"I love Pepinos"

Spanien solidarisiert sich mit seiner Gurke

Spanien nimmt Deutschland die EHEC-Warnung vor seinem Gemüse übel: Die hierzulande verschmähte Gurke hat dort Kultstatus erreicht.

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Bis zum Ausbruch der EHEC-Krise war die spanische Gurke des Deutschen liebstes Gemüse. Täglich rollten Lkw mit Gurkenladungen aus den andalusischen Gewächshäusern von Almería oder Málaga aus über die A7 Richtung Osten.

Die Exporte stoppten abrupt, als die spanische Gurke in den Verdacht geriet, den EHEC-Erreger zu verbreiten. Nun hat das Robert-Koch-Institut die Krankheitswelle mit 50 Toten in Deutschland für beendet erklärt. Seit dem 4. Juli sei kein neuer Erkrankungsfall bekanntgeworden.

Alles beim Alten? Nicht für die spanische Gurkenindustrie. Trotz ihrer nachgewiesenen Unschuld an der Epidemie hat es die spanische Gurke nicht zurück in die deutschen Regale geschafft, klagen die Produzenten. Das wollen sie sich nicht länger gefallen lassen. Mit dem Schlachtruf „I love Pepinos“ – „Ich liebe Gurken“– wirbt Spanien für das in Ungnade gefallenes Gemüse , inzwischen ein nationales Symbol für den trotzigen Widerstand gegen Deutschland und Europa.

Zunächst war die Kampagne von höchster Stelle verordnet: Spaniens Agrarministerin Rosa Alguila hatte zur Solidarität mit den andalusischen Gemüsebauern aufgerufen. Mittlerweile aber hat sich das ganze Land einer patriotischen Gurkendiät unterzogen: Gazpacho-Rezepte werden in TV-Runden ausgetauscht, Kosmetikhersteller wie Dove bieten neue Sommerserien mit Gurkenextrakten an.

Und jetzt wirbt auch noch der andalusische Traditionsverein FC Sevilla für Gurken. Vergangene Woche präsentierte Klubpräsident José María del Nido die neuen Trikots und hielt der verdutzten Presse den rechten Ärmel der rot-weiß gestreiften Jerseys vor die Kameras.

Zu sehen ist ein Aufnäher mit dem Slogan: „I love Pepinos“, ein rotes Herz und eine grüne Gurke. Mit der Aktion will sich der Klub für die Not leidenden Gurkenbauern einsetzen. Die Kampagne sei eine symbolische Geste „zur Verteidigung der spanischen Gurke aus der Region Murcia und der Levante, nachdem sie diesen Krieg mit Deutschland hatte“, sagt Nido.

In Folge der EHEC-Krise war der spanische Gemüseexport innerhalb von sechs Tagen eingebrochen. Spanische Gurken wurden für sieben bis acht Cent das Stück verramscht oder gleich weggeworfen. „Fast ganz Europa kaufte keine spanischen Produkte mehr. Es gab einen Dominoeffekt für sämtliche Gemüsesorten und Obst“, sagt der Präsident der Gemüse- und Obstexporteure, Fepex Jorge Brotons. Dabei sei Spanien ohne Beweise die Schuld an der Infektion gegeben und die Landwirtschaft irreparabel geschädigt worden.

Auch die Agrarministerin ärgerte sich: „Wir sind enttäuscht von der Art, wie Deutschland mit dieser Krise umgegangen ist.“ Zwar wurde die spanische Gurke am 6. Juni 2011 von der EU offiziell freigesprochen. Doch der Schaden war da schon angerichtet: 16 Millionen Kilo Tomaten, Gurken und Zucchini waren vernichtet.

Allein die andalusischen Gemüsebauern erlitten rund 55,46 Millionen Euro Verluste. Insgesamt fordert Spanien nun 80 Millionen Euro Entschädigung von der EU , obwohl die Schäden mit rund 350 Millionen Euro deutlich höher liegen.

In sozialen Netzwerken nimmt die patriotische Pepino-Kampagne Fahrt auf. „Ich frage mich, was die Deutschen so mit unseren Gurken machen, bevor sie die essen?“, witzelt ein Facebook-Nutzer. Die Proteste reichen dabei von Karikaturen von Kanzlerin Merkel in anzüglichen Gurken-Posen bis hin zum Boykott deutscher Produkte. Anführer der Revolution ist der Pepinator, eine rebellische Gurke mit Dreizack und Sonnenbrille, die sich zur Rache rüstet und den Stinkefinger reckt.

Ein Tüftler entwarf kurzerhand das Spiel „Revenge of the Spanish Cucumber“, die Rache der spanischen Gurke. Darin geht es um eine spanische Gurke, die nach Berlin aufbricht, um ihre gefallenen Brüder zu befreien und die Ehre wieder herzustellen, die vom Bösewicht des Spiels, Angie, befleckt wurde. Die Spieler müssen Millionen von Bratwürsten zerquetschen und so viele Euro wie möglich einsammeln.

Bauern laden Gemüse vor deutschem Konsulat ab

Auch in der realen Welt formiert sich der Widerstand. Wütende Bauern luden etwa in Valencia 300 Tonnen Gemüse vor dem deutschen Konsulat ab. In Madrid entsorgte die Farmerkooperation COAG 40 Tonnen Tomaten, Gurken und Zucchini auf der Plaza de Felipe II.

Und deutsche Discounter wie Aldi oder Lidl werden ebenfalls zur Zielscheibe der Wut. Als Lidl in seinen 530 spanischen Märkten keine einheimischen Gurken mehr anbietet, löst das einen Sturm der Entrüstung aus. In Roquetas del Mar, einem bei deutschen Frührentnern beliebten Überwinterungsort in Andalusien, beschmieren spanische Wutbürger einen Lidl-Markt mit Boykottaufrufen: Hier solle man nicht mehr kaufen, der Markt gehöre Deutschen.

Rund um Roquetas befinden sich Europas größte Gewächshausanlagen, wo Gemüse von Schwarzarbeitern für Billiglöhne angebaut wird. Hier war eine andalusische Firma mit dem EHEC-Erreger in Verruf gebracht worden. Die Region Almería gehört zu den ärmsten Regionen Spaniens – die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 32 Prozent. Nur Landwirtschaft und der Tourismus sind einigermaßen stabile Einnahmequellen. Der Exportstopp hat der wirtschaftlich schwachen Agrarregion weiter geschadet.

Täglich büßten die Bauern sieben bis acht Millionen Euro ein, erklärt die andalusische Provinzregierung. Über 4000 Gemüsebauern wurden in Folge der Gurkenkrise arbeitslos. In Deutschland hält sich das Mitgefühl mit den spanischen Gurkenbauern dennoch in Grenzen.

Auch deutsche Bauern leiden weiter

Der deutsche Handel sei von der Krise selbst getroffen und bekomme von den 210 Millionen Euro, die von der EU an die Landwirte Europas ausgezahlt werden, nichts ab. „Es sind ebenso deutsche wie spanische Bauern betroffen . Jetzt kann man wohl nicht mehr viel gut machen“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Fruchthandelsverbandes (DFHV), Andreas Brügger.

Selbst, wenn die spanische Gurke unschuldig sei, gehe es nicht mehr um Schuldzuweisungen, sondern um das blanke Überleben. Die Fruchthändler ärgere vor allem, dass die deutschen Gemüsehändler nicht entschädigt würden. Leere Lkw-Fahrten, teure Laboruntersuchungen mit negativen Testergebnissen mussten bezahlt und Warenbestände vernichtet werden. „Wir mussten 1 A-Ware in Verbrennungsanlagen schicken“, sagt Brügger.

Warum es die spanischen Gurken es noch nicht zurück in die deutschen Discounter geschafft haben? Das erklärt Andreas Brügger mit der saisonalen Preisentwicklung. Wegen der kürzeren Lieferwege aus den Niederlanden oder Belgien seien die Gurken von dort günstiger als die spanischen. Da nun auch deutsche Gurken reif sind, werden wohl kaum Bestellungen in Almería abgegeben.

Nach wie vor hat der Gemüseabsatz nicht das Volumen aus der Zeit vor dem Ausbruch der EHEC-Epidemie im Mai erreicht, stellt die Bundesvereinigung der Obst-und Gemüse-Erzeuger (BVEO) fest. „Viele Verbraucher sind noch immer vorsichtig“, sagt auch Karl-Erivan Haub, der Chef der Handelskette Tengelmann, zu der unter anderem die Kaiser’s-Supermärkte gehören. Bei Edeka dagegen heißt es, die Gurken-Nachfrage habe sich wieder normalisiert.

Um das voranzutreiben, plant die Regierung nun eine weitere „I love Pepino“-Kampagne. Auf den Flughäfen in Barcelona, Málaga, Teneriffa, Mallorca und Alicante soll ab Donnerstag die Werbetrommel gerührt werden, indem Reisenden auf Deutsch, Englisch und Spanisch die Harmlosigkeit spanischer Gurken erklärt wird. Dazu gibt es Häppchen. Mit spanischen Gurken natürlich.