Export nach China

Boom der deutschen Auto-Hersteller ist ungesund

Deutsche Autofirmen melden einen Rekordabsatz nach dem anderen. Doch dem Boom fehlt die Basis, er könnte schnell zusammenbrechen.

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Man hätte ein lupenreines Lob erwarten können, doch die Mail, die Daimler-Chef Dieter Zetsche vor wenigen Tagen intern an die Mitarbeiter schickte, klang kämpferisch. „Auf Dauer können und werden wir uns nicht mit einem ,guten zweiten’ oder gar ,dritten’ Platz zufrieden geben: Wir wollen ganz nach vorn“, mahnte „Dr. Z.“ die Beschäftigten.

Zuvor hatte der Konzernchef glänzende Zahlen für das erste Halbjahr vorgelegt und einen Absatzrekord für 2011 angekündigt. Es läuft wie nie zuvor „beim Daimler“, aber das tut es auch bei General Motors einschließlich Opel, bei Ford, BMW oder Volkswagen und Audi – und zwar so gut, dass es zumindest bei den deutschen Premiumherstellern nicht mehr nur um neue Absatz- oder Ergebnisrekorde geht, sondern vor allem darum, wer weltweit die Nummer eins ist.

Doch die Zeit der Prestigekämpfe dürfte bald vorbei sein, denn es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass der Superboom , den die Automobilhersteller in den vergangenen Monaten erlebt haben, zu Ende geht. Das liegt weniger an der Eurokrise und dem Schuldendrama in den USA, sondern vor allem daran, dass es ein ungesunder Aufschwung war, ein Boom ohne breite Basis.

„Die enorme Nachfrage kommt überwiegend aus China . Die Zuwachszahlen der Branche stammen schätzungsweise zu 80 Prozent aus der Volksrepublik“, sagt Stefan Bratzel, Chef des Center of Automotive Management an der FH in Bergisch Gladbach. Der chinesische Automarkt aber schwächelt erstmals. Nun können sich die Hersteller auch über die Absatzzahlen auf traditionell starken Märkten wie den USA oder Europa nicht beklagen. Der US-Automarkt war im ersten Halbjahr um 13 Prozent gewachsen, wovon die deutsche Autobauer kräftig profitierten.

BMW kam dort in den ersten sechs Monaten auf ein Absatzplus von 18 Prozent, VW vermeldete im Amerikageschäft den besten Juli seit neun Jahren. Auf ihrem Heimatmarkt verkauften die deutschen Hersteller insgesamt in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 15 Prozent mehr Fahrzeuge als im Vorjahreszeitraum.

Aussichten in Europa und den USA sind bescheiden

Selbst Opel, das Sorgenkind von GM, verdient wieder Geld und verbucht für das zweite Quartal nach Sanierungskosten einen Gewinn vor Steuern und Zinsen von rund 70 Millionen Euro – dabei ist Opel auf dem Megamarkt China gar nicht präsent.

„Es ist das erste Mal seit Jahren, dass wir in Europa wieder einen Überschuss erzielt haben“, atmet GM-Chef Dan Akerson auf. Dennoch: die Verkäufe auf den einstigen Leitmärkten haben längst nicht das Niveau der Vorkrisenzeit erreicht – und die weiteren Aussichten in den USA und Europa sind bescheiden, die Staaten taumeln von einer Schuldenkrise zur nächsten , die in den USA weiterhin hohe Arbeitslosigkeit dämpft die Kauflust. Alle Hoffnung ruhen also auf China, doch dort zeigt die Überhitzung der Wirtschaft erste Folgen für die Autobauer: Die großen Zuwachsraten sind vorbei.

„In China lag das Absatzplus bei Autos in den vergangenen Jahren zeitweilig bei 50 Prozent und mehr, in diesem Jahr hatten wir erstmals seit langem einen Monat mit rückläufigen Zahlen“, so Frank Schwope, Analyst der NordLB. Zwar ist der Markt dort noch lange nicht gesättigt. Aber die Regierung bremst durch Zulassungsbeschränkungen oder rigidere Auflagen bei der Vergabe von Autokrediten und lässt Programme zur Förderung des Autokaufs auslaufen, um eine weitere Überhitzung zu vermeiden.

„Für das Gesamtjahr ist in China noch ein Marktwachstum von rund sechs Prozent zu erwarten. Und das ist noch optimistisch“, sagt Bratzel. Ein Abflauen der Nachfrage in China wird gerade die deutschen Hersteller hart treffen. Volkswagen beispielsweise verkauft 2011 voraussichtlich 2,2 seiner insgesamt acht Millionen Autos in der Volksrepublik.

„Wer auch nach dem großen Boom noch gut dastehen will, muss künftig flexibler auf Veränderungen bei der Nachfrage reagieren und ausgeglichen in allen großen Märkten präsent sein“, sagt Bratzel. Die Branche hat das begriffen. VW hat jüngst das erste Werk in den USA eröffnet, BMW will ein Montagewerk in Brasilien aufbauen – und Opel hat dem Mutterkonzern abgetrotzt, künftig in China antreten zu dürfen.