Peter Löscher

Was den Siemens-Chef mit Lionel Messi verbindet

Ein Österreicher hat den Siemens-Konzern so stark verändert wie kaum einer zuvor. Vorstandschef Peter Löscher darf weiter Tempo machen.

Foto: AFP

Einer wie Lionel Messi fasziniert ihn. Peter Löscher, Vorstandschef des größten deutschen Industriekonzerns Siemens, und Lionel Messi, argentinischer Fußballstar des FC Barcelona, könnten unterschiedlicher nicht sein. Fast zwei Meter groß ist Löscher, Sohn eines Skiliftbesitzers aus dem österreichischen Villach. Messi, der Floh aus dem argentinischen Rosario misst hingegen nicht einmal 170 Zentimeter. Eines aber verbindet die beiden Barca-Fans: ihre Liebe zum temporeichen Spiel.

Seit vier Jahren ist Löscher Vorstandschef bei Siemens. Doch in dieser relativ kurzen Zeit hat der 53-Jährige den Konzern schon so stark umgebaut wie kaum einer vor ihm. So konzentrierte er Siemens auf drei Geschäftsfelder – Industrie, Energie und Gesundheit – und stieß alles ab, was nicht mehr dazu passte. Unter seiner Leitung wurde Siemens zudem zum Infrastrukturkonzern, der vor allem staatliche Stellen als Kunden hat und nicht mehr private Haushalte wie noch zu Zeiten, als das Unternehmen noch für Tischcomputer und Telefone bekannt war.

Was er noch nicht geschafft hat, ist Siemens auf Wachstumskurs zu bringen. Der Umsatz stagniert seit Jahren. Auch einige Baustellen wie die Probleme in der Gesundheitssparte oder im Geschäft mit den Erneuerbaren Energien muss Löscher angehen. „Hier muss er liefern“, sagt ein Aufsichtsrat – und dafür bekommt der Österreicher nun Zeit: Der Aufsichtsrat verlängerte Löschers Vertrag um fünf Jahre bis 2017. Schon jetzt hat Löscher Siemens aber eine neue Geschwindigkeit verpasst. Das bestätigen Vertraute, die ihn in den vergangenen vier Jahren begleitet haben.

„Du kannst Fehler machen“, sagt einer aus dem Umfeld über ihn. „Eines duldet er aber nicht: Trödelei bei Entscheidungen.“ Dem altehrwürdigen Elektrokonzern tut das neue Tempo gut: Siemens ist schneller geworden, auch weil die Welt schneller geworden ist. Löschers Credo lautet: In einer globalisierten Welt kann man sich Zögerlichkeit nicht mehr erlauben.

Schließlich ist die Konkurrenz aus aufstrebenden Wirtschaftsnationen wie China längst dabei, in die Lücken vorzudringen, die die Etablierten lassen. Löscher weiß das auch aus eigener Anschauung: Rund die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringe er bei Kunden in aller Welt, berichtet er gerne.

Er war in Sao Paulo, Moskau, Mumbai, Shanghai – den wichtigsten Städten der boomenden BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China, die sich so rasant verändern. Und seine Impressionen schildert Löscher seinen Mitarbeitern ausführlich. Schließlich sind das die Märkte, von denen sich der Konzernchef das Wachstum der Zukunft verspricht.

Schwellenländer werden wichtiger

Das verdeutlichen zwei Vergleiche: 2005 machte Siemens 20 Prozent seines Umsatzes in diesen sogenannten Schwellenländern. Heute sind es schon 30 Prozent. 2005 arbeiteten dort 17 Prozent aller Siemensianer. Heute sind es 25 Prozent. Siemens sei unter ihm „internationaler“ geworden, heißt es im Unternehmen. Die einen bewundern, die anderen fürchten das. So ist immer wieder von Betriebsräten zu hören, Löscher vergesse über seiner globalen Strategie Deutschland. Man sehe die Gefahr, dass Siemens seine Wurzeln kappe.

Löschers Streben in Richtung Asien, wo die Wachstumsraten hoch sind, hat auch mit seiner Vita zu tun. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die im Hause Siemens groß wurden, führte ihn seine Laufbahn erst einmal durch die internationale Firmenwelt. Zum Studium verschlug es den Mann aus Kärnten nach Wien und Hongkong. Er arbeitete in Spanien, Japan, Großbritannien und den USA bei Großkonzernen wie Hoechst, Amersham, General Electric und Merck.

Löscher agiere nach dem „CEO-Prinzip“, sagen Arbeitnehmervertreter. Will heißen: Der Chef (Chief Executive Officer oder CEO) trifft die Entscheidungen. Bei Siemens früher hätten sich doch viele Manager hinter einer „kollektiven Verantwortung“ zu verschanzen gewusst. „Löscher will das verhindern. Jedenfalls fragt er nach den direkt Verantwortlichen und sucht nicht nach Schuldigen in der dritten oder vierten Reihe“, heißt es im Unternehmen.

Die Siemens-Affäre war so ein Fall des kollektiven Abtauchens. Sie erst ebnete Löscher zum ersten Mal den Weg an die Spitze eines Konzerns. Denn bei seinen früheren Arbeitgebern hatte er nie ganz oben gestanden. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme wollte aber angesichts der Korruptionsaffäre unbedingt jemanden von außen, um einen Neuanfang zu markieren, und so stieß er auf Löscher.

Über Jahre hatten Siemens-Mitarbeiter vorher weltweit systematisch Schmiergelder gezahlt, um an Aufträge zu kommen. Durch das System der schwarzen Kassen wurden dubiose Zahlungen von 1,3 Milliarden Euro geschleust. Der Skandal hat Siemens mehr als 2,5 Milliarden Euro gekostet. Heute ist die Affäre weitgehend aufgearbeitet, zahlreiche Vorstände mussten gehen.

Und Löscher hat daran seinen Anteil. Seit seinem Amtsantritt 2007 drückte der Weltenbummler Siemens seinen Stempel auf. Als er schon nach kurzer Zeit im Amt sagte, Siemens sei „zu weiß, zu deutsch, zu männlich“, war das interne Gemaule groß. Auch als er dann konsequenterweise erstmals in der Firmengeschichte zwei Frauen in den Vorstand beorderte, stieß das nicht nur auf Gegenliebe. Und als er zudem das mittlere Management als „Lehmschicht“ bezeichnete, schüttelte so mancher bei Siemens nur noch den Kopf über den Neuen. Löscher ist jedoch clever genug, sich trotz seines „CEO-Prinzips“ bei unpopulären Entscheidungen abzusichern.

So unterhält er einen exzellenten Draht zu IG-Metall-Chef Berthold Huber, der auch noch im Siemens-Aufsichtsrat sitzt, und zu den Arbeitnehmervertretern. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Abbau von 17.000 Stellen in Vertrieb und Verwaltung für relativ wenig Aufruhr sorgte. Auch bei Ausgliederungen wie bei der IT-Sparte SIS oder seinem Plan, die Lichttochter Osram an die Börse zu bringen, bezog er die Betriebsräte mit ein.

In einem Beschäftigungspakt verzichtet der Konzern im Gegenzug unbefristet auf betriebsbedingte Kündigungen. Huber und Löscher schätzen einander, seit sie 2008 bei Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammensaßen. Die Finanzkrise tobte, Millionen von Jobs schienen in Gefahr. Da schlug Huber vor, die Kurzarbeiterregelung zu verlängern, um eine Entlassungswelle zu verhindern – und in Löscher fand er den ersten mächtigen Mitstreiter aus der Industrie.

Löscher wird zum mächtigen Mitspieler

Doch in den vier Jahren an der Spitze hat sich auch Löscher selbst verändert. Wirkte er zu Beginn seiner Amtszeit noch geradezu schüchtern, ist heute ein mächtiger Mitspieler in der Deutschland AG - dem informellen Netzwerk der Konzernchefs. „Er hat an seinem Auftritt gearbeitet und inszeniert sich mehr als früher“, heißt es in seinem Umfeld. Löscher fährt dann schon mal auf die Zugspitze, um mit Rosi Mittermaier und einer Schar von Journalisten abzuschwingen.

Nichts überlässt er dem Zufall. So muss es für sein Foto-Portfolio schon Starfotograf Jim Rakete sein, der ihn einen Tag lang in München begleitet. Er wird beachtet, wenn er sich in großformatigen Zeitungsanzeigen für den Erhalt des Euro stark macht. Und das liegt nicht nur an wohl inszenierten Auftritten – Löscher hat Siemens in den letzten Jahren von Grund auf umgestaltet.

Die Blaupause dafür schrieb noch sein Vorgänger Klaus Kleinfeld, der den Konzern auf die Megatrends wie Urbanisierung, demografischer Wandel und Nachhaltigkeit ausrichtete. Doch Löscher führte diese Ideen konsequent fort: Siemens ist heute ein Infrastrukturkonzern, der mit dem Endkunden so gut wie nichts mehr zu tun hat.

Siemens baut keine Telefone, keine Handys, keine Computer, bald auch keine Lampen mehr. Den Schriftzug Siemens findet man in Haushalten höchstens noch bei Produkten des Gemeinschaftsunternehmens Bosch Siemens Hausgeräte. Dafür fertigt der Konzern nun Windräder, Gasturbinen, Züge, Computertomographen, Gepäckförderbänder für Flughäfen, Stromleitungen. Entscheidend sind heute staatliche oder halbstaatliche Kunden und nicht mehr der private Haushalt – eine Ausrichtung, die bei der immensen Verschuldung von Staaten und eingedampften Konjunkturprogrammen nicht ohne Risiko ist.

Kein Wunder, dass Löscher Politiker weltweit wie Russlands Premier Wladimir Putin oder den chinesischen Premier Wen Jiabao mit großem Elan umgarnt. Bislang ging die Rechnung auf. Siemens lieferte unter ihm ein Rekordergebnis nach dem anderen ab. Siemens heute ist profitabler als früher. „Auf Augenhöhe mit General Electric“, ist dafür die im Haus gebräuchliche Formel.

Der Konkurrent aus den USA galt lange als unerreichtes Vorbild. Am Donnerstag warten Löscher und sein Finanzvorstand Joe Kaeser mit den Zahlen für das dritte Quartal auf. Die zeigen vor allem eines: Die Wachstumsdynamik lässt nach. Der Umsatz stagniert, der Auftragseingang steigt zwar, aber vor allem dank einer einzigen Megabestellung für die Deutsche Bahn. Und der Gewinn wird zu einem großen Teil aufgefressen von einer Strafe über 648 Millionen Euro, die Siemens nach einem verlorenen Rechtsstreit an den französischen Atomkonzern Areva bezahlen musste.

Wie lange geht es Siemens noch gut?

Siemens geht es noch gut, aber wie lange noch? Beispiel Medizintechnik: Auf das Diagnostikgeschäft – die erste große Akquisition unter Löscher – musste Siemens 1,2 Milliarden Euro abschreiben. Richtig teuer wird auch die sogenannte Partikeltherapie, eine Bestrahlungsmethode zur Krebsbekämpfung. 291 Millionen Euro mussten dafür schon zurückgestellt werden, nun kommen wohl noch Abschreibungen jenseits der 350 Millionen Euro hinzu. Die Technologie ist nicht wirtschaftlich.

Zweites Beispiel sind die alternativen Energien: Siemens ist zwar als Windanlagenbauer im Offshore-Geschäft , also auf offener See, inzwischen weltweit eine Macht. Doch die Konkurrenz nimmt zu. Richtig mau entwickelt sich das Solargeschäft. Siemens übernahm 2009 für fast 300 Millionen Euro den israelischen Solarthermie-Spezialisten Solel. Doch inzwischen wird sogar im Hause über die ausbleibenden Großaufträge bei der Sonnenkraft gespottet.

Und in Sachen Kernenergie schlug Siemens einige teure Haken: 2009 verließ der Konzern das Joint Venture mit Areva, um stattdessen mit dem russischen Atomunternehmen Rosatom zu kooperieren. Der überhastete Ausstieg kostete die Münchner mehr als 700 Millionen Euro. Auf den Einstieg bei den Russen verzichtet man nun aber, da seit Fukushima Atomkraft nicht mehr als akzeptabel gilt.

Nachdem Löscher Siemens entrümpelt hat, bleibt ihm ein Konzern, der gerade einmal auf 70 Milliarden Euro Umsatz kommt. Da sieht auch der Mann an der Spitze Handlungsbedarf. 100 Milliarden Euro sei die Marke, die es mittelfristig zu überspringen gelte. Das ist die Zielgröße, an der Siemens sich ausrichtet. Also wird Siemens jetzt noch einmal umgebaut.

Zu den Sektoren Industrie, Energie und Gesundheit gesellt sich als viertes der Bereich „Infrastruktur & Städte“ hinzu. Die Idee: Siemens will Millionenstädten Lösungen aus einer Hand anbieten. So genannte City Manager sollen den Rathäusern vom Gaskraftwerk vor den Toren der Stadt über intelligente Stromnetze, U-Bahnen und Krankenhaus-Ausstattung Siemens-Lösungen gebündelt offerieren. Die neue Sparte soll 21 Milliarden Euro Umsatz machen und 81.000 Mitarbeitern bekommen.

Noch ist jedoch unklar, wie der neue Sektor genug Umsatz erzielen soll. Die Produkte gab es auch vorher schon bei Siemens, und die Bereiche, die „Infrastruktur & Städte“ zugeschlagen wurden, erwirtschaften nur einstellige Margen. „Da muss dauerhaft mehr kommen. Man darf gespannt sein, ob dafür die Geduld des Kapitalmarkts ausreicht“, sagt ein Aufsichtsrat.

Zwar ließe sich zusätzlicher Umsatz, den Siemens dringend benötigt, auch durch Zukäufe generieren. Da steht allerdings zurzeit nichts richtig Großes an. Eher sucht Siemens nach kleineren Unternehmen etwa in Bereichen wie Umwelttechnik und Industrieautomatisierung. Dabei hat Siemens 15 Milliarden Euro auf der hohen Kante, also genug, um richtig zuzuschlagen.

Doch Löscher ist vorsichtig. An einer Antwort auf die 100-Milliarden-Euro-Frage kommt der Mann mit den buschigen Augenbrauen und den blauen Augen jedenfalls nicht umhin. „Das Geschäft läuft insgesamt sehr gut. Seine nächste Aufgabe besteht nun darin, Siemens auf einen stetigen Wachstumskurs führen“, umreißt ein Aufsichtsrat die Anforderung für die zweite Amtszeit. Die Ära Löscher dauert erst einmal bis 2017. Dann wäre er 59. Er könnte sich auch vorstellen, wie er einmal sagte, auch bei Siemens in Rente zu gehen.