Konjunktur

Deutschlands Abschied vom Wirtschaftswunder

Die Jubelarien sind alle verstummt, die deutsche Wirtschaft stagniert. Anders als erwartet hat sie die Krisenverluste noch nicht wettgemacht.

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Ungläubig schauten Ökonomen auf ihre Bildschirme, als sie die E-Mail mit den neuesten Konjunkturdaten erhielten. Im zweiten Quartal hat das Wirtschaftswachstum stagniert – im Vergleich zu den ersten drei Monaten stieg es nur noch um 0,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt darin meldete.

Eigentlich hatten viele Volkswirte mit einem kräftigen Plus von 0,5 Prozent gerechnet. „Da ist etwas passiert, womit kaum ein Experte gerechnet hatte“, zeigte sich Andreas Rees von Unicredit überrascht. Wie viele andere Volkswirte auch senkte er seine Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft sowohl für 2011 als auch für 2012 deutlich ab.

Die neuesten Zahlen aus Wiesbaden stellen nicht nur das Bild von der vor Kraft nur so strotzenden deutschen Wirtschaft auf den Kopf. Anders als bislang angenommen hat die deutsche Wirtschaftsleistung auch noch nicht das Vorkrisenniveau erreicht. Bislang hieß es, die deutsche Wirtschaft habe zwischen April und Juni die in der Finanzkrise erlittenen Einbußen wettgemacht.

Doch nach den neuesten Zahlen liegt die Wirtschaftsleistung noch 0,05 Prozent unter dem Niveau von Anfang 2008. „Das Vorkrisenniveau wird erst in diesen Tagen wieder erreicht“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Dazu ist im dritten Quartal ein Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent nötig.

Das Wachstum im zweiten Quartal war das schwächste seit Jahresbeginn 2009. Damals erreichte die Finanzkrise ihren Höhepunkt. Zum ersten Mal spiegelt sich nun auch in harten Zahlen wieder, wovor Experten seit einigen Wochen warnen: Eine merkliche Abkühlung der Konjunktur. Mit solch einer Vollbremsung hatte jedoch kaum jemand gerechnet. Entsprechend war die Reaktion an den Börsen. Der Dax gab deutlich nach.

Experten warnen jedoch vor Panik: „Eine neue Rezession sehe ich nicht heraufziehen. Die deutsche Wirtschaft kehrt – nachdem sie die Einbußen der Finanzkrise durch außergewöhnlich starkes Wachstum fast wettgemacht hat – wieder auf ihren normalen Wachstumskurs zurück“, sagt Marcus Kappler vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

ING-Ökonom Carsten Brzeski stimmt ihm zu: „Nach dem überwältigenden ersten Quartal und im Lichte mehrerer Schocks wie den Erdbeben von Japan, dem Anstieg der Ölpreise und dem Abflauen der US-Konjunktur sollten die BIP-Zahlen eher als Normalisierung betrachtet werden denn als Enttäuschung.“

Vor allem sinkende Konsum- und Bauausgaben haben den deutschen Aufschwung im zweiten Quartal fast zum Erliegen gebracht. Während ein Rückgang der Bauinvestitionen nach dem Boom zu Jahresbeginn noch erwartet worden war, überraschte die Kaufzurückhaltung der Verbraucher. Die Arbeitslosigkeit ist weiterhin gering, die Beschäftigung liegt auf Rekordniveau, die Löhne steigen seit langer Zeit wieder. Vermutlich hat aber die hohe Inflation die Kauflaune gedrückt. Die Teuerungsrate hatte im April mit 2,4 Prozent den höchsten Stand seit Oktober 2008 erreicht. Auch vom Export kamen negative Impulse.

Zuletzt hatte sich auch in anderen führenden Industriestaaten das Wachstum merklich abgekühlt. Die weltgrößte Volkswirtschaft USA schaffte nur ein Plus von 0,3 Prozent, während die japanische Wirtschaft sogar um 0,3 Prozent schrumpfte. Auch in den großen Schwellenländern wie China verlor die Konjunktur zuletzt an Fahrt.

Die deutschen Unternehmen investierten dagegen wieder mehr und hielten die Wirtschaft damit auf Wachstumskurs. „Allerdings haben sie ihre Lager nicht so stark wie erwartet aufgefüllt. Auch das hat das Wachstum gedämpft“, sagt Andreas Rees von Unicredit.

Nachdem das Statistische Bundesamt das Wachstum des ersten Quartals von 1,5 auf 1,3 Prozent revidierte, senkten nahezu alle Bankenvolkswirte ihre Wachstumsprognosen deutlich ab. So erwartet die Commerzbank in diesem Jahr statt 3,4 nur noch ein Wachstum von drei Prozent. Unicredit rechnet für das nächste Jahr sogar nur noch mit einem Plus von 1,25 Prozent. Zuvor hatte die Vorhersage bei zwei Prozent gelegen.

„Sowohl das starke Wachstum im ersten Quartal als auch das schwache im zweiten Quartal ist überzeichnet. Das Wachstumstempo nimmt ab, ist aber nicht so schlecht wie die neusten Zahlen vermuten lassen“, sagt Rees.Dennoch wandelt sich Deutschland damit von der Wachstumslokomotive zum Bremsklotz der Euro-Zone. Die Währungsunion wuchs zwischen April und Juni nur um 0,2 Prozent. In Frankreich stagnierte die Wirtschaft.

Die mit einer schweren Schuldenkrise kämpfenden Staaten Italien und Spanien schlugen sich sogar leicht besser als Deutschland. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler forderte angesichts des schwachen Wirtschaftswachstums weitere Reformen. Deutschland brauche jetzt „klare politische Signale zur Verstetigung des Wachstums“, erklärte der FDP-Vorsitzende. „Die auf den ersten Blick schwache Entwicklung im zweiten Vierteljahr lag innerhalb unserer Erwartungen“, sagte der Minister. Sie sei auch ein Reflex auf das nach wie vor außerordentlich positive erste Quartal.

Neben der Veröffentlichung der neuesten Wachstumszahlen überarbeitete das Statistische Bundesamt auch die bisher veröffentlichten Wachstumszahlen der vergangenen Jahre. Die Statistiker korrigierten ihre Ergebnisse zum Teil deutlich. So ist die deutsche Wirtschaft 2009 deutlicher stärker eingebrochen als bisher angenommen – statt um 4,7 Prozent schrumpfte die Wirtschaftsleistung im Krisenjahr um 5,1 Prozent. Dafür fiel das Wachstum im Jahr 2007 höher aus: Offiziell ist die Wirtschaft vor vier Jahren nun um 3,4 Prozent gewachsen – und damit 0,6 Prozentpunkte stärker als bislang angenommen.