Grossbritannien

Nicht mal mehr Schadenfreude über taumelnden Euro

Brennende Häuser, geplünderte Geschäfte – die Randale hat die britische Wirtschaft Millionen gekostet. Dabei kriselt es auch so genug.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Bei jeder Krise gibt es Nutznießer. Einer der größten Profiteure der Ausschreitungen in England scheint der Onlinehändler Amazon zu sein. Um bis zu 6500 Prozent schnellten die Verkaufszahlen von Baseballschlägern in der vergangenen Woche bei Amazon Großbritannien in die Höhe. Ob die Schlagwaffen von den Randalierern bestellt wurden oder von Menschen, die sich gegen die Krawalle schützen wollten, ist unklar.

Vermutlich deckten sich beide Gruppen kräftig ein. Amazon bildet die Ausnahme in einer Woche, die ansonsten für die britische Wirtschaft katastrophal war. Über ein Dutzend Häuser und unzählige Autos brannten ab, dazu wurden Hunderte von Geschäften geplündert und weitgehend zerstört.

Auf mehr als 200 Millionen Pfund (228 Millionen Euro) schätzt die britische Regierung den Sachschaden. Dazu kommen Verdienstausfälle von Tausenden von Läden in britischen Großstädten, die tagelang nur einige Stunden öffneten oder ganz geschlossen blieben.

Für die britische Wirtschaft kommt die Krise zur Unzeit. Erst vergangene Woche korrigierte die Bank of England ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 1,8 Prozent auf 1,5 Prozent. Dabei sind die Folgen der Ausschreitungen noch gar nicht eingerechnet.

Großbritanniens größte Supermarktkette Tesco musste auf Anraten der Polizei auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen über mehrere Tage 150 ihrer 2000 Geschäfte in Großbritannien geschlossen halten. Der gesamte Einzelhandel erwartet laut einer Studie des Centre for Retail Research Schäden von 80 Millionen Pfund. Während Milliardenkonzerne wie Tesco die Ausfälle auffangen können, ist für viele kleine Einzelhändler die Lage existenzbedrohlich.

„Die Krawallmacher dachten vielleicht, dass sie große Konzerne angreifen. Es werden aber vor allem kleine, oft familiengeführte Firmen sein, die am meisten unter den Folgen des kriminellen Opportunismus leiden“, sagt Phil McCabe vom Forum of Private Business, das die Interessen kleiner Unternehmen in Großbritannien vertritt.

Der britische Premierminister David Cameron versprach betroffenen Unternehmen schnelle und unbürokratische Hilfe. Wer keine Versicherung gegen Plünderungen, Feuer oder Vandalismus habe, den werde die Regierung entschädigen. Dazu legte er einen Sonderfonds von 20 Millionen Pfund auf und versprach Steuererleichterungen für die am härtesten geschädigten Läden.

Für den Premier geht es jetzt um alles. Er wäre nicht der erste Regierungschef, der wegen eines solchen Aufruhrs in der Gesellschaft sein Amt räumen muss.

Die Krawalle bringen auch seine radikalen Sparpläne in Gefahr, die von Experten vor einem Jahr Milliarden Euro nötig – für jeden britischen Haushalt bedeutet das rund 5700 Euro Einbußen.

Cameron hat seine politische Zukunft früh an den Erfolg seiner Reformen gebunden. Schon vor den gewalttätigen Ausschreitungen sah die Lage nicht gerade rosig aus für den Premier. Die britische Wirtschaft erholt sich deutlich langsamer von der Finanzkrise als die deutsche.

Inzwischen geht in Großbritannien sogar die Angst um vor einem „Double dip“, also einer erneuten Rezession nach nur kurzem Aufschwung. Ende Juli hatte das Nationale Statistikamt aktuelle Zahlen für das zweite Quartal dieses Jahres vorgelegt. Demnach wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal nur um magere 0,2 Prozent – halb so viel wie von der Regierung vorausgesagt.

Das war wohlgemerkt, bevor sich die Schuldenkrise in Europa und den USA verschlimmerte. Die Briten sind schon längst über das Stadium hinaus, wo sie mit Schadenfreude auf den taumelnden Euro schauen.

Europa ist bei weitem Großbritanniens wichtigster Absatzmarkt. Wenn die Länder auf dem Kontinent straucheln, hat das direkte Auswirkungen auf die britische Wirtschaft. Zusätzlich steigt nun die Angst auf der Insel, die Krawalle könnten ausländische Investoren dauerhaft abschrecken. Eine Umfrage der Londoner Handelskammer kommt zu dem Ergebnis, dass 83 Prozent aller befragten Unternehmen denken, die Randale habe den Wirtschaftsstandort London nachhaltig geschädigt.

Von der Opposition, aber auch aus den eigenen Reihen werden die Stimmen lauter, die Regierung solle die geplanten Kürzungen kippen. Der harte Sparkurs blockiere den Konsum und schwäche so die Wirtschaft zusätzlich. Die Regierung müsse daher dringend eine Wachstumsstrategie entwickeln, sagt Peter Hemington, Partner der Wirtschaftsprüfgesellschaft BDO. „Das schwache Wachstum bedroht mittelfristig die Kreditwürdigkeit Großbritanniens.“

Geplante Reformen auf dem Prüfstand

Zwei geplante Reformen stehen als Folge der Randale unmittelbar auf der Prüfliste: die Kürzungen im Polizei-Etat und die Reform der Sozialleistungen. Zu den bekanntesten Kritikern der Polizeireform gehört Londons Bürgermeister Boris Johnson. Er forderte vergangene Woche, die Streichungen bei der Polizei abzublasen.

„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, die Zahl der Beamten deutlich zu reduzieren“, sagte Johnson, der ebenso wie Cameron der konservativen Partei angehört. Der Premier beharrte dagegen darauf, die Kürzungen seien bei Großbritanniens Haushaltslage unabdingbar. In den vergangenen zwölf Monaten sank die Zahl der Polizisten bereits um 4625 auf 139.110.

Geht es nach dem Premier, soll die Polizei in den kommenden vier Jahren 20 Prozent Kosten einsparen soll. Der öffentliche Druck steigt jedoch, seine Pläne zu revidieren. Ähnlich sieht es auch bei den geplanten Sozialhilfe-Kürzungen aus. Im Parlament wurde vor der Sommerpause ein Gesetzentwurf diskutiert, nachdem Sozialzahlungen pro Jahr nicht das durchschnittliche britische Haushaltseinkommen von 26.000 Pfund überschreiten dürfen.

Die Reform war schon vor den Ausschreitungen in der Koalition umstritten, da sie das soziale Ungleichgewicht in der Gesellschaft verschärfen könnte. „Nach den Krawallen ist der Gesetzentwurf politisch nicht mehr durchsetzbar“, glaubt Abby Ghobadian, Professor an der Henley Business School. Das Sozialsystem müsste zwar reformiert werden, dürfte aber nicht einseitig auf die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft abzielen.