"News of the World"

Neue Beweise in Abhöraffäre belasten Murdochs Sohn

Ein Brief soll belegen, dass die "News of the World"-Manager jahrelang von den Abhöraktionen wussten. Für Murdoch-Sohn James wird es eng.

Foto: REUTERS

Die Kraft der Worte und wie sie Berge versetzen kann, ist viel beschrieben. Im Fall von Rupert Murdoch sind es sechs Zeilen in einer Klatschkolumne, die sein milliardenschweres Medienimperium News Corp ins Wanken brachten. Am 6. November 2005 erschien in Murdochs britischem Revolverblatt „News of the World“ eine kleine Anekdote über das Knie von Prinz William.

Der Prinz habe sich beim Fußballspielen eine Sehne verletzt und sei deswegen nun in ärztlicher Behandlung. Die an sich banale Geschichte versetzte das Königshaus in Aufruhr, denn nur eine Handvoll Eingeweihte wussten von Williams Sportverletzung. Schnell wurde klar, dass der „News of the World“-Hofberichterstatter Clive Goodman Mailboxen des Hofstaats abgehört hatte, um an die zwar öde, aber exklusive Information zu kommen. Goodman wurde 2007 zu kurzen Freiheitsstrafen verurteilt und verlor seinen Job. Es sollte noch über vier Jahre dauern, bis das ganze Ausmaß der Abhöraffäre ans Licht kam.

Dass das Abhören von Telefonen zur Alltagspraxis der „News of the World“-Reporter gehörte, weiß die Öffentlichkeit seit einigen Wochen. Warum Goodman so lange seine Rolle als Bauernopfer akzeptierte, wurde nun bekannt. Die Firma News International (NI), Herausgeber von „News of the World“ und „Sun“ in Großbritannien, hatte Goodman 243.000 Pfund (277.000 Euro) gezahlt, um sein Schweigen zu erkaufen.

Trotzdem könnte es Goodman sein, der Rupert Murdoch und seinen Sohn James nun in ernste Bedrängnis bringt. Der zuständige Parlamentsausschuss veröffentlichte Hunderte von Seiten neuer Dokumente, die laut den Abgeordneten „explosive“ Informationen zur Kenntnis der NI-Manager über die Abhörmethoden enthielten.

Mehrere hochrangige Manager des Konzerns lud der Ausschuss deswegen nun für September erneut vor. Es werde außerdem erwogen, auch James Murdoch ein zweites Mal vor den Ausschuss zu zitieren. Viel spricht dafür, dass er bei seinem ersten Auftritt gemeinsam mit seinem Vater Mitte Juli nicht die Wahrheit gesagt hat.

Das spektakulärste der neu veröffentlichten Dokumente ist ein Brief von Goodman aus dem Jahr 2007 an das damalige NI-Management. In dem Brief beschwert sich Goodman darüber, dass NI ihm kurz nach seiner Verurteilung gekündigt habe. Goodman schrieb, seine Kündigung sei „pervers.“ Schließlich sei er für etwas verurteilt worden, das „mit der vollen Kenntnis und Unterstützung“ der „News of the World“-Führung passierte.

Zu dieser Zeit war Andy Coulson Chefredakteur des Blattes, der später als Kommunikationsberater für den heutigen Premierminister David Cameron gearbeitet hat. Erst 2010 hatte Coulson vor einem Gericht beteuert, nichts von den Abhörpraktiken gewusst zu haben. Auf eine Falschaussage vor Gericht drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Der Brief ist ein Indiz, dass Coulson gelogen hat. Goodman schrieb 2007, Coulson habe ihm „zu vielen Gelegenheiten versprochen, dass ich meinen Job bei der Zeitung zurückhaben könnte, wenn ich die Zeitung oder Kollegen nicht mit in die Sache hinein ziehe.“ Die Methode, Telefone anzuzapfen, sei lange in Redaktionskonferenzen „offen diskutiert“ worden, bis dies von Coulson untersagt worden sei.

Noch pikanter werden die Enthüllungen um den Brief deswegen, weil der Brief dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss schon vor Jahren vorgelegt wurde. Damals allerdings in einer abgeänderten Form, bei der die entscheidenden Stellen verschwunden waren. Die echte Version tauchte jetzt erst auf, weil die Londoner Anwaltskanzlei Harbottle&Lewis die Dokumente an den Ausschuss übergeben hatte. NI hatte die Kanzlei 2007 beauftragt, die Abhörvorwürfe zu untersuchen. Insbesondere für James Murdoch wird die Lage damit bedrohlich. Neben dem Brief gerät er auch von anderer Seite unter Beschuss.

Der ehemalige „News of the World“-Chefredakteur Colin Myler und der Ex-Firmenanwalt Tom Crone wollen im nächsten Monat vor dem Ausschuss aussagen. Angeblich hatten sie James Murdoch bereits im Juni 2008 gewarnt, Goodman sei bei weitem nicht der einzige, der Telefone abgehört habe.

Sollte James Murdoch nachgewiesen werden, dass er bei seiner Anhörung im Juli gelogen hat, könnte das ernste Konsequenzen für ihn haben. Auf die Mitwisserschaft der Abhörmethoden und die bewusste Irreführung der Justiz droht Gefängnisstrafe. Auch sein Vater käme dann in die Bredouille. Viele werden fragen: Ist es möglich, dass James Murdoch über die illegalen Methoden informiert war, sein Vater jedoch nicht?