Neue Strategie

Karstadt setzt auf schickere Häuser und weniger Ware

Karstadt-Chef Jennings hat Mitarbeitern die Sanierungspläne vorgestellt. Jedes zweite Warenhaus wird modernisiert und das Sortiment wird gestrafft.

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Karstadt will innerhalb der kommenden vier Jahre zahlreiche seiner Warenhäuser sanieren und die Zahl seiner Artikel deutlich reduzieren. Nach Informationen vom Morgenpost Online kündigte der neue Chef Andrew Jennings vor Mitarbeitern der Hauptverwaltung in Essen an, dass etwa die Hälfte seiner Häuser bis 2015 modernisiert werden sollen. Karstadt betreibt 86 Warenhäuser und 26 Sporthäuser. Stellenabbau ist offenbar nicht vorgesehen.

Jennings und seine führenden Mitarbeiter stellten am Freitag in Essen erstmals den Beschäftigten das lange erwartete Konzept „Karstadt 2015“ vor. Tags zuvor hatte der Chef dem Aufsichtsrat seine Pläne unterbreitet . Weitere Mitarbeiterinformationen soll es in den kommenden Tagen geben. Das Unternehmen selbst gab abermals keine Stellungnahme zum Inhalt des Konzepts ab.

Aus dem Umfeld aber verlautete, dass sich die Strategie weitgehend an Jennings' Bulletin anlehnt, das er im März an die Führungskräfte geschickt hatte. Darin hatte er die „Vision“ von Eigentümer Nicolas Berggruen zitiert, „dass Karstadt wieder zum Leben erwacht und ein führender Einzelhändler auf dem deutschen Markt wird“, der ein dynamisches Einkaufserlebnis“ schaffe, „das auf der Höhe der Zeit und für die modernen Kunden attraktiv ist“.

Demnach soll sich Karstadt stärker auf den Kunden ausrichten, mehr Eigenmarken, aber auch attraktive Industriemarken anbieten, sowie online aktiver werden. Die Mitarbeiter sollen besser geschult und motiviert werden, indem sie stärker an Umsatzzuwächsen etwa ihrer Abteilungen beteiligt werden. Dafür sollen sie aber auch einen flexibleren Arbeitseinsatz akzeptieren – abhängig vom Kundenansturm.

Teilnehmer berichten von einem sehr detailliert ausgearbeiteten Plan des Managements, von einer „Fleißarbeit“, die jedoch wenig Neues gebracht habe. „Das ist ein auf vier Jahre angelegtes Programm der kleinen Schritte“, hieß es. Seit seinem Amtsantritt im Januar hatte Jennings, der frühere Chef von Woolworths Südafrika, an dem Papier gearbeitet. Ihn hatte der amerikanisch-deutsche Investor Berggruen engagiert, der die Warenhauskette im Oktober 2010 übernommen und aus der Insolvenz geholt hatte. Seither warteten Mitarbeiter, Geschäftspartner und Öffentlichkeit auf die neue Strategie.

„Alles, was wir gehört haben, halten wir für machbar“, sagte der Betriebsratsvorsitzende der Hauptverwaltung, Arno Leder, nach der Veranstaltung „Der Kunde steht im Mittelpunkt“. Es habe bei der Präsentation „sehr viel Applaus gegeben“. Nach Informationen von „Morgenpost Online“ hingegen war die Reaktion der Mitarbeiter eher zurückhaltend, weil positive Überraschungen gefehlt hätten. Viele der vorgestellten Ideen hätten schon frühere Vorstände gehabt, aber nie konsequent umgesetzt, war zu hören. Jennings begrüßte die Mitarbeiter bei der rund einstündigen Veranstaltung in Essen auf Deutsch, präsentierte dann die wesentliche Elemente seines Planes auf Englisch und ließ sie übersetzen. Anschließend wurden Fragen zugelassen.

Dringend überfällig scheint Beobachtern die nun von Jennings angekündigte Sanierung von rund 66 Häusern. Eine Aussage, nach der Eigentümer Berggruen dafür Geld zur Verfügung stellt, gibt es bisher allerdings nicht. Beobachter erwarten deshalb, dass Karstadt das notwendige Geld für die Sanierung aus dem eigenen Cashflow nehmen, also selber erwirtschaften muss. Für ein grundlegendes Sanierungsprogramm in der angekündigten Größenordnung veranschlagen Marktkenner eine Summe von mehr als einer Milliarden Euro – und sie bezweifeln, dass das zu stemmen ist.

Jennings Plan, die Anzahl der Artikel von bisher zwei Mio. radikal zu reduzieren, ergibt nach Ansicht von Marktkennern unter Komplexitäts- und damit Kostenaspekten durchaus Sinn. Allerdings birgt die notwendige Auswahl auch das Risiko, die falschen Produkte aus dem Sortiment zu nehmen. Grundsätzlich wird die Bereitschaft zu klaren Entscheidungen beim Sortiment jedoch begrüßt. Denn genau dazu hatte sich das Management in der Vergangenheit zu selten entschließen können.

Auch deshalb hatte Karstadt Profil verloren. Der Kunde wusste nicht mehr, wofür die Marke eigentlich stand. Der durch das Verschlankungsprogramm nötig werdende Ausverkauf jener Produkte, die keine Zukunft bei Karstadt mehr haben, dürfte für das Unternehmen allerdings sehr teuer werden. Mit Millionen-Belastungen ist zu rechnen. Die Umsatzrückgänge dürften sich schmerzhaft verstärken. Zudem kündigte Jennings an, die freien Stellen des Vertriebs- und des Personalchefs bald besetzen zu wollen.

Manchem Beobachter scheint Jennings Strategietitel „Karstadt 2015“ arg langfristig gewählt – womöglich, um Mitarbeiter und Geschäftspartner zu beruhigen. Denn schon im Herbst 2012 wird es finanziell wieder kritisch. Dann nämlich muss Karstadt seinen 24.000 Mitarbeitern bis zu 50 Mio. Euro pro Jahr mehr zahlen, weil der Sanierungstarifvertrag ausläuft. Darin hatten die Mitarbeiter für drei Jahre auf 115 Mio. Euro Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet, um das Unternehmen zu retten. Inzwischen hat es Lohnerhöhungen gegeben, die den Konzern zusätzlich belasten.

Doch das ist noch nicht alles: Für 2014 hat Berggruen den Vermietern der Warenhäuser Mietsteigerungen in Millionenhöhe zugesagt. Damit soll ein Teil der Miet-Rabatte wieder ausgeglichen werden, die Berggruen Eigentümern wie Highstreet im Übernahmekampf 2010 abgerungen hatte. Inzwischen hat der Fonds Highstreet zahlreiche Karstadt-Immobilien weiterverkauft. Ob Karstadt mit dem neuen Konzept genug Geld einspielen kann, um all diesen finanziellen Forderungen nachzukommen, gilt in der Branche als höchst unsicher.