Expansionskurs

Siemens sucht noch tausende neue Mitarbeiter

Einige Fehlschläge haben den Gewinn bei Siemens einbrechen lassen. Konzernchef Löscher ist alles andere als entmutigt – er hat große Ziele.

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Ihre Konzerne bewegen sich in einem ganz ähnlichen Umfeld, und trotzdem beurteilen Jeff Immelt und Peter Löscher die Zukunft ihrer Geschäfte völlig unterschiedlich: „Wir sind sehr optimistisch für unsere Wachstumsaussichten in der zweiten Jahreshälfte und darüber hinaus“, hatte Immelt, Chef des US-Konzerns General Electric (GE), bei der Präsentation der GE-Halbjahreszahlen vor einer Woche gesagt.

Das war amerikanische Zukunfts- und Selbstgewissheit. „Die Weltwirtschaft wächst weiterhin, aber ihr Schwung lässt nach“, warnte hingegen Siemens-Chef Löscher. „Unsere Märkte sind zwar weiter robust, aber die Risiken des weltwirtschaftlichen Umfelds nehmen derzeit eher zu.“

Der österreichische Manager, der den Münchner Konzern zuletzt von einem Rekord zum nächsten führte und Siemens schon „auf Augenhöhe“ mit dem ewigen Vorbild GE gesehen hatte, stellte eher durchwachsene Zahlen für das dritte Geschäftsquartal (April bis Juni) vor. Einige Fehlschläge ließen den Gewinn deutlich einbrechen. Da kostete zum Beispiel der Ausstieg aus dem Atom-Joint-Venture mit dem französischen Areva-Konzern 682 Millionen Euro zuzüglich Zinsen. Die Einsicht, dass man mit der Partikeltherapie – einer besonderen Form der Bestrahlung von Tumoren – auf absehbare Zeit kein Geld verdienen kann, schlug mit Rückstellungen von 381 Millionen Euro zu Buche.

Und die bereits verkaufte IT-Sparte SIS kostete den Konzern noch einmal 350 Millionen Euro. Unterm Strich blieben so nur noch 501 Millionen Euro Gewinn übrig. Im selben Quartal des Vorjahres hatte Siemens noch 1,4 Milliarden Euro verdient. Dennoch hielt Löscher an seinen Jahreszielen fest, die da lauten: Der Umsatz aus fortgeführten Aktivitäten, der 2010 bei 69 Milliarden Euro lag, wird um circa fünf Prozent wachsen.

Das Ergebnis aus fortgeführten Aktivitäten wird sich auf mindestens 7,5 Milliarden Euro (2010: 4,3 Milliarden Euro) belaufen. Die Millionen für Areva sowie „weitere Effekte, die sich aus rechtlichen oder regulatorischen Themen ergeben können“, sind allerdings aus dieser Ergebnisrechnung ausgenommen. Löscher wird nicht müde zu betonen, dass Siemens sehr gut aufgestellt sei.

Mit einem Auftragsbuch von 96 Milliarden Euro ist der Konzern tatsächlich hervorragend ausgelastet. Der Auftragseingang legte von April bis Juni um ein Fünftel auf 22,9 Milliarden Euro zu. Ohne den Großauftrag der Deutschen Bahn für die neue Zuggeneration ICx, der in diesem Quartal mit 3,7 Milliarden Euro einfloss, wäre er jedoch nur auf dem Niveau des Vorjahrsquartals gewesen. Der Konzernumsatz stieg im dritten Quartal nur um zwei Prozent auf 17,8 Milliarden Euro – eine Wachstumsrate, die auf Dauer zu niedrig ist. Daher rief Löscher ein mittelfristiges Umsatzziel aus: 100 Milliarden Euro will Siemens erlösen.

Löscher stellt Fünf-Punkte-Plan vor

Die Zahl sei nicht werbewirksam aus der Luft gegriffen, sondern in den strategischen Plänen bei Siemens zu finden, sagte Löscher. Bis wann genau sie erreicht werden soll, wollte er nicht verraten, wobei mit „mittelfristig“ gewöhnlich ein Zeitraum von drei bis fünf Jahren gemeint ist. In einem Fünf-Punkte-Plan stellte der Siemens-Chef vor, wo er Wachstumschancen sieht. Erstens sei das Potenzial in den Schwellenländern noch nicht ausgereizt. Er werde dort den Vertrieb stärken und zunehmend auch maßgeschneiderte Produkte für diese Märkte entwickeln lassen.

Zweitens lasse das Umweltportfolio Platz für Steigerungen. Da allerdings schwächelt Siemens bei den erneuerbaren Energien. Gerade das Geschäft mit der Solarenergie, einst als Hoffnungsträger bewertet, schreibt weiter rote Zahlen. Drittens könnte Siemens auf Technologie getriebenen Märkten punkten wie etwa bei intelligenten IT-Lösungen für Städte, so Löscher.

Viertens müsse Siemens stärker werden bei dem margenstarken Geschäft mit Dienstleistungen. Und fünftens werde der neue Sektor „Infrastruktur & Städte“ für zusätzliche Einnahmen sorgen – in dieser Sparte will Siemens Städten Komplettlösungen anbieten vom Kraftwerk über intelligente Stromnetze bis zur U-Bahn und zum Computertomographen für Krankenhäuser.

Dass Löscher, dessen Vertrag gerade bis 2017 verlängert wurde , an langfristiges Wachstum glaubt, macht seine Personalpolitik deutlich. Aktuell arbeiten im Konzern 353.000 Beschäftigte, 15.700 mehr als noch vor einem Jahr. Alleine in Deutschland wurden 4500 neue Mitarbeiter eingestellt. Dennoch ist Siemens weiter auf der Suche nach Personal. Alleine in Deutschland sind 3800 Stellen offen.

Zu einer Wackelpartie könnte der angestrebte Börsengang der Lichttochter Osram werden. Siemens will eigentlich mit dem Verkauf der Aktienmehrheit rund drei Milliarden Euro einnehmen, aber als Großaktionär mit an Bord bleiben. Doch das Geschäft bei dem Traditionsunternehmen läuft nicht mehr rund. So stagnierte der Umsatz im dritten Quartal bei 1,16 Milliarden Euro. Der Gewinn schrumpfte gar von 118 auf 61 Millionen Euro.

Nach den katastrophalen Zahlen, die Konkurrent Philips neulich präsentieren musste, stellt sich die Frage, ob nicht der Boom der Lichtbranche schon wieder vorüber ist. Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser machte deutlich, dass er nicht um jeden Preis an einem Börsengang festhalten werde: Sollte die Beleuchtungsbranche in eine Krise schlittern, müsste man das „Timing noch mal überprüfen“. Bislang gilt aber, dass der Gang an die Börse zwischen Oktober und Dezember geplant ist. Die Vorbereitungen dafür laufen weiter auf Hochtouren.