Existenzgründung

Von Migranten können Deutsche das Gründen lernen

Traditionell sind die Deutschen Gründer-Muffel. Im internationalen Vergleich haben sie besonders große Angst zu scheitern. Vier aktuelle Beispiele aber zeigen einen neuen Trend.

Foto: Christina Felschen

Bevor Yüksel Sirmasac sein erstes Unternehmen gründete, war er Manager in mehreren deutschen Medienkonzernen. Doch auch den Kölner trieb eine Art Entrepreneur-Gen. „Schon als 15-Jähriger habe ich mein eigenes Geld als Freelancer bei unserem Hausmeister verdient und als BWL-Student mit IT-Consulting mein Studium finanziert“, erzählt der 38-jährige Sirmasac.

Im Juni 2010 war es dann so weit. Er gründete dank guter Kontakte und mit finanzieller Hilfe von Investoren die Rockethome GmbH. Das Technologieunternehmen mit zehn Entwicklern hilft Energieversorgern mit einer neuartigen Software, ihre Endkunden von den Vorteilen intelligenter Energiesteuerung im Haushalt, dem so genannten Smart Home, zu überzeugen. Die Software ermittelt den aktuellen Verbrauch von Strom, Wasser und Gas. In der Folge lassen sich dadurch Haushaltsgeräte und Räume energieeffizienter steuern.

„Zwar sind die Nächte länger und die Wochenenden kürzer und die Zeit für meine Familie wird immer knapper“, sagt Sirmasac. Doch ihn fasziniert, mitzuerleben, wie das Unternehmen sich entwickelt und Partner wie auch Kunden die Leistung schätzen. Ihn trieb vor allem der Gedanke an, mit seinem Produkt einen Beitrag zum Energiesparen leisten zu können – durchaus eine Geschäftsidee mit Zukunft: „Viele wollen in dem Bereich arbeiten. Doch den meisten Leuten fehlt letztlich die Übersicht, wo wie viel Energie einzusparen wäre.“

Als Spezialist für Online-Kommunikation erkannte er, dass die neuen Technologien bei den Endkunden nur dann Akzeptanz finden, wenn die Anwendung einfach und alltagstauglich ist. „Das ist sie bisher nicht gewesen“, meint Sirmasac.

Sein Rat an jeden Gründer: „Wenn man hundertprozentig von seiner Idee überzeugt ist, findet man auch Wege, sie zum Erfolg zu bringen. Natürlich muss man sich in der Sache und im Markt bestens auskennen. Vor allem, wenn man Kapital von Investoren benötigt, ist es umso wichtiger, einen detaillierten Businessplan zu haben, der auch kritischen Fragen standhält.“

872.000 Personen haben sich laut KfW -Gründungsmonitor zuletzt selbstständig gemacht. Erstmals seit sechs Jahren Stagnation gab es damit wieder mehr Bewegung auf bei Existenzgründungen. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Gründerzahl um zehn Prozent. Viele Selbstständige sahen gerade die Wirtschaftskrise als die Gelegenheit, über ihre Perspektiven nachzudenken, Chancen für ihr eigenes Unternehmertum zu entdecken und schließlich zu gründen.

So wie Nora Makovitzky. Gut 13 Jahre arbeitete die 38-jährige Münchnerin beim Softwareriesen Hewlett-Packard (HP) als Managerin. „Irgendwann fehlte mir die Herausforderung. Ich konnte nichts mehr wirklich bewegen oder entscheiden. Außerdem wollte ich endlich mal wieder raus aus meiner Komfortzone“, sagt Makovitzky.

Sie besann sich schließlich auf ihren alten Schwerpunkt Coaching und Personalberatung. Sie stieg bei HP aus und gründete mit ihrem Mann, der auch freiberuflich arbeitet, im Frühjahr 2010 ein Beratungsunternehmen . „Ich hatte am Anfang gleich Glück und bekam Aufträge“, sagt sie – zweifellos auch ein Verdienst ihrer guten Netzwerkarbeit in den Jahren zuvor.

„Was Arbeitszeit, -ort, -themen und -partner angeht, ist alles nun viel abwechslungsreicher“, sagt die Beraterin.

Aktive Akquise und Netzwerkpflege ist gerade am Anfang unabdingbar. „Das kostet manchmal Überwindung. Aber grundsätzlich muss man Gelegenheiten sehen und ergreifen. Sonst funktioniert es nicht.“ Manchmal müsse man auch nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein.

Johannes Bohnen wollte immer selbstständig und unternehmerisch arbeiten. „Die eigenen Ideen nach meinen Vorstellungen umsetzen – das war immer eine große Motivation“, sagt der 45-jährige. In seiner Politik- und Unternehmensberatung Bohnen Kallmorgen & Partner in Berlin beschäftigt er heute neun festangestellte Mitarbeiter und berät in Berlin und bundesweit Unternehmen, Institutionen und Politiker. Auch Bohnen hat eine längere Angestelltenkarriere hinter sich. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann studierte er in Harvard und Bonn und machte seinen Master of Science an der Georgetown University in Washington DC – schließlich auch die Promotion an der Oxford University, unterstützt durch ein DAAD-Stipendium und NATO-Fellowship.

Zwei Jahre arbeitete Bohnen als Redenschreiber des Bundesministers für Bildung und Forschung in Bonn, danach als Pressesprecher und Wahlkampfberater der CDU-Brandenburg, bis er bei Scholz & Friends Berlin den Public Affairs-Bereich aufbaute. 2006 schließlich gründete er in Berlin mit Jan Kallmorgen die Beratung Bohnen Kallmorgen & Partner.

Bohnens Glück war, dass er von Anfang Aufträge bekam, die ordentlich bezahlt waren, sagt er. „Es geht darum, unsere Kunden gegenüber der Politik zu positionieren. Wir sind Experten in der Beurteilung von politischen Prozessen und den handelnden Akteuren. Daher können wir auch für verschiedene Branchen arbeiten“, erklärt Bohnen. Kontakte sind zwar wichtig, aber ohne politisches Verständnis und die Arbeit mit maßgeschneiderten Analysen und innovativen Methoden wie Web-2.0-Plattformen und Leitbildentwicklungen sei Erfolg nicht möglich.

Seine Beratung hat sich mittlerweile einem internationalen Netzwerk mit 56 Standorten angeschlossen, um internationale Kunden besser betreuen zu können. Auch sein ehrenamtliches Engagement hilft ihm, neue Ideen zu bekommen. So gründete er einen Hauptstadtkongress zur Stärkung der Berliner Bürgergesellschaft sowie die Atlantische Initiative, die sich auch mit Hilfe des Online Thinktanks atlantic-community.org für bessere transatlantischen Beziehungen einsetzt.

Mut hatte auch Randolf Hillebrand, der diese Tugend zu den wichtigsten der Selbstständigen zählt: Nachdem die Dot.com-Blase platzte verließ der Historiker und Onlinespezialist 2002 seinen Arbeitgeber, einen Düsseldorfer Verlag: „Ich hatte so viele Ideen im Kopf, die ich nicht anders als in der Selbstständigkeit hätte umsetzen können“, sagt der heute 38-jährige Hillebrand.

In Köln gründete er seine eigene Firma: Brandbuero Media GmbH, eine Online-Marketing-Agentur mit heute sechs fest angestellten Marketingleuten, Autoren und Webdesignern für verschiedene Kunden aus der Medien- und Verlagslandschaft. „Man darf jedoch nicht stehen bleiben. Man muss als Selbstständiger dorthin schwimmen, wo der Geldfluss ist“, sagt er.

Anfang 2005 zog er deswegen mit seiner Frau in die USA, nach Los Angeles. „Die Arbeit mit dem Internet macht einen ja räumlich unabhängig“, sagt Hillebrand. Die meisten seiner Kunden sitzen in Deutschland – so beginnt sein Tag in seinem Büro in Santa Monica früh: Aufstehen, Laptop an, Skype an, Video und Telefonate mit seinem Team in Köln und Kunden in ganz Deutschland.

Vier bis sechs Mal im Jahr kommt er zurück an den Rhein und besucht Kunden. Diverse Websites hat er bisher gegründet: eine Informations-Plattform zum Thema Master of Business Administration, eine Tauschbörse für gebrauchte Bücher oder einen Internet TV guide. Der große Durchbruch ist ihm noch nicht gelungen. „Aber das macht nichts“, sagt Randolf Hillebrand, „dafür habe ich viel gelernt.“ Damit meint er auch Wellenreiten. Hillebrand wohnt drei Häuserblocks vom Pazifik entfernt.