Altersteilzeit

Warum Post-Mitarbeiter zu "Zeitbomben" werden

Das hohe Durchschnittsalter der Post-Mitarbeiter ist für den Konzern und die Betroffenen ein Problem. Ver.di spricht von einer "tickenden Zeitbombe".

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Vergangene Woche hat Martin Müller (Name geändert) wieder Überstunden geschoben. Seit zwei Jahrzehnten zieht der Briefträger in Hamburg von Haus zu Haus – und mit jedem Jahr fällt ihm die Arbeit schwerer. Diesmal war ein kranker Kollege der Grund für die Mehrarbeit, Müller musste dessen Post teilweise mitnehmen. „Es ist frustrierend, wenn morgens schon abzusehen ist, dass man die Tour nicht schaffen kann“, sagt der vierfache Familienvater.

Natürlich hat der gelernte Handwerker Verständnis dafür, dass mal einer seiner Kollegen krank wird. Müller ist 61 Jahre alt und spürt selbst, wie ihm das Austragen auf die Knochen geht. „Ich brauche keinen Ausgleichssport“, scherzt er. „Ich habe genug Bewegung.“ Schmerzende Schultergelenke, Knie, Rücken oder Tennisarm: Viele Postboten leiden an den gleichen körperlichen Beschwerden.

Nur wenige halten das Pensum so lange durch wie Martin Müller. Angestellte gehen bei der Post im Durchschnitt mit 61 Jahren in Rente – bei einem gesetzlichen Rentenalter von 65 Jahren, das schrittweise auf 67 Jahre steigt. Die Beamten des Ex-Staatskonzerns hören durchschnittlich mit 55 Jahren auf.

Sind sie im einfachen oder mittleren Dienst beschäftigt – wie die Briefträger –, beginnt ihr Ruhestand im Schnitt sogar schon mit 50,8 Jahren. Selbst unter Beamten ein trauriger Rekord. Die Gewerkschaft Ver.di hat einen Grund für den extrem frühen Ruhestand der Briefträger parat: Die Arbeit der Zusteller sei zu schwer für das fortgeschrittene Berufsalter.

Zu einem Problem wird das für die Post, weil zudem das Durchschnittsalter der Beschäftigten vergleichsweise hoch ist: 46,9 Jahre. Briefträger sind mit durchschnittlich 43,1 Jahren etwas jünger. Aber in jedem Jahr kommen rechnerisch sieben Monate hinzu. Die Konsequenz: Es ist heute schon absehbar, dass in den kommenden Jahren Tausende Mitarbeiter das Unternehmen vorzeitig verlassen werden. Andrea Kocsis, Vizechefin von Ver.di und dort zuständig für Post- und Logistikberufe, spricht von einer „tickenden Zeitbombe“: Die gelbe Post wird grau.

Post-Vorstand und Ver.di verhandeln

Auch Walter Scheurle, der Personalvorstand des Konzerns, weiß, dass die Post mit ihren Briefträgern wegen des hohen Durchschnittsalters bald Probleme bekommen wird. Daher muss er versuchen, sie länger im Job zu halten, damit er nicht auf einen Schlag zu viele Zusteller verliert. Gemeinsam mit Scheuerle will Ver.di nach Informationen der „Morgenpost Online“ einen Tarifvertrag zur Altersteilzeit mit dem Konzern aushandeln. Gleich sieben Verhandlungsrunden sind terminiert, die erste fand im Juli statt.

Post-Vorstand Scheurle kennt die Sorgen der Briefträger gut. Denn er war selbst einer von ihnen. 1967 hat er in Schwäbisch Gmünd die Zustellerei gelernt und später in der mächtigen Postgewerkschaft Karriere gemacht. In seiner Zeit zu Fuß zahlte Scheurle noch Renten oder Lottogewinne an der Haustür aus. Scheuerle ist damit im Post-Vorstand, in dem mehrere angelsächsische Manager sitzen, eine Ausnahme: Er weiß noch, wie es auf der Straße zugeht.

Dort sind die gelben Post-Taschen über die Jahre immer schwerer geworden. Denn Werbebriefe und Prospekte, die Zusteller heute vor allem austragen, wiegen mehr als ein normaler Brief. „Das Gewicht unserer Taschen hat sich in den vergangen zehn Jahren sicher verdoppelt“, klagt Briefträger Müller.

Pensum der Touren hat zugenommen

Zudem sind die Mengen auf jeder Tour gestiegen. „Während ich früher einmal Ablage gemacht habe, sind es heute fünfmal“, sagt Müller. „Ablage machen“ er und seine Kollegen in grauen Plastikkästen, die an den Straßen stehen und aussehen wie Stromschränke. Darin liegt Nachschub, der vom Kleinlaster angeliefert wird, damit die Briefträger ihre Taschen auffüllen können.

Montags ist oft weniger zu tun, dafür dienstags umso mehr. Dann kommt es vor, dass die Briefträger ihre maximal erlaubte Arbeitszeit von zehn Stunden und 45 Minuten voll ausnutzen müssen, um die Post-Berge verteilen zu können. Ver.di zufolge ist dies längst nicht mehr die Ausnahme, sondern „vielfach der Normalfall“. Und diese Normalität ist für die älteren Mitarbeiter einfach zu viel. Ein Problem, mit dem der Dax-Konzern Deutsche Post nicht allein dasteht.

Etliche Branchen und Unternehmen in Deutschland suchen derzeit nach Lösungen, wie sie mit ihren alternden Belegschaften umgehen können: Sie müssen rechtzeitig Nachwuchs einstellen und Ältere möglichst lange halten. Frühpensionierungen fördert der Staat inzwischen nicht mehr. „Das frühe Aussteigen aus dem Berufsleben ist aus der Mode gekommen“, sagt Werner Eichhorst, stellvertretender Direktor für Arbeitsmarktpolitik beim Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), das unter anderen von der Post-Stiftung finanziert wird. „Die Entwicklung geht in die entgegengesetzte Richtung: Unternehmen überlegen, wie sie Mitarbeiter länger im Betrieb halten können.“

Abkommen von Post und Ver.di könnte Modellcharakter haben

Wenn Ver.di und die Post tatsächlich ein Abkommen zur Altersteilzeit erreichen, wird es Modellcharakter für die gesamte Wirtschaft haben. Sie könnten ein in Verruf geratenes Modell wiederbeleben – ohne dass es auf Kosten der Steuerzahler ginge. Die gute alte Post wäre auf einmal innovativ – bei der gesellschaftlich wichtigen Frage nämlich, welche Perspektiven ein Unternehmen seinen Mitarbeitern im mittleren Berufsalter bietet.

Eine Frage, die auch für Otto Schmidt (Name geändert) sehr wichtig ist. Der 55-jährige Briefträger ist kerngesund, sein Beruf macht ihm Spaß. Er ist an der frischen Luft, hat nette Kollegen und kennt sein Publikum auf der Zustelltour mit dem Handwagen durch die Innenstadt. „Schalter machen“ und „im Käfig arbeiten“, das kam für ihn nie in Frage. Ob er allerdings die zehn Jahre bis zur Rente mit 65 noch schafft, weiß er nicht. „Wenn das so weitergeht und der Stress so zunimmt, werde ich das nicht bis 65 machen“, sagt Schmidt.

Gerade hat er sein 40. Dienstjubiläum gefeiert: 410 Euro brutto bekam er als Prämie, netto blieb die Hälfte übrig. „Als ich 25 Jahre dabei war, gab es netto 500 D-Mark. Das war schon besser“, sagt Schmidt. Eine Altersteilzeit, wie sie jetzt verhandelt wird, würde er gern machen, wenn sie nicht mit einem Abschlag bei der Rente verbunden ist. Denn sein – überschaubares – Einkommen im Alter kann sich Schmidt schon heute ausrechnen: „Bei mir werden es 1600 Euro Rente im Monat sein.“ Viel mehr ist nach 50 Jahren als Briefträger nicht drin.

Ver.di will Zeitwertkonten einführen

Bei der Gewerkschaft steht das Thema ganz weit oben auf der Liste. „Altersteilzeit ist längst kein Instrument mehr, um ältere Beschäftigte von einem Tag auf den anderen aus den Betrieben zu drängen“, sagt die Vize-Bundesvorsitzende Kocsis. Vielmehr könnten dadurch die Belastungen für die Kollegen am Ende des Berufslebens verringert werden, so Kocsis. Und das gelte „besonders für Briefträger“.

Die sollen ihre letzten Berufsjahre künftig beispielsweise so verbringen: drei Jahre in Vollzeit, dann eine ähnlich lange Zeit in die Teilzeit, schließlich bei gleichem Lohn noch einmal so lange zu Hause bleiben – und erst dann in Rente gehen. Dafür will Ver.di sogenannte Zeitwertkonten einführen: Postbeschäftigte sollen ab einem bestimmten Alter über mehrere Jahre hinweg einen Teil ihres Einkommens auf einem verzinsten Zeitwertkonto ansparen. In der späteren sogenannten Freistellungsphase bis zum Erreichen der Altersgrenze fließt aus diesem Konto der Monatslohn.

Daneben soll der Arbeitgeber in der Phase der Altersteilzeit Einkommenseinbußen über Zuschläge ausgleichen. Das ist der Stoff, über den Ver.di und das Post-Management verhandeln. Außerdem geht es in den Runden um den Kündigungsschutz sowie die Fremdvergabe in der Brief- und Paketzustellung. Auch die Verlängerung der freiwilligen Mehrarbeit ist Teil der Verhandlungen.

Zum Personalabbau nutzt die Post die normale Fluktuation

Das Management der Post gibt sich zurückhaltend. „Es gibt die Forderung von Ver.di nach Anwendung der Vorruhestandsregelung zur Altersteilzeit. Es gibt aber keine Notwendigkeit bei der Post für eine solche Regelung“, sagt Vorstand Scheurle. Denn: „Wir brauchen eine Regelung zur Altersteilzeit nicht als Instrument zur Fluktuation.“ Für Personalabbau nutze die Post seit Jahren die normale Fluktuation. „Damit kommen wir aus, wenn wir die Beschäftigung verringern müssen“, sagt Scheurle. Und nachdem er klargestellt hat, dass die Post keinen großen Stellenabbau plant, fügt er an: „Wir können uns vorstellen, dass Altersteilzeit für einzelne Kollegen, die Gesundheitsprobleme haben, attraktiv ist.“ Der Post gehe es darum, Mitarbeiter so lange wie möglich beschäftigen zu können. Und schließlich müsse jede Vereinbarung „bezahlbar sein“.

Arbeitsmarktexperten halten das Post-Modell für machbar. „Der Charme solch einer Lösung liegt doch darin: Beide Seiten, der Arbeitgeber und die Arbeitnehmer, haben etwas davon“, sagt Holger Bonin, Leiter der Arbeitsmarktforschung am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Die Mitarbeiter der Post könnten weniger arbeiten und früher in Rente gehen, und das möglicherweise ohne eingeschränkte Altersbezüge.

Gradueller Aussstieg aus dem Job

Offensichtlich solle es kein Frühverrentungsprogramm werden, sondern ein Modell der Teilzeitarbeit. „Die Mitarbeiter sollen nicht auf einen Schlag früher den Arbeitsplatz verlassen. Das passt auch zur besonderen Situation der Post, die in einem extremen Strukturwandel steht“, sagt der Arbeitsmarktexperte. „Aber egal, wie es offiziell dargestellt wird: Die Post hat einen Bedarf für Stellenabbau und Kostensenkung.“ Die Menge an verschickten Briefen werde von Jahr zu Jahr weniger, dafür brauche der Konzern weniger und billigere Mitarbeiter. Ein Vertrag zur Altersteilzeit könne dazu beitragen, diese Ziele zu erreichen. „Solange es sich um einen privatwirtschaftlichen Vertrag handelt, bei dem der Staat außen vor bleibt, ist nichts dagegen zu sagen.“

IZA-Experte Werner Eichhorst stimmt zu. „Die Idee, über den Vorruhestand einen graduellen Ausstieg aus dem Beruf zu ermöglichen, hat jedoch bislang in Deutschland nicht funktioniert“, warnt er. Mit staatlich geförderten Vorruhestandsprogrammen seien die Beschäftigten „einfach nur viel früher aus den Firmen weg“. Unternehmen müssten es den Menschen ermöglichen, eine angemessene Tätigkeit zu übernehmen: „Es gibt sicherlich Wege, wie ältere Beschäftigte länger produktiv bleiben könnten, auch bei körperlich schwerer Arbeit wie bei einem Briefträger.“

Elektrobikes für Ältere nur mit Attest

Tatsächlich gibt es solche Hilfe bei der Post. Wenn in Städten Postboten auf voll beladenen Fahrrädern an normalen Radfahrern vorbeifahren, sitzen sie oft auf einem „E-Bike“. Dieses Rad hat einen Hilfsmotor, der das Treten unterstützt. „So eines hätte ich schon gerne. Aber dafür braucht man bei uns ein ärztliches Attest“, sagt Briefträger Müller. Rund 6200 E-Bikes hat die Post bislang für ihre 90.000 Zusteller angeschafft, nach eigenen Angaben für zwei Drittel aller Zustellbezirke.

Elektro-Rad hin oder her, Zusteller Müller muss bis 65 durchhalten. Er ist Quereinsteiger und „erst“ seit 20 Jahren bei der Post. Als Rente erwarten ihn 1500 Euro – vorher aufzuhören und Abschläge hinzunehmen sei nicht drin. „Aber wer heute 30 Jahre ist, wird die Arbeit bei der Post niemals bis 65 durchhalten.“ Besonders im Winter haben es ältere Briefträger schwer: Sie kommen mit ihren Fahrrädern und Karren nicht durch den Schnee. Amtsärzte berichten von abgefrorenen Fingern oder Zehen.

Auch Vorstand Scheurle kennt das Krankheitsrisiko der Älteren: „Jüngere sind öfter krank als ältere Postmitarbeiter. Ältere Kollegen fallen dafür längere Zeit aus, wenn sie krank sind.“ Seine Arbeit als Personalvorstand habe sich aber positiv auf die Gesundheit der Beschäftigten ausgewirkt: Der Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen, wie ihn der gültige Tarifvertrag vorsieht, helfe dabei, die Berufszeit besser zu überstehen. „Nach medizinischen Erkenntnissen“, sagt Scheurle, „senkt es die Gefahr von Herzinfarkten, wenn man nicht um seinen Arbeitsplatz fürchten muss.“ Das sind doch gute Aussichten für die Zusteller Müller und Schmidt.