Berliner Spaziergang

Askania-Chef Müller weiß, wie Berlin tickt

Schon als Mitarbeiter von Schweizer Uhrenfirmen hielt Leonhard R. Müller Berlin für den besten Produktionsstandort. Mit der Askania AG leitet der 65-Jährige seit 2004 Deutschlands bedeutendstes Unternehmen für Luftfahrt- und Navigationsinstrumente - und verleiht sogar seinen eigenen Filmpreis.

Foto: M. Lengemann / Martin Lengemann

Leonhard R. Müller könnte auch für einen Künstler gehalten werden. Er hätte wohl auch nichts dagegen. Mit seiner konsequent schwarzen Kleidung, dem weiß-roten Schal und der pinkfarbenen Designerbrille erinnert er irgendwie an Dieter Kosslick, den Chef der Berlinale: ähnliche Statur, genauso temperamentvoll, die gleichen lebhaften Augen. Der Eindruck verstärkt sich, als Müller zu reden beginnt: „Ich habe Sie eben durch den Regen rennen gesehen, das tat mir echt leid“, sagt der 65-Jährige in breitem Badisch, als Reporter und Fotograf etwas durchweicht zum Treffpunkt kommen. Kosslick spricht genauso. Das ist kein Zufall. Er ist wie Müller im badischen Pforzheim aufgewachsen. Sie kennen sich aus der Schulzeit. In Berlin sind sie sich dann irgendwann mal wieder begegnet und, wie es sich für Badener gehört, auch ins Geschäft gekommen. Für Müller war das ein Glücksfall. Aber dazu später.

Startort für den Spaziergang ist der Sitz der Askania AG an der Roennebergstraße in Friedenau. Die dreistöckige Remise im Hof eines alten Bürgerhauses ist Müllers ganzer Stolz. „Ich wollte immer schon ein eigenes Gebäude haben“, sagt er. „Falls irgendwelche Zeichnungen oder Pläne liegen bleiben. Damit wir auch sicher sein können: Das sieht nicht die Konkurrenz.“

Der Betrieb ist auf drei Etagen verteilt: ganz oben das Management, inklusive Marketing, Vertrieb und Kreativ-Abteilung. In der zweiten Etage der Produktionsraum. In Spitzenzeiten sitzen vier Uhrmacher gebeugt an Werktischen und montieren Uhren zusammen. Im Erdgeschoss befinden sich der Kundenraum und ein kleines Museum. Es wirkt alles sehr gediegen. Eine kleine exklusive Insel mit gläsernen Vitrinen, Sitzecken und dem Geruch von frisch gebrühtem Kaffee. Es gibt sogar eine Raucherlounge. Hier fühlt sich der Kunde wohl. Hier lässt er sich gern beraten. Müller ist Vorstandsvorsitzender der Askania AG. Sie hat derzeit nur rund 20 Mitarbeiter. Und Müller ist gleichzeitig auch der Chefverkäufer. In der Geschäftswelt, in der er agiert, geht der Kunde nicht einkaufen, sondern nimmt teil an einem Event. Anders kann es auch gar nicht funktionieren. Die Askania AG vertreibt Uhren. Gut ablesbare, robust wirkende Zeitmesser, mit eher sachlichem Design und einem mechanischen Laufwerk. Sie kosten in der Regel zwischen 1200 bis zu 4000 Euro. Es gibt auch ein Superluxusteil mit einem Gehäuse aus 18-karätigem Gold. Zu haben ist es für rund 18.000 Euro. „Ein Sammlerstück und gleichzeitig Wertanlage“, betont Müller.

Am gleichen Tag bietet der Discounter Aldi in großen Zeitungsannoncen Sportuhren für Damen und Herrn an, wasserdicht, mit Datumsanzeige, und inklusive ist auch die Batterie. Preis: 8,99 Euro. Müller wirft nur einen kurzen Blick auf die Anzeige, die ihm der Reporter herausfordernd hinhält, schüttelt verständnislos den Kopf. „Das können Sie doch nicht gegeneinanderstellen“, sagt er. „Das wäre doch genauso, als wenn Sie einen gepflegten Porsche Baujahr 1968 mit einem koreanischen Kleinwagen vergleichen.“

Unser Spaziergang führt uns durch die Stubenrauchstraße. Einen „Weg in die Geschichte“ nennt es Müller. Seine eigene beginnt in Pforzheim, „bekanntermaßen die Schmuck- und Uhrenstadt“, sagt er, „und quasi das Pendant zur Schweiz.“ Müller absolvierte in Pforzheim das Gymnasium, anschließend eine Wirtschaftsoberschule und begann eine Lehre als Industriekaufmann. Ausgebildet wurde er in einer Tochterfirma der französischen Modefirma Christian Dior.

Werbung mit Manschettenknöpfen

Er sieht das auch heute noch als „absoluten Glücksfall. Ich habe dort gelernt, wie eine weltweit agierende Firma funktioniert. Vor allem in Sachen Public Relations und Marketing war Dior ein Vorreiter.“ Mit 22 Jahren wechselte Müller in einen anderen Pforzheimer Betrieb, avancierte hier zum Assistenten der Geschäftsleitung und „arbeitete als Vertriebs-, Verkaufs-, Marketing- und Kommunikationschef in Personalunion“. Den Begriff Merchandising gab es damals noch nicht. Aber die Idee dafür schon. Müller, selber begeisterter Kicker, kam auf die Idee, sich an Fußballklubs zu wenden. „Wir haben Manschettenknöpfe produziert mit den Logos von Bundesligavereinen.“ Das Geschäft florierte. Und Müller verdiente mehr als sein Vater, der in Pforzheim einen Betrieb mit 230 Mitarbeitern leitete.

Aber auch dieser Firma blieb Müller nur drei Jahre treu. Im Nachbarland Schweiz war man auf den findigen jungen Mann aufmerksam geworden. Das kam Müller auch aus einem anderen Grund entgegen. Er sei damals schon ein Liebhaber von kostbaren mechanischen Chronometern gewesen, sagt er. „Und mein Wunschtraum war eigentlich immer, bei Uhren mitzumischen – aber nicht nur beim Vertrieb, auch beim Design und der Produktentwicklung.“

Es wäre dem PR- und Marketingstrategen zuzutrauen, dass er die nun folgende Geschichte augenzwinkernd erfunden hat. Sie passt zu gut in die Vita des engagierten Unternehmers, der die legendäre Berliner Uhrenmarke Askania wiederbelebt hat. Andererseits wirkt Müller regelrecht verträumt und mithin glaubhaft, als er von seinen Urgroßvätern erzählt, die ihm zur Konfirmation goldene Sprungdeckeluhren schenkten. Diese Uhren hätten ihn „unheimlich fasziniert, weil man den Bodendeckel aufmachen und die Mechanik sehen konnte“, sagt er. „Es gab auch eingravierte Notizen von Uhrmachern, wann und wie das jeweilige Chronometer repariert wurde. Jede Uhr war einmalig, jede hatte eine Seele.“

Auch aus diesem Grund, sagt Müller, habe er stets für Firmen gearbeitet, die hochwertige Uhren herstellten. Und er habe sich ganz bewusst abseits vom Billigsegment gehalten, fern auch von den bei ihm verpönten Quarz-Laufwerken. „Ich bin ja nicht nur Vertriebsmann und Kreativer, sondern gleichzeitig auch Liebhaber“, sagt er. Als die letzte Schweizer Firma, für die er tätig war, dieser Philosophie nicht mehr folgen und Massenware produzieren wollte, kam es zum Bruch. Müller musste sich etwas Neues einfallen lassen, um beim Alten bleiben zu können.

Müllers Ziel bei diesem Spaziergang ist der III. Städtische Friedhof in Friedenau. Doch es geht ihm nicht um die Gräber von Marlene Dietrich oder Helmut Newton, die beide dort die letzte Ruhe gefunden haben. Er bleibt vor einer düster wirkenden Grabstätte stehen. Hier ruht der Mechaniker und Optiker Carl Bamberg, steht auf einem Grabstein, geboren am 12.Juli 1847, gestorben am 4.Juni 1892.

Müller kennt die Geschichte des Carl Bamberg, der 1871 die spätere Askania Werke AG gründete, erst seit einigen Jahren. Er sei beim Lesen von Fachzeitschriften und alten Publikationen immer wieder auf den Namen Askania gestoßen. „Mich interessierten vor allem die Abbildungen von alten Fliegeruhren. Ich wollte wissen, was aus dieser Firma geworden ist.“ Als er mit dem Herausgeber einer Zeitschrift darüber sprach, riet dieser ihm, es doch mal im brandenburgischen Rathenow zu versuchen, dort es gebe es noch eine Firma mit dem Namen Askania, die Mikroskope baut. Anfang 2003 traf sich Müller mit dem Geschäftsführer. „Der hat mir unheimlich viel über die Geschichte von Askania erzählt“, sagt Müller. „Ich war infiziert. Ich sah die Chance, und ich wollte das jetzt auch versuchen.“

Der erste Schritt war, in Pforzheim einen Uhrmachermeister zu beauftragen, zwei alte Askania-Pilotenuhren nachzubauen. Parallel schrieb Müller rund 80 Berliner Werbeagenturen an. Tenor: „Ich trage mich mit dem Gedanken, ein altes Berliner Traditionsunternehmen neu zu gründen. Ich suche dafür einen Partner vor Ort, der mich bei Marketing und Werbung unterstützt.“ Es habe viele Rückmeldungen gegeben, sagt er. „Die meisten waren bereit, für kleines Geld mitzuhelfen.“ Partner wurde schließlich die Werbeagentur xact. Müller einigte sich mit den Inhabern, sie mit Unternehmensanteilen zu bezahlen. Und xact war dann auch schon mit von der Partie, als es Müller 2004 gelang, bei der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) einen Platz im Gemeinschaftsstand von Brandenburg-Berlin zu ergattern. „Da habe ich die im Schwarzwald nachgebauten Uhren zum ersten Mal ausgestellt. Unter dem Motto: Mal sehen, was nun passiert.“

Es passierte mehr als erwartet. Der nur acht Quadratmeter große ILA-Stand war fast ständig überfüllt. Müller spricht von „Menschentrauben“ und einer „Woge der Sympathie“. „Da habe ich gesagt: Leute, wir riskieren es, wir gründen die Askania AG.“ Was folgte, ging atemberaubend schnell. Müller kaufte „für eine überschaubare Summe“ die Rechte für die Uhrenmarke von dem damaligen Besitzer Siemens. 2004 wurde die AG offiziell ins Leben gerufen, 2005 die Remise an der Roennebergstraße gemietet – nur wenige Steinwürfe entfernt vom einstigen Sitz der Askania AG an der damaligen Kaiserallee, der heutigen Bundesallee.

Ultimativer Berlin-Fan

Genau dort führt auch unser Weg beim Spaziergang vorbei. Es hat mal wieder zu regnen begonnen. Müller schlägt den Kragen seines Mantels hoch. Hat er Sehnsucht nach dem Schwarzwald, wo das Wetter meist milder ist? Nein, hat er nicht. Müller ist längst „ultimativer Berlin-Fan“. Schon als Mitarbeiter der Schweizer Uhrenfirmen sei Berlin für ihn „immer der beste Standort“ gewesen, sagt er. Aber richtig schätzen gelernt habe er die Stadt und ihre Bewohner erst jetzt. „Diese Begeisterung für jemanden, der sich was traut, das hast du in anderen Bundesländern nicht.“ Viele hätten das nur noch nicht begriffen. „Das ist ein toller Standort hier. Ich kann jedem, der ein bisschen Mut hat, nur empfehlen, nach Berlin zu gehen.“

Und noch eines schweißt Müller mit Berlin eng zusammen: Seine geradezu grandiose Marketing-Idee, einen Askania-Preis ins Leben zu rufen. Er selbst beschreibt es vor allem als Wunsch, „Berlinern und Gästen die Verbindung von Askania zur Filmgeschichte ins Gedächtnis zu rufen“. Immerhin habe Askania viele Jahre Filmkameras gebaut. Legendäre Streifen wie „Der Blaue Engel“ oder „Quax, der Bruchpilot“ seien mit Kameras und Projektoren der Marke Askania gedreht und vorgeführt worden.

Doch die Liebe zur Historie ist kaum der einzige Grund. Und Müller wäre nicht Müller, wenn er als Termin für die Preisverleihung nicht ganz bewusst die Zeit unmittelbar vor der Berlinale gewählt hätte. Geholfen hat ihm dabei der Berlinale-Chef Dieter Kosslick. „Ich habe ihn gefragt, ob er was dagegen hat, dass ich eine Berlinale-Uhr baue und sie verleihe als Askania-Preis. Er fand die Idee gut, gab grünes Licht.“ Die erste Berlinale-Uhr wurde dann im Februar 2008 dem Filmproduzenten Artur „Atze“ Brauner überreicht. Müllers Rechnung ging auf. Das Medienecho war groß. Zeitungen schrieben: „Gestern wurde zum ersten Mal der Askania-Award verliehen.“ Müller nahm diese Idee sofort auf: „Als ich das las, habe ich gesagt: Stopp, wir zahlen jetzt nicht mehr die Lizenzgebühr an die Berlinale, wir haben jetzt unseren eigenen Preis.“

Zum Landsmann Kosslick hat Müller auch ohne Lizenzgebühren weiterhin einen guten Draht. Und er sieht durchaus auch Ähnlichkeiten, vor allem bei der Sprache: „Wenn ich mit Kosslick telefoniere, habe ich das Gefühl, ich höre meine eigene Stimme.“ Äußerlich jedoch, da ist Müller sicher, gibt es weitaus mehr Parallelen zu dem französischen Schauspieler Jean Reno, bekannt aus Filmen wie „Leon – der Profi“, „Mission: Impossible“ und „Der rosarote Panther“. Er sei auf der Straße sogar schon als vermeintlicher Jean Reno angesprochen und um Autogramme gebeten worden, sagt Müller.

Klar doch, dass er den Doppelgänger „auch gern mal persönlich kennenlernen“ würde. Und so wäre es also auch denkbar, dass Reno zur Berlinale kommt, vorher für den Askania-Award nominiert wird und Müller und Reno wie zweieiige Zwillinge vor den Kameras stehen – natürlich beide mit Uhren von Askania am Handgelenk. Vielleicht bekommt Müller auch das hin. Zuzutrauen wäre es ihm.