Pipeline-Tochter

Energieriese E.on erwägt Zerschlagung von Ruhrgas

Die Aufregung um E.on reißt nicht ab. Nach der Ankündigung, tausende Stellen zu streichen, denkt der Konzern offenbar über Verkäufe nach.

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Acht Jahre nach der umstrittenen Übernahme von Ruhrgas will der Energiekonzern E.on Kreisen zufolge das Unternehmen zerschlagen. Der Versorger erwäge einen Verkauf der Ruhrgastochter Open Grid Europe, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. "Die sind ins Schaufenster gestellt worden."

Der Prozess befinde sich aber noch am Anfang, es gebe noch keine Verkaufsverhandlungen. Der E.on-Konzern in Düsseldorf und Ruhrgas in Essen lehnten einen Kommentar ab. Die E.on-Aktie legte zeitweise fast vier Prozent zu – doppelt so viel wie der Leitindex Dax.

Die Ruhrgas-Tochter betreibt mit einer Länge von etwa 12.000 Kilometern das größte Ferngasnetz Deutschlands. Die Pipelines spielen wegen ihrer Verknüpfungspunkte an den Grenzen auch für den Im- und Export von Gas eine bedeutende Rolle. Open Grid Europe beschäftigt 1400 Mitarbeiter, mehrere hundert davon in Essen. Bei Ruhrgas insgesamt sind 3200 Mitarbeiter beschäftigt.

Seit Tagen wird darüber spekuliert , dass E.on-Chef Johannes Teyssen Teile der Geschäfte von Ruhrgas mit der in Düsseldorf ansässigen Tochter Energy Trading verschmelzen will, die ebenfalls mit Gas handelt. Auch die lukrative Gasförderung mit Beteiligungen an Feldern in Russland und Norwegen könnte im Konzern verbleiben.

E.on hatte in diesen Bereich in den vergangenen Jahren Milliarden investiert. Der Energiekonzern steht nach der Atomwende unter Druck und hatte in der vergangenen Woche den ersten Quartalsverlust seiner Geschichte verbucht. Bis zu 11.000 der weltweit 79.000 Stellen im Konzern sollen nun gestrichen werden, hat Vorstandschef Teyssen angekündigt.

Auch die Mitarbeiter von Ruhrgas fürchten um ihren Arbeitsplatz. Jahrelang gehörte die Tochter zu den Ertragsperlen von E.on. Das Gasgeschäft leidet nun aber unter teuren langfristigen Lieferverträgen, die E.on unter anderem mit dem Gazprom-Konzern abgeschlossen hat.

Im ersten Halbjahr brach in der von Ruhrgas getragenen Gassparte der um Sondereffekte bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebitda) um 900 Millionen Euro auf 578 Millionen. Euro ein. Gewinnzahlen zu Open Grid Europe veröffentlicht E.on nicht. Analysten zufolge könnte sich Gazprom für das Ferngasnetz interessieren. Dies dürfte allerdings beim Kartellamt die Alarmglocken schrillen lassen, da die Russen bereits einen großen Teil der Gaslieferungen nach Deutschland kontrollieren. Für Finanzinvestoren könnte es daher einfacher sein.

"Hier geht es um ein Geschäft mit wenig Risiken, aber auch geringen Returns. Das könnte auch private Investoren anziehen, Private Equity könnte ich mir auch vorstellen", sagte ein Analyst. E.on hatte Ruhrgas im Jahr 2003 nach einem wahren Wirtschaftskrimi übernommen.

Das Bundeskartellamt hatte sich aus Wettbewerbsgründen gegen die Übernahme gestemmt, die der größte deutsche Versorger jedoch mit einer Ministererlaubnis über die Bühne brachte. Nach Einschätzung der Politik diente die Ruhrgas-Übernahme der langfristigen Versorgungssicherheit Deutschlands. E.on zahlte für Ruhrgas rund und zehn Milliarden Euro. Zu den Voreigentümern gehörten RWE, ThyssenKrupp, Vodafone und Exxon Mobil, die RAG und TUI.

Die Bundesregierung wollte sich nicht näher zu dem Fall äußern. "Das ist eine unternehmerische Entscheidung, die wir nicht kommentieren", sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums. Das Bundeskartellamt lehnte einen Kommentar ab. Bei Wettbewerbshütern könnte ein Verkauf der Netze allerdings auf Zustimmung stoßen.

Die EU-Kommission drängt die Energieriesen seit Jahren auf eine Abgabe ihrer Netze. E.on hatte sich unter dem Druck aus Brüssel bereits von seinem Höchstspannungsnetz getrennt. Konkurrent RWE hatte 2010 sein Ferngasnetz an die australische Investmentbank Macquarie verkauft. Branchenexperten hatten den Wert des 4100 Kilometer langen Netzes damals auf rund 500 Mio. Euro beziffert.