In der Krise

Air Berlin sucht einen neuen Chefpiloten

Nach dem Rücktritt von Joachim Hunold ist Air Berlin auf der Suche nach einem Nachfolger, der die trudelnde Fluggesellschaft aus der Krise steuern kann. Bis dahin soll Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn das Unternehmen gesund schrumpfen.

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Der ehemalige Bahn-Chef Hartmut Mehdorn soll Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin aus den roten Zahlen steuern

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Den Herren des Verwaltungsrats von Air Berlin war nach dem Auftritt von Joachim Hunold am Donnerstag nicht ganz wohl in ihrer Haut. „Wir haben versucht, ihn zu halten. Die Rücktrittsankündigung kam so überraschend“, sagt ein Mitglied des Gremiums. Das ist die halb offizielle Version. Tatsächlich war Hunold, der Air Berlin seit 1991 geführt und in atemberaubendem Tempo zur zweitgrößten Fluggesellschaft Deutschlands aufgebaut hat, längst amtsmüde. Und angeschlagen. Verwaltungsratschef Hans-Joachim Körber hatte schon vor Monaten Headhunter ausgesandt, die Kandidaten für eine neue Führungsspitze suchen sollten. Hunold wollte das Ergebnis nicht mehr abwarten. Er wollte selbst bestimmen, wann für ihn Schluss ist bei „seiner Firma“. Deshalb gibt es keine geordnete Übergabe, deshalb muss Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn erst einmal ran.

Mehdorn soll die trudelnde Fluggesellschaft sanieren – und dann möglichst schnell an einen Nachfolger übergeben. Auf den 69-Jährigen, der ein Vertrauter von Hunold ist und bereits im Board des unter englischem Recht firmierenden Unternehmens sitzt, wartet ein Knochenjob. Er muss die Airline gesundschrumpfen. Erst wenn das geschehen ist, kann ein neuer Mann antreten, ohne dass ihm der Ruf des kalten Sanierers vorauseilt. Viel Zeit, die angeschlagene Fluggesellschaft noch einmal aufzufangen, bleibt nicht. Die finanzielle Situation ist angespannt, die Schulden betragen 600 Millionen Euro.

Air Berlin steckt schon seit drei Jahren in den roten Zahlen. Und der Aktienkurs hat sich von seinem Absturz 2007 nie wieder erholt. Besserung ist nicht in Sicht: Das zweite Quartal dieses Jahres ist noch schlechter ausgefallen als der Vorjahreszeitraum. Dabei hatten die Berliner damals mit Flugausfällen infolge der Aschewolke kämpfen müssen. Bei der Lufthansa beobachtet man das Trudeln des Verfolgers aufmerksam, aber auch mit leichtem Gruseln. „Da lässt der kluge Unternehmer den Champagner im Keller“, sagte Lufthansa-Chef Christoph Franz, zu den Turbulenzen des Konkurrenten befragt. Auch die Lufthansa ringt nämlich mit Problemen, Air Berlin aber kämpft ums Überleben. Unter Branchenmanagern wird gemunkelt, dass es angesichts hoher Kerosinpreise, der Belastungen aus der Luftverkehrsabgabe und des harten Wettbewerbs mit Platzhirsch Lufthansa sehr schwer werden wird für Air Berlin.

Hunold war zuvor gelungen, woran kaum einer geglaubt hatte: Erst war sein Berliner Billigflieger der Lufthansa nur lästig, dann wurde er eine ernsthafte Herausforderung für den Marktführer. Aber der rasante Aufstieg war mit ungeheuren Kraftanstrengungen verbunden. Die Zukäufe von diversen Airlines, darunter LTU oder die Deutsche BA, mussten bei laufendem Geschäft in den Konzern integriert werden. Zuweilen wuchs Air Berlin nicht mehr, das Unternehmen wucherte regelrecht. Dazu kamen existenzbedrohende Herausforderungen wie die Aschewolke aus Island 2010 oder die politischen Unruhen in Nordafrika.

Ein neuer Chef muss das Unternehmen fokussieren, also auf das Nötige und Rentable reduzieren. Er muss den Umzug auf den neuen Berliner Großflughafen Willy Brandt stemmen, der zu einem der großen Drehkreuze von Air Berlin werden soll, und den Eintritt in die weltumspannende Luftfahrtallianz „Oneworld“. Entscheidend aber wird letztlich sein, ob es gelingt, dem Gemischtwarenladen Air Berlin ein profitables Geschäftsmodell zu verpassen. Derzeit ist die Luftfahrtgesellschaft Ferien- und Linienflieger, ein Unternehmen, dem hartnäckig das Image des Billigfliegers anhaftet. Zwar ist Air Berlin das längst nicht mehr – doch in der Lufthansa-Liga ist die Marke für die Kunden noch nicht angekommen.

Für den Strategiewechsel soll Hartmut Mehdorn die Weichen stellen. Den eigentlichen Schwenk wird ein anderer vollziehen, der Mann nach Mehdorn. Verwaltungsratschef Körber verkündete noch am Tag von Hunolds Rücktritt in einer Hausmitteilung: „Das Nomination-Committee hat die Suche nach einem Nachfolger (von Mehdorn) eingeleitet.“ Die Headhunter schwärmen also erneut aus. Sie hatten sich zuletzt bei mehreren Spitzenmanagern der Branche eine Abfuhr geholt. Unter dem agilen, hemdsärmeligen Unternehmertyp Hunold zu arbeiten, konnten die sich nur schwer vorstellen. Auch die Hoffnung, dass Paul Gregorowitsch, der ab September als Chief Commercial Officer (CCO) bei Air Berlin einsteigt, ein potenzieller Nachfolger für den eigensinnigen Hunold sein könnte, ist durch Mehdorns Ernennung erst einmal zerstoben.

Die Suche geht also weiter, und sicher werden die Personalberater bei Condor-Chef Ralf Teckentrup anklopfen. Der hatte sich bei der Lufthansa als Netzplaner einen Namen gemacht und war vom damaligen Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber als Sanierer zur Tochter Condor geschickt worden – die dann aber an Thomas Cook verkauft wurde. Für Teckentrup wird entscheidend sein, welche Rolle Hunold künftig bei Air Berlin übernimmt, wenn der zum 1. September einfaches Mitglied des Verwaltungsrats wird. Die beiden hatten sich zerstritten, als Hunold letztlich erfolglos versuchte, mit Billigung von Teckentrup Condor zu übernehmen. Der heute 53-Jährige sollte damals Hunolds Nachfolger werden, was für ihn schon deshalb außerordentlich verlockend war, weil er ja noch eine Rechnung mit dem Lufthansa-Management offen hatte.

Das gilt auch für den langjährigen Lufthansa-Vorstand Thierry Antinori. Der 49-jährige Marketingspezialist hatte im März Knall auf Fall das Unternehmen verlassen. Der Franzose sollte im Rahmen der Veränderungen an der Lufthansa-Spitze um den neuen Konzernchef Christoph Franz Sprecher des Vorstands bei der Lufthansa-Tochter Austria werden. Dort gibt es aber bereits mit dem Österreicher Peter Malanik und dem Deutschen Andreas Bierwirth seit einiger Zeit eine funktionierende Doppelspitze. Antinori fürchtete wohl, dass er dort präsidial repräsentieren sollte – nicht operativ gestalten. Beide, Teckentrup und Antinori, eint also, dass sie sich vom Lufthansa-Management persönlich gekränkt fühlen und zugleich aus ihrer Zeit bei Europas größter Airline sehr genau wissen, wie man ein solches Unternehmen führt.