Open Air

Verregneter Sommer verhagelt Freiluftkino-Bilanz

Drei Tage Sonne machen weder Sommer, noch Gewinn. Die Betreiber von Freiluftkinos trifft der miserable Sommer deshalb besonders hart.

Foto: Getty Images / Getty Images/Andreas Rentz

Endlich ein Kinoabend im Freien, wie er sein soll. Die Holzplanken der kleinen Bühne im Münchener Westpark sind noch warm von der Hitze des Tages. Die Gäste packen ihr Picknick auf Decken aus, genießen die kühle Luft, die vom See herbeiweht. Der Himmel färbt sich in ein sattes Blau, auf dem schon bald die Sterne funkeln. Das Münchener Freiluftkino „Kino, Mond und Sterne“ ist für viele das Schönste der Stadt. An diesem Wochenende ist es ausverkauft.

Endlich. Die späten Sommertage sind ein schwacher Trost für Peter Mopils. Der 42-Jährige organisiert das Freiluftkino schon seit 17 Jahren. Doch so kalt und regnerisch wie in den vergangenen Wochen war es bislang noch nie, sagt er. Statt Picknickdecken brachten die Besucher manchmal sogar Pavillons aus Plastik mit, um sich gegen den peitschenden Regen zu schützen – sofern sie nicht gleich zuhause blieben.

Jetzt versucht Mopils in Verhandlungen mit der Stadt, das Kino um einige Augusttage zu verlängern. Es soll den Schaden begrenzen, den der Regen anrichtete.

Anderen Betreibern wird das Jahr 2011 als Katastrophenjahr in Erinnerung bleiben. Veranstaltungen wurden abgesagt, unbenutzte Kinorollen an Verleiher zurückgeschickt, Leinwände drohten in Gewitterstürmen zu zerfetzen, Friteusen blieben kalt und Bierfässer voll. Seit zehn Jahren war es im deutschen Durchschnitt nicht mehr so kalt wie im vergangenen Juli , meldet der Deutsche Wetterdienst.

Verlustgeschäft an Regentagen

Den Betreibern der gut 500 Open-Air-Kinos in Deutschland drohen herbe Verluste. Kaum ein Gast nimmt Regen und Kälte in Kauf, nur um einen Film zu sehen. „Im Freiluftkino macht 50 Prozent der Film aus und 50 Prozent das Sommerwetter“, sagt Dirk Evers von Outdoor Cine in Hamburg. Die Firma verleiht Zubehör für Filmaufführungen. „Die Besucherzahlen schwanken zwischen 2.000 und null“, sagt Evers. Eine riskante Wette.

Die Betreiber sind in ganz Deutschland enttäuscht, denn sie investieren so viel Leidenschaft wie Geld. Der Münchener Mopils etwa sieht das Freiluftkino als sein privates Fest an. „Es ist, als würde ich meine Freunde einladen“, sagt er. Nur fünf Euro verlangt er als Eintritt, das Bier kostet 2,50 Euro. Jeder Gast darf aber ruhig selbst Getränke mitbringen.

Enttäuschung auch in Berlin. Die Organisatoren des Radioeins Freiluftkino im Stadtteil Friedrichshain haben für einen Abend Asghar Farhadi eingeladen, den iranischen Regisseur und Gewinner des Golden Bären 2011. Doch gerade an diesem Tag fegt ein heftiger Sturm über Berlin. Nur drei Gäste erscheinen.

Die Freiluftkinos verlieren viel Geld an Regentagen. Angestellte müssen bezahlt werden, Leinwände und Projektoren gemietet. Filmverleiher bestehen neben einer Umsatzbeteiligung auch auf einen Mindestbetrag. Das kann den Betreiber eines Kinos bis zu 500 Euro pro Abend kosten.

Nun sind die Verleihe allerdings alarmiert: „Ich fürchte, viele Betreiber werden im kommenden Jahr nicht wieder eröffnen können“, sagt Oliver Koppert, bei Constantin Film für den Filmverleih zuständig. Er hat Verhandlungen mit Kinobetreibern aufgenommen. „Wir sprechen darüber, wie wir die Kosten senken“, sagt er. Der Filmverleih hat Interesse daran, dass auch noch nächstes Jahr Kinos aufmachen.

Teure Versicherungen für Kinobetreiber

Wer diesen Sommer durchsteht, muss entweder ein großes finanzielles Polster haben oder sich anders absichern. „Man sollte möglichst die Grundkosten des Freiluftkinos durch Sponsoren finanziert haben“, sagt Evers. Er betreibt selbst ein Freiluftkino im Hamburger Schanzenpark. An mehreren Tagen sind Veranstaltungen komplett ins Wasser gefallen. Doch Evers zufolge droht kein Verlust, da die Zahlungen des Sponsors Arriba, ein Erlebnisbad aus Norderstedt, ausreichen, um die Fixkosten zu decken.

Die alte Regel der Vergangenheit gilt in diesem Jahr nur begrenzt: Öffne einfach lange, dann reduzierst du das Risiko. Hartmut Senkel etwa kann ein Lied davon singen. Der Münchener stellte in diesem Jahr zum ersten Mal ein Kino in einem alten Münchener Viehhof auf die Beine. Ein einzigartiger Veranstaltungsort, wie er sagt. Abgesehen davon, dass sich bei Regen auf dem Boden ganze Seen bilden. „Bei diesen Wassermassen hätten wir Titanic zeigen müssen.“

Nachdem die erste Spielwoche mit Regen begann, entschloss er sich zu einer Verlängerung. „Wir wollten die Wahrscheinlichkeiten erhöhen, dass es noch schöne Tage mit guten Besucherzahlen gibt“, sagt er. 700 Gäste hätten nach der ersten Woche täglich ins Kino strömen müssen. Das hat er bei Weitem nicht erreicht. Senkel sagt: „Mit einem blauen Auge davonzukommen hätten wir uns gewünscht. Dieses Jahr wird das Auge eher violett oder schwarz.“

Eine Versicherung hätte Senkel geholfen. Doch die sind teuer und lohnen sich nur für Großveranstalter wie die Event-Agentur Gral GmbH in München. 20 Mitarbeiter organisieren jedes Jahr am Münchener Königsplatz ein Freiluftkino, das pro Abend bis zu 10.000 Gästen Platz bietet. In diesem Jahr sagte der Veranstalter zwei Abende ab. Er schätzt, dass weniger als 10.000 statt der sonst 20.000 bis 30.000 Besucher kamen. Die Versicherung sprang ein.

Stationäre Kinos profitieren

Die normalen Kinos profitieren von der Misere. Lange haben sie neidisch auf die Konkurrenten unter freiem Himmel geblickt. Jetzt aber suchen die Gäste Schutz vor dem Regen unterm Kinodach. Am Montag präsentierte die Filmförderungsanstalt des Bundes Zahlen: Im ersten Halbjahr setzten die Kinos 452,8 Millionen Euro um. Nur 2002 lief das Geschäft besser. Constantin Film erwartet ein „Rekordjahr“. Der Verband der Filmverleiher rechnet gar damit, dass die Kinos in diesem Jahr die Schwelle von eine Milliarde Euro Umsatz überschreiten.

Viele Betreiber der traditionellen Freiluftkinos wollen sich allerdings im Kampf mit der überdachten Konkurrenz nicht drücken. Der Münchener Mopils sieht „Kino, Mond und Sterne“ als seine Lebensaufgabe an. Das Kino werde die kommenden 20 Jahre überdauern, sagt er. Er habe Rücklagen gebildet, um schlechte Jahre durchzustehen. Es kann allerdings sein, dass er in diesem Jahr auf den Winterurlaub verzichten muss – zumindest wenn er nicht doch noch ein paar Tage länger öffnen darf.