Kraftwerke

Energiewende soll Baukonzernen die Kasse füllen

Hochtief und Bilfinger Berger winken Milliardenaufträge beim Aufbau neuer Technik an Land und im Meer – und beim Abbau der Atomkraftwerke.

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Frank Stieler war zuletzt viel im Ruhrgebiet unterwegs. Alte Bergwerke angucken. Denn mit den brach liegenden Gruben hat der Vorstandsvorsitzende des größten deutschen Baukonzerns Hochtief in Zukunft viel vor. Unterirdische Pumpspeicherwerke sollen in den Schachtanlagen entstehen. Mit dem Bergwerks-Eigentümer RAG verhandelt Hochtief deswegen bereits. „Wir haben Konzepte entwickelt und schauen nun, wie wir zusammenkommen können“, sagt Stieler enthusiastisch.

Diese Pläne sehen vor, einen künstlichen See anzulegen, dessen Wasser wie bei einer Badewanne in den Schacht ablaufen zu lassen und anschließend – wenn die Kundschaft wenig Strom nachfragt – wieder an die Oberfläche zu pumpen. Der Strom wird dabei umweltfreundlich durch eine zwischengeschaltete Turbine erzeugt. In einem Strategiepapier des seit fast genau 100 Tagen amtierenden neuen Hochtief-Chefs heißt dieser Abschnitt „Realisierung der Energiewende“.

Hochtief plant Pumpspeicherwerke

Hinter dem sperrigen Terminus verbirgt sich nicht nur der Plan mit den Pumpspeicherwerken. In Essen arbeitet man auch an Konzeptionen für riesige Unterwasser-Betonkugeln, in deren Öffnung eine Turbine eingebaut ist. Wird das Ventil geöffnet, erzeugt das einströmende Wasser 2000 Meter unter der Meeresoberfläche Energie. Nach dem Leerpumpen der Hohlkugeln lässt sich der Vorgang beliebig oft wiederholen.

Stieler, der früher für Siemens im Öl- und Gasgeschäft tätig war, will aber vor allem Windparks und Leitungsnetze bauen. „Mit dem Beschluss des Deutschen Bundestags zum definitiven Ausstieg aus der Kernenergie entsteht ein riesiger Bedarf an neuer Infrastruktur für erneuerbare Energien“, freut sich der Manager. Und das sei eine Aufgabe, an deren Lösung die Baubranche einen hohen Anteil haben werde.

Tatsächlich scharrt man längst nicht nur bei Hochtief in Essen mit den Hufen. Roland Koch etwa, neuer Chef des zweitgrößten deutschen Bauriesen Bilfinger Berger in Mannheim, spricht mit Blick auf die Energiewende von neuen Perspektiven und großen Erwartungen. „Jede Veränderung generiert Geschäft.“ Als hessischer Ministerpräsident war der frühere CDU-Politiker Koch noch Befürworter der Atomenergie.

Bauindustrie sieht sich als Gewinner der Energiewende

Anders als die Energiekonzerne, die panisch mit Umstrukturierungen und Stellenabbau auf den Atomsausstieg reagieren, sieht sich die Bauindustrie als Gewinner der Energiewende. Profitieren sollen aber nicht nur die Großkonzerne. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) sieht auch für den Mittelstand in der Branche rosige Zeiten. „Bei den anstehenden Aufträgen werden jede Menge Subunternehmer aus der zweiten Reihe zum Zuge kommen“, sagt der stellvertretende HDB-Hauptgeschäftsführer Heiko Stiepelmann. Schätzungen, in welchem Maße die deutsche Bauwirtschaft von der anstehenden Energiewende profitiert, will Stiepelmann – wie die Chefs der Baukonzerne – nicht abgeben: „Die Beträge werden aber gewaltig sein.“

Eine Zahl gibt es zumindest von offizieller Seite: Matthias Kurth, der Chef der Bundesnetzagentur, schätzt, dass der Ausbau der Stromtrassen in den kommenden zehn Jahren mindestens 20 bis 30 Milliarden Euro kosten wird. Ein Großteil dieses Volumens dürfte in die Kassen der Bauunternehmen fließen.

Daneben wird in der Branche allein für den Bau von Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee ein mögliches Auftragsvolumen in Höhe von mehr als 30 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 genannt. Auch hier will Hochtief – ebenso wie Bilfinger Berger – kräftig mitmischen. Und das nicht nur als ausführendes Bauunternehmen, sondern auch als Entwickler, Investor und Betreiber – so wie es das Unternehmen schon bei Flughäfen oder Mautstraßen macht. „Wir wollen gemeinsam mit Finanzierungspartnern Großprojekte planen und finanzieren, um sie später schließlich an einen Endinvestor zu veräußern“, erklärt Konzernchef Stieler.

Die entsprechende Kompetenz sei vorhanden. Hochtief sei schließlich schon jetzt einer der führenden Anbieter von Bau- und Logistikdienstleistungen auf See. Mit „Thor“ und „Odin“ besitzt der MDax-Konzern zwei Hubplattformen, von denen aus die Anlagen im 50 Meter tiefen Nordsee-Wasser verankert werden können. 2012 soll mit der „Innovation“ ein drittes Montageschiff hinzukommen. Damit würde Hochtief dann die Installation von jährlich 80 Turbinen-Anlagen schaffen. Und das bedeutet Stieler zufolge einen Umsatz von bis zu 500 Millionen Euro pro Jahr.

Baukonzerne hoffen auf Leitungsaufträge

Der Bau von Windparks ist aber nur der Anfang. Schließlich muss der Strom auch zu den Verbrauchern kommen. Zwar hat die Politik noch nicht entscheiden, ob die entsprechenden Leitungen unter- oder oberirdisch verlaufen sollen. Spezialisten gibt es in Deutschland aber für beide Varianten genügend.

Zum einen hat sich in Norddeutschland eine Reihe von Mittelständlern auf dieses Geschäft konzentriert. Zum anderen stehen auch hier die Großkonzerne bereit. Hochtief würde dabei im Fall der Freiluftleitungen auf die Erfahrung des Großaktionärs ACS zurückgreifen. Dessen Tochtergesellschaft Cobra hat einen Großteil des spanischen Hochspannungsnetzes gebaut. Damit würden sich dann auch endlich die lange angekündigten Synergien durch die umstrittene Übernahme zeigen, lästern einige Branchenbeobachter.

Auch der bayerische Spezialtiefbauer Bauer ist in das Geschäft mit der Meeresenergie eingestiegen: Vor wenigen Tagen verkündete das Unternehmen, dass es gelungen sei, vor der schottischen Grenze trotz starker Strömungen einen 23 Meter langen und zwei Meter breiten Pfahl in den Meeresboden zu treiben, auf dem die deutsche Voith Hydro eine Turbine für ein Gezeitenkraftwerk installieren will. „Das markiert unseren Eintritt in den Zukunftsmarkt der erneuerbaren Meeresenergie“, sagte Firmenchef Thomas Bauer, der auch Präsident der deutschen Bauindustrie ist.

Roland Koch sieht zwar auch Bilfinger Berger als Gewinner der Energiewende. „Ich bin aber vorsichtig mit der Euphorie. Denn die Politik muss erst mal die Rahmenbedingungen schaffen, damit die neuen Technologien auch genutzt werden können.“ Koch möchte mit Windrädern an Land oder im Meer, sowie beim Bau von Kohle- oder Gaskraftwerken Geschäfte machen. „Außer der Turbine und dem Generator können wir bei Kraftwerken alles bauen“, sagt der Chef von Deutschlands zweitgrößtem Baukonzern.

Das Unternehmen mit der prall gefüllten Übernahmekasse werde sich daher in seinem Geschäftsbereich Power Services noch breiter aufstellen, formuliert es Neu-Manager Koch. Schon in Kürze soll ein Anbieter aus Tschechien mit 170 Mitarbeitern übernommen werden, der auf den Bau von Komponenten für Gaskombikraftwerke und Biomassekessel spezialisiert ist.

Neben dem Aufbau neuer Technologien könnten sich die Baukonzerne auch noch ein paar Millionen beim Abbau der alten Techniken dazu verdienen: Hochtief etwa war am Bau der meisten deutschen Atomkraftwerke beteiligt und wartet einige davon noch heute. Da dürfte auch der sogenannte Rückbau nicht schwer fallen.