Börsen-Horror

Dax steuert auf schwarzen August zu

Die Börsen sind auf rasanter Talfahrt. Besonders hart traf es in dieser Woche den Deutschen Aktienindex. Am Freitag fiel er zeitweise auf tiefsten Stand seit November 2009. Auch wenn er sich davon wieder etwas erholte, bleiben die Anleger nervös.

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Die Angst vor einem Abgleiten der Weltwirtschaft in die Rezession hat den Dax am Freitag erneut auf Talfahrt geschickt.

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Früher spielten Gruselgeschichten in dunklen Wäldern oder finsteren Verliesen. Heute spielen Gruselgeschichten an der Börse. Was Anleger da gerade erleben müssen, hat das Zeug, ihnen das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Ein Kursmassaker folgt dam anderen.

Am Freitag sackten die Kurse an den internationalen Börsen weiter ab. Besonders schwer traf es den Deutschen Aktienindex (Dax), der von allen europäischen Aktienindizes am stärksten unter die Räder kam. Das deutsche Börsenbarometer rutschte bis zu 4,6 Prozent auf 5345,36 Punkte ab. Das war der tiefste Stand seit November 2009. Der Dax erholte sich dann etwas und schloss 2,2 Prozent schwächer bei 5480 Zählern.

Auf dem Frankfurter Börsenparkett war von einem anhaltenden Käuferstreik die Rede. Sprich: Es fanden sich kaum Anleger, die bereit waren, für die Aktien irgendeinen vernünftigen Preis zu zahlen. So rauschten selbst die Kurse deutscher Qualitätsaktien nahezu ungebremst in die Tiefe. Lufthansa, BASF, Daimler, BMW, Deutsche Bank, ThyssenKrupp, Adidas, Linde und Allianz verloren zwischen vier und fünf Prozent an Wert. Keine einzige der 30 Dax-Aktien stand im Plus.

Für den deutschen Leitindex war der Freitag der vierte Verlusttag in Folge. Die gegenteilige Richtung zeigte Gold: Das Edelmetall, das von Investoren als Krisenwährung gesucht wird, verteuerte sich am Nachmittag auf 1878 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Das war ein neues Rekordhoch. Umgerechnet kostete die Unze erstmals mehr als 1300 Euro. Auch Silber war gefragt: Der Preis des weißen Metalls stieg bis auf 42,63 Dollar und damit den höchsten Stand seit Anfang Mai.

Ausgelöst wurde der Käuferstreik bei Aktien durch die Furcht, dass die US-Ökonomie, die größte Volkswirtschaft der Welt, nur zwei Jahre nach der Finanzkrise in eine neue Rezession rutschen könnte. Eine Konjunkturschwäche zum jetzigen Zeitpunkt wäre besonders gefährlich: Seit der Pleite der Investmentbank Lehman vor drei Jahren hat sich die Finanzsituation der Staaten dramatisch verschlechtert.

Konnten sich die Regierungen in der Großen Rezession in den Jahren noch als Retter gerieren, so sind sich die Anleger heute bewusst, dass eine neuerliche Wirtschaftsflaute mit wegbrechenden Steuereinnahmen die Staaten selbst in Schwierigkeiten bringen könnte. Sowohl in Amerika als auch in Europa droht die Verschuldung außer Kontrolle zu geraten. Die USA ächzen unter einer Schuldenlast von mehr als 14 Billionen Dollar, was etwa dem Wert sämtlicher Güter und Dienste entspricht, die die US-Bürger im Jahr erwirtschaften.

Auch die Länder Europas sind hoch verschuldet, Italien schiebt zum Beispiel einen Schuldenberg von 1,9 Billionen Euro vor sich her – mehr als 120 Prozent der Wirtschaftskraft. Eine weltweite konjunkturelle Abkühlung würde es der Regierung in Rom noch mehr erschweren, seine Verpflichtungen zu erfüllen. Folglich ist die Börse in Mailand wie die anderer hochverschuldeter Länder stark abgestürzt. Seit Anfang des Jahres sind dort 27 Prozent aller Börsenwerte ausradiert worden.

Doch auch deutsche Aktien gehören zu den großen Verlierern weltweit. Dem Dax brachte das Jahr 2011 bisher einen Verlust von rund 21 Prozent. Die vergangenen 19 Handelstage konnte der Dax nur dreimal mit einem Plus beenden. Seit seinem Jahreshoch am 2. Mai 2011 hat der Index 28 Prozent an Wert verloren.

Börse im Bärenmarkt

Damit befindet sich Deutschlands Börse in einem Bärenmarkt, der einsetzt, wenn der Markt um mehr als ein Fünftel unter sein vorheriges Hoch zurückfällt. Und hier fängt die eigentliche Gruselgeschichte an: Obwohl Deutschland nicht ganz so verschwenderisch gewirtschaftet hat wie andere Staaten, wenngleich alles andere als solide, wie die Verschuldungsquote von 80 Prozent beweist, ist der Dax einer der größten Verlierer weltweit. Das hat mit zwei Faktoren zu tun: Zum einen gehen Investoren davon aus, dass Deutschland als Kernland der Euro-Zone am Ende ohnehin für die Schulden der Defizitsünder einspringen muss. Zum anderen reagiert die ausfuhrorientierte deutsche Wirtschaft besonders empfindlich auf die Verschlechterung der Weltkonjunktur. Nicht nur der horrend schlecht ausgefallene US-Frühindikator Philly-Fed-Index, auch Konjunkturdaten aus Europa und Asien deuten auf eine unerwartet starke Abkühlung der weltwirtschaftlichen Aktivität hin.

Ertragsprognosen der Konzerne sind Makulatur

Damit sind auch die Ertragsprognosen Makulatur, die die Aktien der deutschen Firmen noch vor kurzem so günstig erscheinen ließen. Beim aktuellen Kurs liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) des Dax für 2011 lediglich bei neun, für 2012 liegt der rechnerische Wert sogar noch niedriger. Doch dass die Dax-Konzerne die für 2012 erwarteten Gewinne wirklich erzielen können, glaubt kaum noch ein Anleger.

Die Bundesrepublik erwirtschaftet rund die Hälfte ihrer Wertschöpfung durch den Export. Die Börsen weniger ausfuhr-orientierter Volkswirtschaften sind entsprechend weniger eingebrochen. Das US-Börsenbarometer Dow Jones steht in der Landeswährung Dollar dieses Jahr moderate fünf Prozent im Minus – trotz des Ratingdebakels.

Langfristig ist das Abschneiden des einen Index jedoch ebenso gruselig wie das des anderen. Der Dax findet sich aktuell auf dem gleichen Niveau wieder wie im April 1998, der Dow Jones mit seinen knapp 11.000 Zählern auf dem gleichen Stand wie im Mai 1999.

Seit dieser Zeit haben Anleger mit Aktien – Dividenden eingerechnet – keinen Cent verdient. Die zentrale Anlageform des Kapitalismus hat bei brutalen Schwankungen in mehr als zehn Jahren keinen Ertrag gebracht. Ein ganz anderes Bild ergibt sich bei Gold: Der Preis des gelben Metalls hat sich seither mehr als vervierfach. Bei all den Gruselgeschichten gibt es also zumindest eine Erfolgsstory.