Prozess um Medienpleite

Kirch-Anhörung muss abgebrochen werden

Der 84-jährige Leo Kirch kann vor Gericht nur flüstern und kaum sehen. Der Schlagabtausch mit Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer fällt aus.

Den Höhepunkt der Fehde hatten viele sich anders vorgestellt. Schließlich trafen im Münchener Oberlandesgericht zwei redegewaltige Männer aufeinander. Während ihrer aktiven Zeit waren sie um Machtworte nicht verlegen. Doch als sie im Zeugenstand vor Gericht aufeinander treffen, wechseln sie kein einziges Wort miteinander. Noch nicht einmal eines Blickes würdigen sie sich.

Als Ex-Medienzar Leo Kirch mit einem Lächeln auf den Lippen im Rollstuhl in den Saal geschoben wird, blättert der frühere Chef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, demonstrativ in seinen Unterlagen. Erst nach einigen Minuten blickt er auf und verschränkt demonstrativ die Hände vor dem Körper. Zu hören ist nur das Klicken der unzähligen Kameras.

Seit Jahren streiten die beiden Männer um einen Satz, der im Februar 2002 fiel. „Was man alles darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen“, hatte Breuer damals in seiner Funktion als Deutsche-Bank-Chef vor laufender Kamera gesagt. Bezogen hatte er sich dabei auf das Medienimperium des Leo Kirch. Wenige Wochen später musste dieser Insolvenz anmelden. Die Schuld dafür gibt er Breuer. Seit Jahren überzieht Kirch die Bank mit Schadenersatzklagen in Milliardenhöhe.

Die Stimme lässt ihn im Stich

Wie wichtig ihm dieser Kampf um seine unternehmerische Ehre noch heute ist, kann man nur noch an Kirchs lebhafter Gestik erahnen. Immer wieder zuckt seine linke Hand nach oben, wenn er etwas Besonders betonen will. Seine Stimme jedoch lässt ihn im Stich. Der 84-Jährige ist kaum zu hören, wenn er berichten soll, was damals, 2001 und 2002, der Inhalt der Gespräche mit der Deutschen Bank war. Deswegen sitzt eine ältere Dame seines Vertrauens neben ihm, die ihren Beruf als „Vorleserin“ beschreibt, denn Kirchs Augenlicht ist durch seine Diabetes geschwächt. Heute ist ihre Aufgabe, eine Niederschrift vorzulesen, die Kirchs Aussage zusammenfassen soll.

Er will in dem Verfahren erreichen, dass ihm die Deutsche Bank 2,2 Milliarden Euro Schadenersatz zahlt, weil sein Unternehmen KGL Pool durch die Aussage Breuers wirtschaftlichen Schaden erlitten habe. Der Bundesgerichtshof hat bereits eine allgemeine Pflichtverletzung Breuers festgestellt und damit den Weg für die Klage freigemacht. Doch ob Kirch am Ende tatsächlich Geld sieht, ist fraglich. Im Februar dieses Jahres hatte das Landgericht München eine ähnliche Klage Kirchs bezüglich einer Tochterfirma abgewiesen.

Ex-Bankchef Breuer spricht von "Unfall"

Breuer hatte zuletzt seine Aussagen bedauert und als „Unfall“ bezeichnet. Die Kirch-Gruppe sei aber wegen unternehmerischer Fehlentscheidungen und ihrer hohen Schulden kollabiert. Durch das Interview ist Kirch aus Sicht der Bank kein Schaden entstanden.

In der schriftlich verfassten Erklärung stellt Kirch zunächst klar, dass Fremdfinanzierung von Anfang an zu seinem Geschäftsmodell gehört habe. Als „Filmhändler“ habe schon sein erstes großes Projekt die eigenen finanziellen Mittel überschritten. 1956 hatte mit 25000 geliehenen D-Mark die Filmrechte an dem Klassiker „La Strada“ gekauft und damit seine Karriere begründet.

„Das Problem war immer das Gleiche – nur in einer anderen Größenordnung“, lässt Kirch vorlesen. Tatsächlich hat Kirch sein Medienimperium, das in den späten 90er-Jahren wohl das größte Europas war und neben Sat1, ProSieben und dem Bezahlsender Premiere auch einen 40-Prozent-Anteil am Medienkonzern Axel Springer (unter anderem „Bild“, „Hörzu“, „Welt“) umfasste, stets auf Pump finanziert.

Gelungen war ihm das auch aufgrund seiner engen Verbindungen in die Politik. Unter anderem soll sich sein enger Freund Helmut Kohl für ihn eingesetzt haben. „Nein, Helmut Kohl und ich haben nie über die Frage gesprochen, dass er für mich bei der Deutschen Bank ein Gespräch initiieren sollte“, sagt Kirch flüsternd auf die Nachfrage des Richters, seine Begleitung wiederholt die Worte. Schon in der ersten Reihe ist kaum zu verstehen, was der 84-Jährige sagt. Diese Art von Übersetzungsleistung zieht die Befragung in die Länge.

Kirchs Antwort bleibt vage

Der Richter will vor allem klären, ob die Deutsche Bank mit Kirch damals über neue Kredite für dessen Unternehmen sprach und ob es damit Geschäftsbeziehungen gab, über die Breuer sich nicht öffentlich hätte äußern dürfen. Die Frage, wie intensiv die Verbindung beider Firmen war, ist einer der Knackpunkte in dem Prozess. Sollte eine Art Vorvertrag bestanden haben, lässt sich daraus eine Loyalitätspflicht ableiten.

Kirchs Antworten bleiben vage. Man habe bei einem Gespräch im März 2001 nicht über konkrete Kredite, sondern über die allgemeine Geschäftssituation gesprochen, so Kirch. Ob es nicht ein Widerspruch sei, dass er Fremdfinanzierung zuerst als Kernbestandteil seines Geschäftes schildere und nun bei einem Gespräch über die Geschäftslage Kredite nicht zur Sprache gekommen seien, will der Richter wissen. „Die Schärfe, mit der Sie versuchen, einen bestimmten Gesprächsinhalt herauszufinden, kann ich nicht in einem Satz beantworten“, sagt Kirch.

Die Deutsche Bank hatte keine Möglichkeit für Fragen. Nach einer kurzen Unterbrechung erklärte sein Arzt Kirch für nicht mehr vernehmungsfähig. Es wird ein Showdown in Etappen.