Sinkende Umsätze

Die Telekom ist kein Wachstumsunternehmen mehr

Im Ausland tut sich die Telekom immer schwerer. Das US-Geschäft hat sie bereits aufgegeben, doch jetzt sinken auch die Umsätze in Europa.

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Rene Obermann ist kampferprobt, wenn es darum geht, Mitarbeiter in die Schranken zu weisen und ihnen Zugeständnisse abzugewinnen. Der Telekom-Chef hat sogar den größten Streik in der Konzerngeschichte ausgesessen, als er von 50.000 Mitarbeitern in Deutschland verlangte, für weniger Geld mehr zu arbeiten.

Doch an Griechenland scheint sich nun auch er die Zähne auszubeißen. Drei Tage, nachdem das Management seiner griechischen Beteiligung OTE im Juli der Gewerkschaft in Athen eine Streichliste vorgelegt hatte, gingen zwölf Fahrzeuge der Firma in frühen Morgenstunden in Flammen auf.

Zwar hat niemand die Verantwortung für den Brandanschlag übernommen, doch der Inhalt der OTE-Streichliste hat allemal das Zeug für radikale Auseinandersetzungen. Punkt Eins auf der Liste, die das Management sogar auf der Website des Unternehmens veröffentlichte: Abschaffen der Anstellung auf Lebenszeit für alle Mitarbeiter, die vor 2005 eingestellt wurden. Im Klartext: OTE will drei Viertel ihrer Mitarbeiter den Beamtenstatus aberkennen.

Griechenland droht für Obermann zu einem immer größeren Desaster zu werden. Aber schlimmer noch ist die Gesamtlage des Konzerns: In praktisch keinem Auslandsmarkt läuft es gut für die Telekom. Der stolze Bonner Telekommunikationskonzern – so viel ist nun klar – ist kein Wachstumsunternehmen mehr. Das Geschäft schrumpft stetig. Die Hoffnungen, die bislang außerhalb des Heimatmarktes lagen, sind enttäuscht.

Dabei war die Telekom ohnehin stets vorsichtig, wenn es um Engagements jenseits der Landesgrenzen ging. Während Vodafone in aufstrebenden Märkten wie Indien und die Türkei investierte, France Telecom in Afrika zukaufte und die spanische Telefónica Südamerika eroberte, hielt die Telekom nach ihrem teuren USA-Kauf das Geld beisammen. Die griechische OTE war deswegen als Befreiungsschlag vorgesehen, der für ein wenig Wachstumsphantasie sorgen und den Aktienkurs beleben sollte.

Einige Probleme hat Obermann auch schon aus dem Weg geräumt: In Großbritannien hat er sein Geschäft mit France Telecom in ein Joint Venture gegeben. Und in Polen sind endlich die Eigentumsverhältnisse geklärt, um die lange Zeit vor Gerichten gefochten wurde. Doch dafür türmen sich an immer mehr Stellen für die Telekom im Ausland die Probleme.

In den USA befindet sich der Konzern in einer Zitterpartie. Jahrelang hat die Telekom von hohen Wachstumsraten im amerikanischen Mobilfunkmarkt profitiert. Doch der Trend zum mobilen Internet machte diesen Erfolg zunichte. T-Mobile USA war zu klein, um sich gegen die großen Konkurrenten AT&T und Verizon stemmen zu können. Dem Unternehmen fehlte außerdem das iPhone, das lange Zeit exklusiv von AT&T verkauft wurde, und vor allem wurde zu spät in ein schnelleres mobiles Datennetz investiert. Am Ende fehlten dafür auch die Funkfrequenzen. Das Ergebnis: T-Mobile USA laufen die Kunden davon.

Mittlerweile hat Obermann in Übersee den Kampf um Marktanteile aufgegeben. Glücklich präsentierte er der überraschten Öffentlichkeit im März einen Käufer für das US-Geschäft zu einem Preis von 39 Milliarden Dollar. Allerdings müssen sowohl das amerikanische Justizministerium als auch die Telekom-Regulierungsbehörde FCC (Federal Communications Commission) dem Kauf zustimmen.

Obermann gibt sich siegessicher

Die Untersuchung dazu läuft noch. Zuletzt hat sich der Vorsitzende des Antitrust-Unterausschusses, Herb Kohl, gegen das Vorhaben ausgesprochen. Auch andere Senatoren begehren auf und befürchten einen Rückschlag für den Wettbewerb, sollte T-Mobile als eigenständiger Anbieter verschwinden.

Der beabsichtigte Verkauf treibt die Kunden weiter zu den Konkurrenten, denn unsichere Verhältnisse mögen sie nicht. Im ersten Halbjahr hat T-Mobile USA 663.000 lukrative Vertragskunden ziehen lassen müssen. Zuletzt ging T-Mobile der wichtige Vertriebspartner RadioShack abhanden, womit sich die Zahl der T-Mobile-Verkaufsstellen schlichtweg halbiert. Das Unternehmen deutet jedoch an, neue Partner zu gewinnen.

Sollte nun der Verkauf an AT&T nicht glücken, bekäme Obermann zwar eine rund sieben Milliarden Dollar schwere Entschädigung von AT&T in Bargeld, Frequenzen und Roaming-Zusagen. Doch er hätte dann ein Problem zurück, das größer wäre als zuvor.

Der Telekom-Chef gibt sich derweilen siegessicher. Zum Restrisiko will er sich gegenüber Morgenpost Online nicht äußern. „Der Genehmigungsprozess läuft nach Plan“, sagt er und ergänzt: „Wir sind weiterhin zuversichtlich, dass diese Transaktion auch genehmigt wird.“ Allerdings weiß Obermann, dass er sich auf unsicherem Terrain bewegt. „In den USA sind regulatorische Prozesse schwer vorauszusagen“, räumt er ein.

Es ist aber nicht nur das US-Geschäft, das krankt – auch Europa bereitet Obermann derzeit Kopfschmerzen. Hier stürzt alles auf den Bonner Konzern ein: schlechte Konjunktur, unerwartete Sondersteuern, zu hohe Kosten, harte Regulierung und ein herber Preiskampf.

Die Telekom wird bescheiden

In der Folge schrumpft das Geschäft auf breiter Linie – in Griechenland, Rumänien, Ungarn, in der Tschechischen Republik, Kroatien, den Niederlanden, der Slowakei und in Österreich. Im Grunde also überall dort, wo die Telekom vertreten ist. Nur Polen meldet ein mageres Umsatzplus, allerdings auch nur wegen positiver Wechselkurseffekte des polnischen Zloty gegenüber dem Euro.

Dass die europäischen Telekom-Geschäfte im zweiten Quartal etwas langsamer schrumpfen als noch in den ersten drei Monaten des Jahres, meldet der Konzern bereits als Erfolg. Das Unternehmen wird bescheiden – und das mit gutem Grund.

Als Obermann 2008 den Einstieg in die griechische OTE für 3,2 Milliarden Euro verkündete, hatte er sich einen Wachstumsmarkt versprochen. Die Griechen sollten mit ihren Beteiligungen die Tür zu Südosteuropa aufstoßen. Doch es kam anders. Die OTE-Aktie hat seitdem um 70 Prozent nachgegeben, die Telekom musste bislang den Wert der Beteiligung um 1,8 Milliarden Euro reduzieren. Weitere Wertminderungen will sie nicht ausschließen. Griechenland ist für die Telekom zu einer Last geworden.

Anfang Juli präsentierte der Telekom-Chef eine Feuerwehrfrau, die es nun richten soll. Claudia Nemat wechselt von der Unternehmensberatung McKinsey direkt in den Telekom-Vorstand. Sie soll Europa wieder auf Wachstumskurs bringen. Das aber scheint zurzeit wie eine Herkulesaufgabe.

In Griechenland wird das besonders deutlich. Inzwischen hat die griechische Regierung der Telekom – wie vertraglich eingeräumt – weitere Anteile aufgedrängt, so dass die Deutschen nun 40 Prozent halten, während der Staat nur noch mit zehn Prozent beteiligt ist. Der Telekom-Vorstand zeigt sich auf ganzer Linie enttäuscht, hatte er sich doch eine Reform der Arbeitsgesetze erhofft und ein Nachgeben der Regulierung. Weder das eine noch das andere ist geschehen.

„Wir sind enttäuscht und unzufrieden“, sagt Telekom-Finanzchef Timotheus Höttges inzwischen offen über die Reformbemühungen der griechischen Regierung. Tatsächlich wird der Manager fast schon ein wenig ungehalten, wenn er über Griechenland spricht. Sollte die dortige Regierung der Telekom ihre restlichen zehn Prozent an OTE zum Kauf anbieten, werde man das genau prüfen müssen. Damit stellt die Telekom durch die Blume Bedingungen.

Unterdessen brennen in Athen die OTE-Autos , und die mächtige Gewerkschaft OME-OTE droht mit Streik. Die Besitzstände, die sie verteidigt, sind enorm. Das jährliche Durchschnittsgehalt der OTE-Festnetzmitarbeiter beträgt 62.000 Euro, bei der Telekom sind es 53.000 Euro.

Doch der Umsatz der OTE-Gruppe fiel schon im vergangenen Jahr um acht Prozent, der Nettogewinn schrumpfte sogar um 90 Prozent auf magere 40 Millionen Euro. 37 Prozent des Umsatzes gibt das Unternehmen für sein Personal aus, bei der Telekom sind es 20 Prozent. Offenbar beschleunigt sich der Rückgang sogar noch. Im ersten Halbjahr schrumpfte OTE schon um fast elf Prozent.

Die griechische Festnetzgesellschaft ist aufgebläht und leidet unter der Vetternwirtschaft der vergangenen Jahre. Allzu häufig wurden Top-Posten nicht nach Qualifikation vergeben, sondern als politische Belohnung. Derweilen kämpft das griechische Management für die Abschaffung alter Zugeständnisse wie Heizkostenzuschüsse und dafür, dass die Mitarbeiter auch an ihrem Namenstag zur Arbeit erscheinen.