Familie und Beruf

Die Grundschule wird zur Jobbremse für Mütter

Betreuungsangebote für Grundschüler sind selten. Wenn Arbeitgeber nicht reagieren, können viele Mütter nicht in ihren Beruf zurückkehren.

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Petra Kannengießer kennt das Problem seit Jahren: Pünktlich zum Ende der Ferienzeit reduzieren einige Mitarbeiterinnen des Handelsunternehmens Globus ihre Arbeitszeit. „Wenn ihre Kinder eingeschult werden, wollen viele Mütter mittags zu Hause sein, Essen kochen und später die Hausaufgaben ihrer Kinder betreuen“, sagt die Personalchefin des Globus-Standortes Zell an der Mosel.

Das Gros der Beschäftigten des Familienunternehmens, das deutschlandweit 14.000 Mitarbeiter hat, ist weiblich. „In manchen Abteilungen arbeiten fast nur Mütter“, sagt Kannengießer. Entsprechend schwierig sei die Dienstplanung, zumal sich das Unternehmen Familienfreundlichkeit auf die Fahnen geschrieben habe. „Aber natürlich können nicht alle nur am Vormittag arbeiten und in den Schulferien immer freihaben“, sagt Kannengießer.

Wie Globus geht es vielen Unternehmen in Deutschland. Zwar hat sich in den vergangenen Jahren eine Menge getan, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Doch wie Krippenoffensive und Elterngeld zeigen, liegt der Fokus dabei auf den Kleinkindern.

Vergessen wird, dass auch Grundschulkinder nicht stundenlang allein zu Hause bleiben können. Und so bricht in vielen Familien die mühsam aufgebaute Organisation der Betreuung mit dem Schuleintritt in sich zusammen.

„Wer Familie und Beruf unter einen Hut bringen muss, für den ist die Kinderbetreuung das A und O – und zwar nicht nur bis zur Einschulung“, sagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann.

Auch die Betreuung der Grundschulkinder müsse verlässlich sein, damit es nicht zu Brüchen im Erwerbsleben der Beschäftigten komme, fordert der DIHK-Chef. Wie groß die Defizite hier sind, zeigt der „Grundschulcheck“, den der Verband durchgeführt hat.

Kindergärten sind besser aufgestellt

Ferien, früher Schulschluss, hitzefrei – alles, was die Kinder besonders freut, stellt das Organisationstalent berufstätiger Eltern auf die Probe. So bietet der DIHK-Untersuchung zufolge nicht einmal jede vierte Grundschule eine Betreuung für die gesamte Ferienzeit an.

Mit fast 13 Wochen im Jahr sind die Schließzeiten in den Schulen deutlich länger als in den Kindergärten. Für berufstätige Eltern, die meist nur sechs Wochen Urlaub im Jahr haben, sei dies ein Riesenproblem, klagt der DIHK-Chef. Auch die Nachmittagsbetreuung lässt nach Ansicht der Arbeitgeber zu wünschen übrig. „Die Öffnungszeiten orientieren sich nicht an den Bedürfnissen der Familien“, rügt Driftmann. „Eltern und Betriebe müssen die Folgen davon ausbaden.“

Dass Deutschland hier Nachholbedarf hat, zeigt ein Blick ins Ausland. Nur jedes dritte Kind zwischen sechs und zwölf Jahren ist hierzulande 30 Stunden und mehr in der Schule betreut. In Schweden dagegen sind alle Grundschulkinder ganztags versorgt. In Italien liegt diese Quote bei nahezu 90 Prozent, in Großbritannien bei knapp 70 Prozent und in Frankreich immerhin noch bei gut 50 Prozent.

Viele Frauen würden bei einem besseren Betreuungsangebot ihre Berufstätigkeit ausweiten , heißt es in einer Studie, die das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) gemeinsam mit der Hamburger Universität (HSU) im Auftrag des Bundesfamilienministeriums verfasst hat.

„Der Ausbau der schulischen Ganztagsbetreuung ist ein wichtiger Baustein für eine stärkere Arbeitsmarktintegration von Frauen“, sagt Co-Autor Paul Marx. Dies sei besonders aufgrund des zu erwartenden Fachkräftemangels wünschenswert.

460.000 Mütter können nicht arbeiten

Nach den Berechnungen der Ökonomen würde der flächendeckende Ausbau der Ganztagsbetreuung bis zu 460.000 bislang nicht erwerbstätige Mütter von Schulkindern auf den deutschen Arbeitsmarkt bringen. Von den 3,1 Millionen Müttern mit Schulkindern, die bereits berufstätig sind, würde zudem jede dritte ihre Arbeitszeit gern ausdehnen. Besonders spürbar wäre der positive Arbeitsmarkteffekt in den westlichen Bundesländern, da hier die Lücken im Betreuungsangebot deutlich größer sind als in Ostdeutschland.

Vor allem die oft dringend notwendige Unterstützung bei den täglichen Hausaufgaben und ihre Funktion als „Taxi-Mama“ beanspruchen die Mütter von Grundschulkindern, wie eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt. Schwierig wird die Betreuung vor allem dann, wenn ein Kind krank ist, die Schule ausfällt oder wenn Ferienzeit ist.

Viele Unternehmen sehen diese Nöte ihrer Mitarbeiterinnen und warten nicht, bis der Staat endlich das Problem löst. Der Sensorenhersteller Sick in Waldkirch beispielsweise stellt am Nachmittag eine flexible Hausaufgabenbetreuung zur Verfügung.

Es gibt Computerplätze und Spielmöglichkeiten, außerdem können die Mitarbeiterkinder an organisierten Freizeitprogrammen teilnehmen. Auch um die langen Schulferien zu überbrücken, lassen sich immer mehr Betriebe etwas einfallen. Bei Siemens in Erlangen zum Beispiel werden in diesem Sommer 850 Kinder betreut, einige von ihnen während der gesamten Sommerferien. „13 Wochen Ferien pro Jahr kann keine Familie nur mit Urlaub ausfüllen“, sagt Siemens-Personalvorstand Brigitte Ederer. Eltern aber sollten sich nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen.

Unternehmen profitieren, wenn sie Angebote machen

„Die Unternehmen sind zwar nicht für die Kinderbetreuung zuständig, aber sie merken, dass sie profitieren, wenn sie solche Angebote machen“, sagt Stefan Becker, Geschäftsführer des von der Hertie-Stiftung ins Leben gerufenen Netzwerkes „berufundfamilie“. Familienfreundlichkeit sei schließlich mittlerweile ein Faktor im Wettbewerb unter den Firmen geworden.

Oft kooperierten die Unternehmen mit Kommunen und Sportvereinen, um verschiedene interessante Angebote auf die Beine zu stellen. Boehringer Ingelheim etwa bietet eine Ferienakademie an. Dem Pharmaunternehmen geht es dabei nicht nur um Betreuung, sondern auch darum, gezielt das Interesse der Kinder für Naturwissenschaften zu wecken. Und BASF organisiert für Jugendliche einen Auslandsaustausch und nutzt dafür seine zahlreichen Standorte in aller Welt.

Doch nicht immer geben gute Betreuungsmöglichkeiten allein den Ausschlag. Denn auch wenn Frauen die Wahl hätten, entschieden sie sich zu einem großen Teil für die Halbtagsschule, sagt Globus-Personalleiterin Kannengießer, die selbst dreifache Mutter ist. „Viele Mütter haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihr Kind in die Ganztagsbetreuung geben.“