Goldman Sachs

Krisen-Angst vermiest Investmentbanken das Geschäft

Die US-Bank Goldman Sachs verdient viel Geld mit Firmenübernahmen. Sparten-Chef Gnodde fürchtet in Zeiten von Schuldenkrisen um Kunden.

Foto: picture-alliance / Wiktor Dabkow

Richard Gnodde sitzt am Puls einer der mächtigsten Investmentbanken der Welt: Keine Abteilung innerhalb von Goldman Sachs ist strategischer als das Geschäft mit der Beratung bei Unternehmensübernahmen (Mergers & Acquisitions, kurz: M&A). Der Zwei-Meter-Mann Gnodde steht diesem Kernbereich global vor. Der Südafrikaner nimmt jede Herausforderung gern an, wenn es darum geht, Goldman Sachs zu verteidigen, schließlich hat er seine gesamte Karriere bei der US-Investmentbank verbracht. Mehr Sorgen als die Verfassung seines Hauses bereitet ihm die Angst seiner Klienten vor der Schuldenkrise.

Morgenpost Online: Herr Gnodde, weltweit ist Goldman die Nummer eins, wenn es um die Beratung bei Fusionen und Übernahmen geht. Nur nicht in Deutschland: Hier ist Goldman in den jüngsten Rankings abgeschlagen auf Platz acht. Sind Sie hier, um die Kollegen auf Kurs zu bringen?

Richard Gnodde: Nein, das Geschäft läuft in Deutschland ausgezeichnet . Ich kann mich also überhaupt nicht beschweren. Das erste Quartal zeichnete sich durch eine Großtransaktion aus – das war der Verkauf der US-Tochter der Deutschen Telekom. Da wir einen Bieter beraten haben, der nicht zum Zug kam, sind wir dieses Mal in der Statistik nicht ganz oben. Die Tabellen geben nicht den Umfang unserer Aktivitäten wider.

Morgenpost Online: In den ersten sechs Monaten boomte der Markt für Übernahmen und große Unternehmenstransaktionen. Geht das so weiter?

Gnodde: Ich würde es nicht als boomenden Markt bezeichnen. Im ersten Quartal gab es einen gewissen Aufholbedarf, weil im ganzen vergangenen Jahr nicht viel passiert ist. Deswegen sehen die Zahlen gut aus. Aber in den vergangenen zwei, drei Monaten ist die Unsicherheit zurückgekommen. Die Hauptgründe dafür sind die europäische Schuldenkrise und die Diskussionen um die Schuldengrenze in den USA. Das verunsichert die Vorstände.

Morgenpost Online: Aber die Unternehmen sitzen auf vollen Kassen . Das sollte doch ein Grund sein.

Gnodde: Ja, das stimmt. Die meisten haben die Krise genutzt, um sich besser aufzustellen. Viele haben Barreserven angesammelt. Eigentlich könnten sie jetzt ihre strategischen Ziele verfolgen. Trotzdem ist der Risikoappetit etwas gesunken. Denn strategische Pläne geht man nur dann gern an, wenn es Rückenwind gibt. Und der ist im Moment nicht zu spüren.

Morgenpost Online: Ist Siemens da typisch? Das Management hat sogar schon Übernahmen in Aussicht gestellt, aber vorangekommen ist es noch nicht.

Gnodde: Das betrifft nicht spezifisch Siemens, es geht vielen Unternehmen so. Für alle gilt: Entweder es gibt Transaktionen, oder die Aktionäre werden irgendwann Aktienrückkäufe oder höhere Dividenden fordern.

Morgenpost Online: Das heißt, es gibt jede Menge Pläne – aber die liegen nun erst mal tief unten in der Schublade.

Gnodde: Ja, aber es ist erstaunlich, wie schnell in diesen Zeiten die Stimmung umschlägt. Im ersten Quartal war sie noch extrem gut und schon ein Quartal später ist davon nichts mehr zu spüren. Eigentlich verläuft der Markt für Unternehmensübernahmen ja parallel zur Konjunktur. Aber im Moment ist das anders. Die aktuelle Unsicherheit ist Gift fürs Geschäft. Vorstände müssen sich in einer komfortablen Lage wissen, wenn sie große Projekte starten. Sie müssen ihrem Aufsichtsrat erklären, welche Gewinne das Unternehmen liefern kann, das sie zukaufen wollen. In unsicheren Zeiten sind Prognosen deshalb schwierig.

Morgenpost Online: Deutschland spielt in Europa eine Sonderrolle und ist zur Wachstumslokomotive geworden. Ist nicht zumindest hier mehr Optimismus zu spüren?

Gnodde: Nicht wirklich, weil die Unternehmen sehr global agieren. Allerdings ist richtig, dass Deutschland in den vergangenen Jahren für Investmentbanken immer attraktiver geworden ist. Deshalb ist und bleibt es einer unserer Kernmärkte.

Morgenpost Online: Nichtsdestotrotz ist Deutschland ein gesättigter Markt. China müsste doch inzwischen weitaus bedeutender sein.

Gnodde: Wenn es um Wachstumsraten geht, haben die Schwellenländer sicherlich die Nase vorn. Auf der anderen Seite ist Deutschland in absoluten Zahlen nach den USA einer der wichtigsten Motoren mit Blick auf Erträge und Gewinn. Es würde überhaupt keinen Sinn machen, das Geschäft zu vernachlässigen. Hier verdienen wir das Geld, das wir in Asien oder Brasilien in den Aufbau unseres Geschäfts investieren. Und das wird noch eine lange Zeit so bleiben.

Morgenpost Online: Ausländische Investmentbanken haben sich hier in Deutschland über viele Jahre auf nicht einmal 100 Unternehmen konzentriert. Gilt das für Sie nicht mehr?

Gnodde: Wie viele Klienten wir genau haben, das ist unser Geschäftsgeheimnis. Aber wie Sie allein an den Transaktionen sehen können, an denen wir beteiligt sind, reden wir hier über einige hundert Firmen. Die großen Familienunternehmen beispielsweise sind längst für uns eine sehr interessante Gruppe von Klienten. Daran können Sie erkennen, dass wir auch in Deutschland ständig weiter investieren. Ich hatte ja eingangs gesagt, dass wir sehr gut unterwegs sind, was die Zahl der Transaktionen angeht.

Morgenpost Online: Kleinvieh macht für Goldman Sachs also auch Mist?

Gnodde: Immer schon. Sie dürfen nicht die Maßstäbe verlieren. Eine Übernahme im Wert von einer Milliarde Euro galt vor zehn Jahren als ein ziemlich gutes Geschäft. Und das ist es heute auch noch. Wir haben inzwischen den Apparat, um eine große Zahl von Übernahmen parallel auszuführen, weil wir die Abläufe sehr gut im Griff haben – ohne dass die Beratung darunter leiden würde.

Morgenpost Online: Das Geschäft in China ist da etwas schwieriger. Erwartungen haben sich bisher nicht erfüllt, wenn man an die mageren Gewinnmargen denkt, die in China zu holen sind.

Gnodde: Niemand erwartet, dass man bereits in den ersten Jahren große Gewinne erzielt. Auch in Europa haben wir lange Zeit sehr viel investieren müssen, um unser Geschäft gut aufzustellen. Das ist auch gerade erst einmal 20 Jahre her. Jetzt ist Deutschland für uns ein sehr profitabler Markt. Ich denke, die gleiche Perspektive bietet sich auch in China.

Morgenpost Online: Wo verbringen Sie denn inzwischen die meiste Zeit? In Asien?

Gnodde: Ich würde sagen zu 60 Prozent bin ich in Europa, 30 Prozent in Asien und 10 Prozent in den USA.

Morgenpost Online: Der Anteil der Einnahmen aus der Fusions- und Übernahmeberatung wird bei Goldman Sachs immer geringer, der Handel immer stärker. Wird es da nicht auch immer schwieriger, die besten Leute für Ihren Geschäftsbereich zu gewinnen?

Gnodde: Nein, das M&A-Geschäft ist und bleibt unsere Kernkompetenz, weil es strategische Bedeutung hat, indem es uns ermöglicht, weitere Dienstleistungen der Bank für unsere Klienten zu erbringen. Wenn man den Vorstandsvorsitzenden eines Unternehmens berät, ist man am Puls des Unternehmens. Und das ist wichtig für alle anderen Geschäftsbereiche.

Morgenpost Online: Diese Antwort hören wir seit Jahren. Aber das große Geld wird doch inzwischen im Handel verdient.

Gnodde: Aber das heißt doch nicht, dass man eine Karriere immer nur in einem Silo machen muss. Wir haben unseren Nachwuchskräften eine unglaubliche Bandbreite an interessanten Aufgaben zu bieten. Und sie tun gut daran, diese Vielfalt zu nutzen.

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