Konsumgüter

Deutsche Konzerne wälzen Ölpreis auf Kunden ab

Die Libyen-Krise erreicht die deutschen Verbraucher: Zahlreiche Konzerne haben Preissteigerungen angekündigt. Nun ist der Aufschwung in Gefahr.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Die politische Krise in den arabischen Ländern erreicht den deutschen Verbraucher. Viele Unternehmen wollen ihre gestiegenen Rohstoffkosten über höhere Preise an ihre Kunden weitergeben. Gleichzeitig könnte der hohe Ölpreis das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr deutlich abbremsen.

Seit seinem letzten Tiefstand Anfang 2009 hat sich der Ölpreis fast verdreifacht. Bis Ende 2010 war der Preis für ein Fass Rohöl auf 80 bis 85 Dollar geklettert, Grund dafür war die starke weltwirtschaftliche Nachfrage. Die darauffolgenden Preisanstiege auf bis zu 120 Dollar bis Ende Februar sind vor allem auf die Unruhen in der arabischen Welt zurückzuführen. So wurde der wichtigste Ölhafen Libyens angegriffen, ein erheblicher Teil der Ölförderung liegt brach.

Da Öl knapper wird, steigt der Preis für den Schlüsselrohstoff. Und das spüren die Unternehmen.

Besonders die Chemiebranche, die jährlich Öl und Ölprodukte für mehr als zehn Mrd. Euro einkauft, bekommt die Preisentwicklung zu spüren. Bayer etwa geht davon aus, dass ein Preisanstieg von zehn Dollar pro Barrel Öl den Konzern mit 200 Mio. Euro zusätzlichen Kosten pro Jahr belastet. BASF fördert über die Tochter Wintershall selbst Öl, und kann so steigende Kosten normalerweise ausgleichen – doch Wintershall fördert vor allem in Libyen, wo die Produktion seit Wochen still steht. Die Chemiebranche könnte damit zum Inflationstreiber für die deutsche Industrie werden: Ihre Vorprodukte sind für eine ganze Reihe von Branchen wie der Bauindustrie lebenswichtig.

Chemiekonzerne reichen Kosten weiter

Da die Konjunktur den Markt für Kunststoffe, Kunststoff-Vorprodukte, Lacke und Spezialchemikalien boomen lässt, haben die Chemiekonzerne keine Probleme damit, diese Kosten an ihre Kunden durchzureichen. BASF etwa zieht den Preis für Kunststoff-Vorprodukte um 250 bis 300 Euro pro Tonne an, Evonik verteuert Lackharze um acht Prozent, Lanxess erhöht den Preis für technische Kunststoffe um bis zu 40 Prozent. „Wir sind zuversichtlich, dass wir die Rohstoff-Preisentwicklung weitergeben können“, sagte ein Bayer-Sprecher. Ebenfalls spüren Konsumgüterhersteller wie Henkel die steigenden Rohstoffpreise. Der Konzern rechnet damit, dass die Kosten um fast zehn Prozent zulegen, und wird die Preise für Shampoos, Spülmittel oder Kleber anziehen.

Auch Flugreisende müssen wegen des teuren Öls mit höheren Ticketpreisen rechnen. Die beiden größten deutschen Fluggesellschaften Lufthansa und Air Berlin erwägen wegen der steigenden Treibstoffkosten höhere Kerosinzuschläge. „Wir prüfen, was wir machen werden“, sagte Lufthansa-Vorstand Thierry Antinori auf der Tourismusmesse ITB in Berlin. Erzrivale Air Berlin erwägt eine erneute Anhebung. „Wir müssen uns den Kosten stellen“, sagte Vorstandschef Joachim Hunold.

Deutliche Auswirkungen hat der Rohölpreis auch für das Speditionsgewerbe. „Wenn die Dieselpreise so steigen wie jetzt, dann verteuern sich zwangsweise die Transporte. Im Stückgutbereich macht das derzeit etwa drei Prozent aus, im Ladungsverkehr ist es noch mehr“, sagte Mathias Krage, Präsident des Deutschen Speditions- und Logistikverbandes. Als Stückgut bezeichnen Spediteure Sendungen ab 50 Kilogramm bis zu 2,5 Tonnen, im Ladungsverkehr ist ein kompletter Lkw für einen Auftraggeber unterwegs. In diesem Geschäft macht Treibstoff für die Fahrzeigflotte rund ein Drittel der Gesamtkosten aus. Über einen so genannten Dieselaufschlag geben die meisten Transportfirmen die Veränderungen direkt an die Kunden weiter. „Die Lage in den meisten Betrieben ist ohnehin angespannt. Die Eigenkapitalausstattung ist extrem niedrig. Da können die Firmen gar nicht anders, als steigenden Kosten weiterzureichen“, sagte Krage, der selbst ein mittelständisches Transportunternehmen besitzt.

Preissprünge bei Paketen

Ähnlich sieht es in der Paket-Branche aus: Auch hier wälzen die meisten Paketdienste die höheren Dieselpreise an ihre Kunden ab. Der Versender GLS etwa macht dies in einem Abstand von zwei Wochen und passt die Paketpreise den Treibstoffkosten regelmäßig an. „Unsere Geschäftskunden spüren das deutlich. Die hohen Rohstoffpreise werden der Wirtschaft schaden, davon bin ich überzeugt“, sagte GLS-Vorstandschef Rico Back. Die Deutsche Post will bei ihren Privatkunden die Preise hingegen vorerst nicht anheben. „Wir planen derzeit keine Erhöhung“, sagte eine Sprecherin. Die Post ist Marktführer in Deutschland beim Versand von Paketen an Privatadressen. Mit den Geschäftskunden hat der Konzern individuelle Verträge abgeschlossen. Über diesen Weg kann das Unternehmen höhere Dieselkosten weitergeben.

Und so sorgen sich viele Verbände, dass die Preisentwicklung künftig über die Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) steigen könnte, die eine Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent anstrebt. „In diesem Jahr wird die Preissteigerung deutlich über 2,25 Prozent liegen, aber die Obergrenze wird drei Prozent sein. Im Jahr 2012 erwarte ich eine deutliche Steigerung, dann wird die Inflation über drei Prozent liegen und könnte bis zu 4,5 Prozent erreichen“, sagte Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverbandes BGA.

Doch nicht nur die Preise könnten steigen, ein hoher Ölpreis könnte auch den Wirtschaftsaufschwung in Deutschland bremsen. Der aktuelle Stand von rund 114 Dollar je Barrel ist für die deutsche Wirtschaft laut einer Studie der Dekabank zwar „verkraftbar“. Die Konjunktur werde derzeit nur um zwei bis drei Zehntelpunkte gebremst. „Gegenwärtig sind die Auswirkungen überschaubar. Die zwei, drei Zehntel weniger Wachstum werden sogar durch eine stärker als erwartet anziehende Exportkonjunktur ausgeglichen“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank.

Doch über das Gesamtjahr wird der hohe Ölpreis den Wirtschaftsaufschwung laut der Dekabank merklich abbremsen. Die Ökonomen rechnen damit, dass der Ölpreis in diesem Jahr um 20 Prozent gegenüber 2010 steigen wird. „Das würde das robuste Wachstum in diesem Jahr um 0,5 Prozent dämpfen“, sagt Kater. Statt eines Wachstums von drei Prozent erwarten die Volkswirte deshalb nur ein Plus von 2,5 Prozent. Deutschland leidet der Studie zufolge unter den europäischen Volkswirtschaften in besonderem Maße unter einem höheren Ölpreis. Nur in Belgien sinkt das Wachstum stärker, wenn der Ölpreis über einen Zeitraum von drei Jahren um zehn Prozent steigt.

Doch auch wenn ein hoher Ölpreis den Aufschwung bremst: immerhin belastet er die deutsche Wirtschaft nicht mehr so stark wie früher. „Erdöl spielt in der Industrie heute keine so große Rolle mehr wie noch in den 70er Jahren, weil es oft durch Gas ersetzt worden ist“, sagt Carsten Rolle, Rohstoffexperte des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Seine Kollegen von der Dekabank glauben daher auch nicht, dass eine Verschärfung der Lage in Libyen eine Gefahr für die Weltwirtschaft wäre. Der Krisenstaat fördert derzeit 1,6 Mio. Barrel Rohöl täglich. Die Ölvorräte seien so hoch, dass sogar ein der vollständige Produktionsausfall Libyens für einige Zeit „gut kompensierbar“ wäre. „Sollte sich die politische Destabilisierung auch in andere Länder fortsetzen, ist eine Rezession allerdings nicht ausgeschlossen“, warnt Kater. Die EZB müsste ihre Zinserhöhungen aussetzen, die Preise würden steigen.

Ob der Ölpreis auch ohne eine Verschärfung der Krise in Arabien weiter steigen wird, ist unter Experten umstritten. Die Terminkontrakte, in denen schon jetzt die Preise für die kommenden Monate vereinbart sind, deuten auf sinkende Preise hin. Bundesbankpräsident Axel Weber warnt allerdings, dass dies kein verlässlicher Indikator sei. „Ich sehe einen deutlichen Preisauftrieb.“