Chef der DZ Bank

"Sparen allein hilft den Griechen nicht"

Die DZ Bank muss 243 Millionen Euro auf ihr Griechenland-Portfolio abschreiben. Chef Kirsch spricht sich für die Einführung von Euro-Bonds aus.

Foto: picture alliance / dpa / dpa picture alliance

Die strengen Mahner – diese Rolle spielen die Banker derzeit in der Euro-Krise. Gemeinsame europäische Anleihen, eine Sozialisierung der Schulden von Krisenstaaten, all das sehen sie skeptisch. Nicht so Wolfgang Kirsch, 56: Deutlich wie kaum ein anderer Finanzmanager fordert der Chef der genossenschaftlichen DZ Bank einen Schuldenerlass für Griechenland – obwohl Abschreibungen auf griechische Anleihen das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken bereits belasten.

Morgenpost Online: Herr Kirsch, in welchem EU-Peripherieland waren Sie in diesem Sommer auf Urlaub?

Wolfgang Kirsch: Wir fahren gern nach Portugal, auch in diesem Jahr.

Morgenpost Online : Sie sprechen sich also nicht nur offen für eine Transferunion aus, sondern lassen das Geld auch direkt fließen.

Kirsch: Wir fahren schon seit vielen Jahren im Sommer an die Algarve – das hat nichts mit der Schuldenkrise zu tun. Aber natürlich ist mir aufgefallen, dass sich dort einiges verändert hat. Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen dort mitunter froh sind, dass mit dem Internationalen Währungsfonds eine ordnende Hand im Land erkennbar ist. Die Menschen stellen sich darauf ein, den Gürtel enger zu schnallen.

Morgenpost Online : Wenn es nach Ihnen geht, ist der Sparzwang ja begrenzt – Sie wollen die Schulden von Ländern wie Portugal oder Griechenland teilweise auf die ganze Euro-Zone umlegen. Was finden Sie so gut daran, den Griechen die Schulden zu bezahlen?

Kirsch: Natürlich müssen überschuldete Länder sparen. Die meisten sind auch auf einem guten Weg. Aber zumindest im Falle Griechenlands ist absehbar, dass Sparen allein nicht reichen wird. Lassen Sie mich das mit einem privaten Gläubiger vergleichen. Dem reichen wir schließlich auch die Hand, verlangen aber im Gegenzug über sechs Jahre hinweg, dass er spart und seinen unbedingten Beitrag zur Entschuldung leistet. Es geht hier wie dort um eine Fehlerbereinigung – und diese Chance sollte man Griechenland einmalig zugestehen.

Morgenpost Online : Also sollen die übrigen Euro-Länder Griechenland nach sechs Jahren seine verbleibenden Schulden erlassen ?

Kirsch: Mir geht es nicht darum, die Privatinsolvenz bis ins Detail auf Staaten zu übertragen, das wird nicht funktionieren. Aber grundsätzlich gilt: Wir haben uns dafür entschieden, den Fall Griechenland innerhalb des Systems zu lösen, und das war auch gut so. Eine Rettung außerhalb des Systems hätte noch erheblichere Schuldenschnitte und Währungsverluste bedeutet – das wäre noch teurer gewesen.

Morgenpost Online : Mit der Bereinigung der Altlasten ist es aber nicht getan, wenn es künftig gemeinsame Staatsanleihen gibt, die Euro-Bonds. Sie haben dafür plädiert, die Kanzlerin dagegen.

Kirsch: Für mich ist das der richtige Weg. Das europäische Rad kann und darf nicht mehr zurückgedreht werden, der „Point of no return“ ist überschritten.

Morgenpost Online : Aber wo ist die Gegenleistung, die Sie von einem privaten Schuldner verlangen, wenn Deutschland für die Schulden der Euro-Peripherie haftet?

Kirsch: Natürlich dürfen Euro-Bonds nicht einfach so vom Himmel fallen . Sie stehen vielmehr am Ende des Weges. Vorher muss ein institutioneller Rahmen geschaffen werden, der Staaten dazu zwingt, sich regelkonform zu verhalten. Die deutsche Schuldenbremse ist eine Blaupause für Europa.

Morgenpost Online : Schon die bisherigen Verträge waren das Papier kaum wert, auf dem sie geschrieben wurden. Warum glauben Sie, dass sich die Staaten an eine Schuldenbremse halten?

Kirsch: Die führenden Politiker Europas müssen deutlicher machen, dass es ein Privileg ist, zur Euro-Zone zu gehören. Alle Länder profitieren davon ungemein – aber das hat auch seinen Preis: Man muss sich an die Regeln halten. Deshalb müssen in Zukunft strengere Sanktionen drohen, wenn ein Land dauerhaft gegen die Regeln verstößt. Der Ausschluss aus der EU muss dann möglich sein.

Morgenpost Online : Ist das nicht eine leere Drohung? Sie haben eingangs gesagt, dass uns ein Ausschluss Griechenlands aus dem Euro noch teurer gekommen wäre.

Kirsch: Wenn jedes Land eine Schuldenbremse mit Verfassungsrang einbaut, würde es gar nicht mehr so weit kommen.

Morgenpost Online : Wenn sich jedes Land an die Schuldenbremse hält, hätten wir das Problem ja schon gelöst. Wozu braucht man danach noch Euro-Bonds?

Kirsch: Euro-Bonds sind ein kraftvolles Signal, wenn Europa einen dauerhaft attraktiven Finanzmarkt etablieren will, der mit anderen großen Wirtschaftsräumen mithalten kann. Zudem werden wir in Zukunft froh sein, wenn wir ein so flexibles Instrument an der Hand haben, das im Ernstfall auch nationale Besonderheiten ausgleichen kann.

Morgenpost Online : Der frühere Chef der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan, scheint an den Erfolg solcher Gemeinschaftsprojekte nicht zu glauben. Er hat gerade das Ende des Euros besungen.

Kirsch: Alan Greenspan ist einer der Begründer der derzeitigen Krise. Insofern sollte er sich besser zurückhalten.

Morgenpost Online : Auch viele Investoren trauen der europäischen Politik nicht über den Weg. Das spüren vor allem Banktitel an den Börsen.

Kirsch: Es besteht eine hohe Korrelation zwischen dem Bonitätsrisiko von Staaten und dem Bankenrisiko – insofern ist die Sorge verständlich. Die Märkte beunruhigt, dass der Instrumentenkasten der Staaten weitgehend ausgereizt ist, wenn es darum geht, einer neuen Krise zu begegnen.

Zudem geraten die Banken aufgrund der verschiedenen Regulationsvorhaben unter Druck. Gerade in Deutschland gibt es eine Reihe von nationalen Alleingängen, zum Beispiel beim Thema Verbraucherschutz, die zusätzlich belasten. Die Politik muss aufpassen, dass die Banken ihre Kernaufgabe, die Realwirtschaft mit Geld zu versorgen, noch durchführen können.

Morgenpost Online : Leidet Ihr Geschäft bereits?

Kirsch: Operativ läuft es sehr gut. Ein Teil des deutschen Aufschwungs gehört unserer genossenschaftlichen Bankengruppe. Wir haben bei der DZ BANK auch weiterhin eine erfreulich niedrige Risikovorsorge für notleidende Kredite. Allerdings mussten wir im ersten Halbjahr Rückschläge bei Wertpapierbeständen aufgrund der starken Marktschwankungen hinnehmen.

Morgenpost Online : Wie stark belasten die Griechenland-Abschreibungen?

Kirsch: Wir haben im ersten Halbjahr 243 Millionen Euro auf unser Griechenland-Portfolio abgeschrieben. Dabei haben wir den konservativen Weg gewählt und auf Marktwerte abgeschrieben. Das heißt, wir sind deutlich über die 21 Prozent hinausgegangen, die als Beteiligung privater Gläubiger vorgeschlagen wurden. Wir werden uns an dem vereinbarten Rettungspaket beteiligen, aber noch liegen die Details nicht auf dem Tisch. Insofern können wir auch nicht sagen, welche der möglichen Varianten wir wählen.

Morgenpost Online : Was bedeutet das für Ihr Ergebnis?

Kirsch: Wir lagen im ersten Halbjahr 2011 auf dem guten Niveau der ersten sechs Monate des Vorjahres, in denen wir gut 600 Millionen Euro vor Steuern verdient hatten. Im Gesamtjahr werden wir wohl dennoch unter dem Ergebnis von 2010 ankommen, weil wir davon ausgehen müssen, dass die Unruhe an den Märkten anhalten wird.

Mehr zur Euro-Krise lesen Sie in der Morgenpost Online.