fußstapfen für Tim Cook sind also groß. Im Vergleich zu Jobs ist Cooks Erscheinung eher blass, er hielt sich bisher im Hintergrund und war regelmäßig nur in den Telefonkonferenzen mit Analysten präsent. Jobs holte Cook 1998 zu Apple. Zuvor arbeitete er bei IBM und Compaq Computer.

Cook kommt aus dem US-Bundesstaat Alabama, ist Ingenieur und hat einen Abschluss in Betriebswirtschaft. Seit 2005 ist Cook als Chief Operating Officer (COO) für das Alltagsgeschäft verantwortlich. Er hat die Zwischenlager verkleinert, nach und nach alle Apple-Fabriken geschlossen oder verkauft und die Produktion an asiatische Fertiger ausgelagert. Seitdem steht auf den Apple-Geräten nur noch der Hinweis: „Designed by Apple in California.“

Neue Produkte sind bereits in Planung

Cook ist medienscheu. Er lebt trotz seines Millionenvermögens asketisch. Sein Jahresgehalt lag 2010 einschließlich Bonus und Optionen bei fast 60 Millionen Dollar. Der Manager soll regelmäßig größere Summen spenden und ist häufig schon morgens um fünf Uhr im Fitnessraum anzutreffen. Der neue Chef hat Jobs Philosophie weitestgehend eingeatmet. „Das Wort 'fertig' gehört nicht dazu“, sagte er im vergangenen Jahr auf einer Technologie-Konferenz.

Beobachter bezeichnen den Manager jedoch eher als Organisationsgenie denn als Visionär, wie es Jobs einer war. Jobs weiß dies wohl und nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ auch künftig noch aktiv mitarbeiten. Jobs selbst schreibt in seinem Brief: „Ich freue mich darauf, den Erfolg von Apple in einer neuen Rolle zu sehen und dazu beizutragen.“

Tatsächlich sind die nächsten Produkte bereits in Vorbereitung und zum Teil schon in Produktion. Im Oktober soll es das iPhone 5 geben. Außerdem häufen sich die Hinweise auf ein günstigeres Einsteiger-iPhone mit weniger Speicher.

Cook muss sich auf einen immer härter geführten Konkurrenzkampf einstellen. In der Mobilfunkbranche überziehen sich die Kontrahenten gerade mit Patentklagen, die zu Lieferunterbrechungen und damit Umsatzeinbußen führen können. Vor allem mit Samsung ist es vor mehreren Gerichten zu Auseinandersetzungen gekommen.