Folgen der Schuldenkrise

Angst der Märkte frisst Bankengewinne auf

Die weltweite Schuldenkrise verunsichert die Märkte und ruiniert die Bilanzen der Banken. Sie wappnen sich gegen weitere Rückschläge.

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Zwischendurch sah es richtig gut aus. „Krise – welche Krise?“, frotzelte so mancher Banker bei der Vorlage der hervorragenden Zahlen der ersten drei Monate in diesem Jahr. Es sah so aus, als hätten sich die Banken schneller aufgerappelt als gedacht. Der Nettogewinn erreichte schon wieder rund zwei Drittel des Vorkrisenniveaus. Die Krise schien überwunden.

Doch nun wirken die glänzenden Ergebnisse des ersten Quartals schon fast wie ein Kapitel aus dem Geschichtsbuch. Schon drei Monate später wird über Gewinneinbrüche, Stellenabbau und Kostensparprogramme diskutiert. Der Grund liegt diesmal nicht darin, dass sich die Banken verzockt hätten – es ist die europäische Schuldenkrise, die wie ein Damoklesschwert über der Branche hängt.

Bei manchen Banken zeigt sie sich schon jetzt schwarz auf weiß in den Büchern: Die Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen fraßen den Gewinn der Commerzbank fast ganz auf. Bei vielen anderen Banken schlug sich die Schuldenkrise an den Märkten im Handelsergebnis nieder. Die Banker haben Angst vor Märkten, die so nervös sind, dass ein einziger Satz eines Politikers ein Erdbeben auslösen kann.

Ganz deutlich zeigte sich das bei der schillernsten der Wall Street-Banken: Die sonst nicht gerade für zögerliches Handeln bekannte US-Bank Goldman Sachs nahm so wenig Risiko auf die Bücher wie zuletzt im Jahr 2006. Doch ohne Risiko kein Gewinn.

Im Durchschnitt sanken Einnahmen aus dem Wertpapierhandel der Großbanken im Vergleich zum Vorquartal um ein Drittel, bei Goldman Sachs sogar über die Hälfte. Die schlechten Erträge sind nicht nur auf verlorene Wetten an den Märkten zurückzuführen, sondern auch auf die Zurückhaltung der Kunden.

"Aktuelle Unsicherheit ist Gift fürs Geschäft"

Früher konnten die Investmentbanken einen Rückgang im Ordervolumen ausgleichen, indem sie selbst stärker auf eigene Rechnung handelten. Doch das geht inzwischen zumindest in den USA nicht mehr so leicht: Dort wurde der Eigenhandel durch die neue Regulierung stark eingeschränkt, weil er in der Krise zu Milliardenverlusten geführt hat.

Auch in der Beratung bei großen Unternehmensübernahmen und Fusionen erwarten die Banken einen Rückgang. Im ersten Quartal hatte ein regelrechter Boom in diesem Bereich eingesetzt. Doch Richard Gnodde, der Chef des M+A-Bereichs von Goldman Sachs will nun noch nicht einmal mehr von einem Boom sprechen.

Es habe sich nur ein kurzer Aufholbedarf gezeigt. Schon jetzt geht es wieder bergab: „Die aktuelle Unsicherheit ist Gift fürs Geschäft“, sagte Gnodde im Interview mit „Morgenpost Online“. Bemerkbar macht sich die Schuldenkrise aber auch schon an einer anderen Stelle: Kreditinstitute haben es zunehmend schwerer, sich an den Märkten Geld zu beschaffen. Wie im Herbst 2008 trifft das vor allem schwächere Institute – Gerüchten zufolge vor allem in Italien und Spanien.

Beide Staaten müssen immer höhere Zinsen für ihre Staatsanleihen zahlen, das schlägt auch auf die dort ansässigen Institute durch. Schließlich wären sie von einer Schieflage des Staates als erste betroffen. Das schürt Misstrauen: Zu Wochenbeginn haben europäische Banken 145 Milliarden Euro bei der EZB geparkt anstatt es anderen Banken zu leihen.

Bei dieser Wetterlage ist es wenig tröstlich, dass es im zweiten Quartal immerhin noch einige Banken gab, die gute Gewinn auf den Kapitalmärkten einfuhren: HSBC, J.P. Morgan oder die Commerzbank etwa. Doch auch sie weisen darauf hin, dass das nächste Quartal nichts Gutes verheißt.

Großbanken sind bisher am stärksten betroffen

„Es hängt viel davon ab, wie die Schuldenkrise weiter verläuft“, wich Eric Strutz, Finanzvorstand der Commerzbank in einer Telefonkonferenz an diesem Mittwoch der Frage nach dem Gewinnziel aus. Noch läuft das Geschäft mit den Privat- und Firmenkunden gut – doch was, wenn die Wirtschaft wieder einbricht?

Ein guter Teil der positiven Ergebnisse der Banken ist der Tatsache geschuldet, dass die Risikovorsorge für Kredite zurückging. Das heißt, dass die Institute den Kunden wieder stärker zutrauen, ihre Kredite zurückzuzahlen.

Mit einer Verschlechterung der Konjunktur werden sie wieder zulegen und auf das Ergebnis der Banken drücken . Dass Banken mit starkem Privat- und Geschäftskundengeschäft erst später unter eine Krise leiden, zeigt die jüngste Vergangenheit: Banken, die ihr Geld vor allem am Kapitalmarkt verdienen, traf die Krise schneller. In der Regel sind das die Großbanken.

„Die großen Banken sind schneller in die Krise gerutscht – aber auch schneller aus der Krise heraus gekommen als die kleinen“, sagt Jan Schildbach, Bankenexperte von dbresearch. Einen weiteren Grund für diesen Befund sieht er in der Internationalisierung der großen Institute. Sie konnten Einbrüche in den Industriestaaten durch steigende Einnahmen in Schwellenländern ausgleichen.

Eine Lektion, die sich offenbar auch die größte europäische Bank HSBC zu Herzen genommen hat. Das britische Institut will in Zukunft stärker in Asien investieren und sich aus Ländern verabschieden, die nicht genug Ertrag einbringen. Für sein Kostensparprogramm, das jeden zehnten Mitarbeiter vor die Tür setzt, wurde HSBC-Chef Stuart Gulliver von den Analysten gefeiert. So will das Institut 30.000 Stellen abbauen. Und das, obwohl die Bank in diesem Quartal richtig gut verdient hat.

Die HSBC ist ein gutes Beispiel dafür , dass den Banken bewusst ist, dass die Ergebnisse aus dem zweiten Quartal ein Blick in die Vergangenheit sind. Ihnen macht Sorge, was auf sie zukommt. „Wir wollen auch in Zukunft noch wettbewerbsfähig sein“, begründete HSBC-Chef Gulliver seine harschen Maßnahmen. Auch andere Banken bereiten sich mit Einsparungen auf härtere Zeiten vor.

Die Commerzbank betonte ihren eisernen Willen zu Kosteneinsparungen und lag im zweiten Quartal damit sogar über Plan. Die UniCredit-Tochter HVB in München gab bekannt, 700 Stellen zu streichen.

Experten wie Dirk Schierck sind davon überzeugt, dass sich auch die deutschen Finanzhäuser vom internationalen Trend nicht lossagen können. Denn selbst ohne Schuldenkrise müssen sie mit Gewinneinbußen rechnen. Die neuen Eigenkapitalregeln („Basel III“) verteuern Kapital – das verstärkt den Kostendruck. Kein Wunder also, dass sich die Banken wetterfest machen.

Rettungsschirm, Ratingagenturen und Rekapitalisierung – Morgenpost Online erklärt die wichtigsten Begriffe zur Euro-Krise in einem Lexikon.