Schuldenkrise

Die Märkte vertrauen der Politik nicht mehr

G 7, G 20 und EZB wollen die Börsen weltweit stabilisieren. Es gibt große Zweifel, ob sie das überhaupt noch können.

Foto: dpa

Die Märkte haben offenbar das Vertrauen in die Wirtschaftspolitik verloren. Nach einem Wochenende hektisch einberufener Telefonkonferenzen und Sondersitzungen, haben die großen Wirtschaftsmächte der Welt versucht, die Finanzmärkte mit koordinierten Erklärungen zu beruhigen.

Die G 7, die G 20, die Europäische Zentralbank (EZB) sowie Deutschland und Frankreich als Wortführer der Europäischen Union kündigten an, in den kommenden Wochen koordiniert vorzugehen und nötigenfalls weitreichende Maßnahmen zu ergreifen .

Die Europäische Zentralbank begann damit, italienische und spanische Staatsanleihen aufzukaufen. Mit den Ankündigungen ist der Instrumentenkasten der Wirtschaftspolitik aber weitgehend erschöpft. Das sehen offenbar auch die Märkte so; selbst die konzertierte Aktion der internationalen Gremien droht zu verpuffen: Am Montag brachen die Kurse weltweit weiter ein.

Die Ankündigungen sollten den Märkten zunächst vermitteln: Die wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt wollen die Märkte mit aller Macht stabilisieren. „Wir sind bereit, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Stabilität des Finanzsystems und das Wachstum zu sichern“, erklärten die sieben führenden Wirtschaftsnationen der G 7, darunter Deutschland, die USA und Japan. Die Staaten würden bei Bedarf koordiniert eingreifen, um die Märkte mit Geld zu versorgen.

Die Finanzminister und Notenbankchefs der G-20-Gruppe, in der wichtige Industrie- und Schwellenländer zusammengeschlossen sind, veröffentlichten ein ähnlich lautendes Communiqué. Der Club, zu dem auch China, Indien, Brasilien und Saudi-Arabien gehören kündigte an, in den kommenden Wochen engen Kontakt zu halten und nötigenfalls auf den Märkten koordiniert einzugreifen.

EZB kauft italienische Staatsanleihen

Gleichzeitig ließ die EZB wissen, dass sie italienische und spanische Staatsanleihen aufkaufen werde. Am Montagmorgen begann sie damit. Händler schätzen, dass die Zentralbank im Laufe des Tages Anleihen der beiden Euro-Länder im Wert von bis zu zwei Milliarden Euro gekauft hatte. Dies sollte ein wichtiges Signal an die Märkte senden: Italien und Spanien werden von Europa nicht fallengelassen. Denn dort herrscht weiter Angst, dass beide Länder die nächsten Opfer der Euro-Schuldenkrise sein könnten.

Aber obwohl die wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt und die EZB – zumindest verbal – schweres Geschütz aufgefahren haben: Die Märkte ließen sich davon nicht beeindrucken. Zuerst stürzten die Börsenkurse in Asien ab, in Hongkong um fast vier Prozent; dann setzte sich der Absturz in Europa und den USA fort .

Investoren geben offenbar nicht viel auf die Ankündigung der Politik. Denn auch die Händler wissen: Die Politik hat nicht mehr viele Möglichkeiten, sich gegen die Märkte zu stemmen. Der Aufkauf italienischer und spanischer Staatsanleihen durch die EZB ist ohnehin ein Tabubruch und galt als letzter Ausweg aus der Schuldenkrise. Dass die Notenbank zu dieser dramatischen Maßnahme greift, hat die Märkte weiter verunsichert.

„Von wirtschaftspolitischer Seite kann man kaum noch etwas tun. Viele Waffen der Geld- und Fiskalpolitik sind mittlerweile stumpf, die Wirtschaftspolitik ist ohnmächtig“, sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt Eurozone bei der Großbank UniCredit. „Wir sind an der Grenze des wirtschaftspolitisch Machbaren.“ Nach dem Zusammenbruch von Lehman hatten die Staaten weltweit bereits Konjunkturprogramme aufgelegt, die Notenbanken haben monatelange Milliarden in die Finanzsysteme gepumpt und Europa hat einen gewaltigen Rettungsfonds für Not leidende Schuldner aufgelegt.

Jetzt fragen sich Politiker und Ökonomen, was die Märkte überhaupt noch beruhigen kann. Als effektivste Möglichkeit gilt es, den Rettungsschirm für die Krisenländer weiter aufzustocken: „In Europa muss das Volumen des Rettungsschirms aufgestockt werden“, sagt Andreas Rees. Sein Kollege Carsten Brzeski, Leitender Volkswirt bei der belgischen Bank ING, nennt konkrete Zahlen: „Die Händler an den Märkten erwarten, dass die Europäer das Volumen des Rettungsfonds erhöhen, so dass Italien versorgt ist.

Dafür müsste der Rettungsfonds verdoppelt oder sogar verdreifacht werden auf 1000 Milliarden oder sogar 1500 Milliarden Euro.“ Allerdings: Eine Aufstockung in dieser Größenordnung scheint politisch kaum durchsetzbar. Zudem würden die gewaltigen finanziellen Verpflichtungen nicht nur das französische AAA-Rating gefährden – sondern langfristig auch die hervorragende deutsche Bonität.

Ökonomen spekulieren jetzt, dass die US-Notenbank Federal Reserve heute Abend ein weiteres Programm ankündigen könnte, um Milliarden in den Finanzmarkt zu pumpen. Es wäre das dritte Programm dieser Art; das Quantitative Easing 3, oder kurz QE3. „Es kann sein, dass die US-Notenbank am Dienstag ein QE3-Programm auflegt“, sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt Eurozone bei der Großbank UniCredit.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Notenbank den Geldhahn wieder weit aufdreht, ist zumindest nach den Ereignissen der vergangenen Woche gestiegen. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat sich noch immer nicht vom Einbruch in der Finanzkrise erholt und kämpft weiter mit hoher Arbeitslosigkeit und schwachem Wachstum. „Vermutlich wird das QE3 kommen, wenn vielleicht auch nicht schon diese Woche“, sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank.