Online-Handel

Was Media Markt und Saturn im Internet planen

Europas größte Elektronikhandelskette hat bislang keinen ernst zu nehmenden Onlineshop. Metro-Chef Cordes plant einen großen Neustart.

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Morgenpost Online: Herr Cordes, Sie liegen seit Monaten mit Ihrem Mitgesellschafter bei Media-Saturn, Kellerhals, im Rechtstreit . Lässt sich so noch vernünftig arbeiten?

Eckhard Cordes: Das ist eine Diskussion zwischen den Gesellschaftern bei Media Markt und Saturn – und nicht zwischen der operativ zuständigen Geschäftsführung. Die Geschäftsführung arbeitet hart, auch an der notwendigen Neuausrichtung des Geschäfts.

Das operative Geschäft wird durch diese Meinungsverschiedenheit nicht beeinflusst. Wenn Sie bei der jüngsten Gesellschafterversammlung dabei gewesen wären, hätten Sie keinen Unterschied in der Atmosphäre gegenüber Treffen aus der Zeit vor dem Rechtsstreit bemerkt. Das läuft sehr professionell. In dieser Sitzung haben wir einstimmig den Kauf des Online-Händlers Redcoon beschlossen. Wir sind also nicht entscheidungsunfähig, die Geschäfte laufen normal weiter. Aber natürlich ist die Auseinandersetzung um die Stimmrechte unerfreulich. Wir bleiben an einer konstruktiven Lösung interessiert. Dieses Angebot haben wir Herrn Kellerhals mehrfach gemacht, aber bislang geht er nicht darauf ein.

Morgenpost Online: Aber die Geschäfte laufen schlecht, hört man in der Branche. War es clever, den Streit vom Zaun zu brechen?

Cordes: Das Geschäft mit elektronischen Konsumgütern ist ein schnelllebiges Geschäft. Der Internethandel wächst rasant. Wir haben ja nun die Zahlen unserer jüngsten Akquisition Redcoon, eines reinen Internethändlers, vorliegen, die uns das noch einmal eindrucksvoll zeigen. Die bisherige Aufsichtsstruktur bei Media-Saturn führte teilweise zu Blockaden oder erlaubte auch schon mal einem Geschäftsführer, notwendige Entscheidungen mit Hinweis auf unklare Mehrheitsverhältnisse zu vertagen. Bereits in normalen Zeiten schwächt eine solche Situation unternehmerisches Handeln. Wenn dann ein Unternehmen vor großen Herausforderungen durch Marktentwicklungen und den Wettbewerb steht, gefährden unklare Mehrheitsverhältnisse seine Zukunftsfähigkeit. Die ernüchternden Zahlen aus der Unterhaltungselektronikbranche zeigen doch, wie herausfordernd das Geschäft ist.

Morgenpost Online: Und was hat das mit dem Kellerhals-Streit zu tun?

Cordes: Die derzeitigen Stimmverhältnisse in der Gesellschafterversammlung haben zum Beispiel bei der Internetstrategie zu Verzögerungen geführt. Um auch international, das heißt insbesondere in den Emerging Markets, schnell wachsen zu können, braucht man schlanke und effiziente Abstimmungsprozesse. Und dass wir zumindest teilweise zu langsam und zu komplex sind, liegt maßgeblich am Problem der Stimmverhältnisse.

Morgenpost Online: Wieso?

Cordes: Metro hält an der Media-Saturn Holding 75,4 Prozent. Die Beschlüsse in der Gesellschafterversammlung fallen aber mit 80 Prozent Mehrheit, das heißt, dass hier die Zustimmung der Minderheitsgesellschafter notwendig ist. Mit dieser Stimmrechtsverteilung ist eine zukunftsfähige und effiziente Unternehmensführung langfristig nicht gewährleistet.

Morgenpost Online: Also schickten Sie Ihre Juristen in den Archivkeller, um die 30 Jahre alte Satzung nach irgendwelchen Schwachpunkten zu durchforsten?

Cordes: Nein, wir haben mit Herrn Kellerhals und Herrn Stiefel über notwendige Veränderungen in der Aufsichtsstruktur geredet, sind aber nicht weitergekommen. Deshalb nehmen wir jetzt die der Metro zustehenden Rechte wahr. Die Satzung sieht seit ihrer Niederschrift die Einrichtung eines mit einfacher Mehrheit entscheidenden Beirats vor, wenn kein Gesellschafter mehr in der Geschäftsführung ist. Herr Stiefel ist 2007 als letzter Gesellschafter aus der Geschäftsführung ausgeschieden. Somit zieht aus unserer Sicht eindeutig die Satzungsregelung, nach der ab diesem Zeitpunkt ein neues Gremium, ein Beirat, eingesetzt werden kann, der wesentliche Teile der Aufgaben der Gesellschafterversammlung übernimmt. Dieser Beirat kann mit einfacher Mehrheit eingerichtet werden und anschließend mit einfacher Mehrheit Beschlüsse fassen.

Morgenpost Online: Und Metro hätte immer die Mehrheit. Die in Ingolstadt zelebrierte Unabhängigkeit vom Konzern wäre dann dahin.

Cordes: Das liest man immer wieder in den Medien, aber das halte ich für stark übertrieben. Die unternehmerische Freiheit der Geschäftsführung soll nicht eingeschränkt werden. Die Verfasser der Satzung – und dazu gehörten auch die Herren Kellerhals und Stiefel – waren klug genug, um mit dem Beirat ein effizientes Entscheidungsorgan gerade auch für schwierige Fragen zu schaffen. In der Satzung steht, dass der Beirat eine ungerade Zahl von Mitgliedern haben muss, wobei die Metro-Seite immer einen Vertreter mehr stellt als die Minderheitsgesellschafter. Und da jedes Mitglied eine Stimme hat, haben wir die Mehrheit.

Morgenpost Online: Aber Herr Kellerhals sagt, dass das alles nicht gilt. Warum?

Cordes: Das müssen Sie ihn fragen. Aus unserer Sicht hat die Satzung vorausschauend die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens geregelt. Alles, was wir fordern, steht in der Satzung. Und wir sind zuversichtlich, dass diese Sachlage vor den Gerichten Gehör findet.

Morgenpost Online: Jetzt hat Media-Saturn auch noch die Staatsanwaltschaft im Haus, wegen Verdachts auf Bestechung.

Cordes: Ja, aber das sind Untersuchungen, die wir selbst angestoßen und dann der Staatsanwaltschaft übergeben haben. Hier gilt für uns die Unschuldsvermutung. Sollten sich die Verdachtsmomente jedoch erhärten, werden wir derartige Verhaltensweisen bei Media-Saturn – wie bei jeder anderen Vertriebslinie auch – selbstverständlich nicht tolerieren.

Morgenpost Online: Bei all diesen Querelen können Sie den immer mal wieder diskutierten Börsengang von Media-Saturn auf absehbare Zeit wohl vergessen.

Cordes: Wir haben immer gesagt, dass wir lediglich die Voraussetzungen für einen Börsengang schaffen, mehr aber auch nicht. Jetzt ist ohnehin nicht die richtige Zeit dafür, wir haben keine Eile damit. Erst einmal fahren wir jetzt das Internetgeschäft voll hoch und beschleunigen die internationale Expansion noch weiter.

Morgenpost Online: Ab wann wollen Sie denn nun eine Online-Macht werden?

Cordes: Wir werden in Deutschland im vierten Quartal mit Saturn online gehen und im ersten Halbjahr 2012 mit Media Markt. Redcoon läuft ja schon. Wir glauben, dass wir dann in den gesättigten Märkten wie Deutschland relativ schnell auf einen deutlich höheren Online-Anteil am Gesamtumsatz kommen können.

Morgenpost Online: Was heißt das? 30 Prozent?

Cordes: Mittelfristig scheint mir das nicht vollkommen unrealistisch.

Morgenpost Online: Es wird einheitliche Preise geben?

Cordes: Bei Saturn und Media Markt in Deutschland wird es ein Online-Kernsortiment geben, dessen Preise man auch in unseren stationären Geschäften wiederfinden wird. Darüber hinaus werden wir auch im Internet wie im stationären Geschäft den besten Preis bieten. Das wird die Kunden freuen.

Abweichungen sind immer möglich, denn die Geschäftsführer in den Märkten vor Ort haben weiterhin die Preishoheit. Die Filialen bekommen anteilig zu ihren stationären Umsätzen die Online-Umsätze zugeschrieben, sodass sie Online als integralen Bestandteil ihres Geschäfts sehen.

Morgenpost Online: Was heißt Multi Channel bei Ihnen?

Cordes: Der Kunde hat künftig die Möglichkeit, sich im Geschäft beraten zu lassen, zu kaufen und das Gerät von unseren Mitarbeitern zu Hause aufstellen und installieren zu lassen. Er kann sich das Gerät aber auch im Laden anschauen und erklären lassen, dann dort an Terminals online kaufen. Oder er ordert online, lässt sich den Artikel nach Hause oder in eine Filiale liefern und holt ihn dort ab. Ganz wie er will, jede Kombination aus Online und Offline ist möglich. Der Umtausch im Laden ist natürlich auch für die Kunden möglich, die im Internet gekauft haben. Von diesem kundenfreundlichen Multi-Channel-Angebot erwarten wir uns einen echten Wachstumsschub.

Morgenpost Online: Und wie funktioniert Redcoon?

Cordes: Redcoon hat grundsätzlich ein anderes Prinzip und eine andere Kundschaft: Da gibt es die Ware nur im Internet und nicht im Laden, der Kunde erhält keine Beratung vor Ort, kann die Ware nicht austesten und muss das Gerät auch selbst aufbauen. Deshalb ist bei Redcoon eine andere Preisgestaltung möglich als bei Saturn oder Media Markt. Auch davon erwarten wir uns viel: Redcoon ist im Durchschnitt der letzten Jahre um 30 Prozent gewachsen. Und wir sehen nicht, dass sich das abschwächt.

Morgenpost Online: Sie sind ja ganz euphorisch.

Cordes: Redcoon wird in diesem Jahr nicht unser letzter Zukauf bei diesen reinen Online-Händlern bleiben. Es gibt viele hochinteressante Spezialanbieter im Netz, die sehr gut zu uns passen würden und die ebenfalls tolle Wachstumsraten verzeichnen. Das Geschäft verlagert sich immer mehr vom stationären Laden ins Internet, dort kaufen inzwischen auch immer mehr Kunden jenseits der 60. In 10 oder 15 Jahren werden Sie fast niemanden mehr finden, der nicht spielend mit einem Computer umgehen kann. Da muss man als Händler dabei sein.

Morgenpost Online: Analysten sagen Media-Saturn dennoch spätestens 2012 erhebliche Ertragsprobleme voraus.

Cordes: Ich sehe keine langfristigen Ertragsprobleme. Aber Tatsache ist, dass uns derzeit die Entwicklung im Online-Geschäft und im Gesamtmarkt zum raschen Handeln zwingt. Das tun wir, und wir haben mit der neuen Doppelspitze das Management-Team und die notwendigen Strategien, um auch zwischenzeitlich schwierigere Ertragsphasen zu meistern.

Zudem wird sich unsere Multi-Channel-Strategie sehr schnell auszahlen: Wir werden mit unserem hohen Bekanntheitsgrad schon bald nicht nur den entsprechenden Traffic auf unseren Internetseiten generieren, sondern auch signifikante Umsätze erreichen. Das Potenzial ist aus unserer Sicht sehr groß, und unser Management in Ingolstadt steht voll dahinter. Manager, die früher Vorbehalte gegen die Online-Offensive hatten, haben sich jetzt an die Spitze der Bewegung gestellt. Media und Saturn geht jetzt geschlossen mit voller Power in den Wachstumsmarkt Online.

Morgenpost Online: Dennoch stürzte der Metro-Aktienkurs nach einem Analystenreport um drei Prozent. Im vergangenen halben Jahr haben Sie sechs Milliarden Euro Unternehmenswert verloren.

Cordes: Viele große Werte im Gesamtsektor von Konsumgüterindustrie und Handel sind unter Druck – und dem können wir uns natürlich nicht ganz entziehen. Nicht nur bei Media Markt und Saturn arbeiten wir hart an neuen Konzepten und Strategien, sondern auch in unseren anderen Geschäftsbereichen, in denen wir weiterhin gut vorankommen. Aber Aktienmärkte reagieren nie rational und differenzieren zu wenig. Lassen Sie uns in ein paar Monaten noch einmal darüber sprechen, dann sieht die Sache anders aus.

Morgenpost Online: Wie sieht Ihr Interesse an Karstadt aus? Karstadt-Chef Jennings hat seine Strategie bis 2015 bekannt gegeben. Kann man jetzt bei Ihrer Warenhauskette Kaufhof noch ruhig schlafen?

Cordes: Ich auf jeden Fall. Und ich denke, die Kollegen können es auch. Denn in dem, was Herr Jennings Medienberichten zufolge präsentiert haben soll, habe ich nichts Neues erkennen können. Ich halte einen Zusammenschluss von Karstadt mit unserem Kaufhof weiterhin für richtig, aber die andere Seite will nicht. Wie heißt es so schön? „It takes two to Tango.“ Dann eben nicht, für mich ist das Thema Deutsche Warenhaus AG abgehakt.

Morgenpost Online: Und das Thema Kaufhof-Börsengang?

Cordes: Das ist nicht abgehakt. Dies ist eine Idee, die aus unseren permanenten Gesprächen mit Bankern hervorgegangen ist. Diese bescheinigen uns, dass Kaufhof jetzt einen Reifegrad erreicht habe, der die Kette börsenfähig mache. Das war vor zwei Jahren noch anders. Das freut uns, aber wir haben auch hier keine Eile. Denn der Kaufhof verdient gutes Geld, in jedem Jahr übrigens mehr. Es ist schön, dass wir jetzt diese zusätzliche Option haben.