Ausnahme Chef-Duo

Firmen-Alphatiere wollen lieber allein regieren

Die Deutsche Bank wird künftig wohl von einer Doppelspitze geleitet. Das Modell ist riskant und kommt im Firmenalltag nur selten vor.

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Lange genug hat es gedauert: Über Tage hinweg stritten die Oberen in den Frankfurter Zwillingstürmen der Deutschen Bank mehr oder minder öffentlich darüber, wer dem amtierenden Mann der Spitze, Josef Ackermann, nachfolgen könnte. So endlos wurde gerungen, dass man den Eindruck bekommen konnte, der Aufsichtsrat hätte die Kontrolle über die alles entscheidende Nachfolgefrage verloren.

Doch inzwischen ist der Kampf ausgefochten: Zum heutigen Stand ist sicher, dass künftig gleich zwei Manager Deutschlands größtes Finanzinstitut führen werden – Anshu Jain, der mächtigste Investmentbanker des Unternehmens, und Jürgen Fitschen, der derzeit das Deutschlandgeschäft verantwortet und der – anders als sein indischer Kollege – über glänzende Verbindungen in die deutsche Wirtschaft verfügt.

Zwar haben Führungsduos bei der Deutschen Bank durchaus Tradition – bereits drei Mal wurde das Unternehmen in der Vergangenheit von zwei Co-Chefs geleitet. Experten zufolge hat sich Chefkontrolleur Clemens Börsig dennoch für ein äußerst kompliziertes Führungsmodell entschieden. „Entscheidungsfreiheit kann man nicht teilen“, argumentiert etwa der Personalberater Heiner Thorborg.

„Die eine Hand kann doch nichts tun, ohne dass die andere davon weiß.“ Allein die ständige Pflicht, sich gegenseitig abzustimmen, bringe daher immer wieder Sand ins Getriebe. Der Münchner Wirtschaftsprofessor Manuel René Theisen geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet Doppelspitzen gar als „das erfolgloseste Modell aller Zeiten“: Vorstände seien nun einmal Alphatiere und per se darauf geeicht, ihre Macht zu vergrößern. „Anzunehmen, dass die auf einmal zum Dreamteam werden, wenn sie sich einen Posten teilen sollen, ist weit weg von der Realität.“

Dabei sind die Vorzüge einer geteilten Führung auf den ersten Blick nicht abzustreiten – zumindest theoretisch. „Gerade in unserer immer komplexer werdenden Welt sind Doppelspitzen von Vorteil“, sagt Managementberater Rüdiger Klepsch. Bei schwierigen Entscheidungen etwa sei es hilfreicher denn je, die unterschiedlichen Sichtweisen und Ideen zweier Verantwortungsträger zusammenzubringen.

Führungsduos könnten sehr sinnvoll sein, wenn man sich gegenseitig ergänze, meint der Hamburger Unternehmerberater Markus Baumanns. Allerdings müssten die Rollen sehr deutlich verteilt sein, etwa indem einer sich im Stile des Außenministers vor allem um externe Angelegenheiten kümmere, der andere als sein Gegenstück vornehmlich interne Aufgaben übernehme.

Baumanns warnt jedoch auch vor den Risiken des eigentlich sinnvollen Modells: „Das Ganze funktioniert nur mit Managern, die Teamplayer sind, ihre eigenen Stärken und Schwächen genau kennen und bereit sind, sich entsprechend auch zurückzunehmen und dem anderen den Vortritt zu lassen.“

Leicht ist genau das gerade für viele erfolgreiche Manager zweifellos nicht: Wer die Karriereleiter empor geklettert ist, hat schließlich verinnerlicht, wie wichtig es ist, die Ellenbogen einzusetzen.

Zudem scheint es nicht unbedingt im Naturell des Menschen zu liegen, Macht abzugeben, wenn er denn erst einmal die höchsten Sphären erklommen hat: Nicht umsonst gibt es in der Geschichte des Abendlandes kaum ein Beispiel dafür, dass ein König, ein Kaiser oder auch ein Regierungschef seine Macht geteilt und zusammen mit gleichberechtigten Co-Chefs agiert hätte.

Wie schwer es ist, Alphatiere an den Konzernspitzen auf geteilte Positionen zu setzen , zeigt auch die geringe Halbwertszeit von Doppelspitzen: Bei der Citigroup etwa hielten sich John Reed und Sandy Weill gerade mal zwei Jahre als Co-Chefs, bei der Credit Suisse brachten es John Mack und Oswald Grübel auf anderthalb Jahre.

Auch das dritte Spitzenduo in der Historie der Deutschen Bank funktionierte nur leidlich: Ab 1985 sollte Alfred Herrhausen zusammen mit Wilhelm Christians die Geschäfte leiten. Doch Herrhausen nahm seinen Partner von Anfang an nicht ganz ernst, hätte lieber alleine regiert. Was er auch tat, als Christians drei Jahre später altersbedingt den Vorstand verließ.

Wohl auch aufgrund des fehlenden Erfolgsnachweises sind Doppelspitzen daher bis heute in weiten Teilen der Wirtschaft rar gesät. Innerhalb der Dax-Riege etwa ist derzeit allein bei dem Softwarekonzern SAP ein Führungsduo am Ruder.

Bei Start-ups sind geteilte Chefposten verbreitet

Darüber hinaus sind geteilte Führungsstrukturen vor allem in den Gründungsphasen von Unternehmen verbreitet, etwa bei Start-Ups, die so die Risiken auf mehreren Schultern verteilen. Zudem wählen Werbeagenturen des öfteren das Duopol, wie etwa die bekannte Hamburger Agentur Jung von Matt. Ziel ist es, auf diese Weise das kreative Talent und den gewieften Vermarkter gleich an der Spitze zu vereinigen.

Eine Ausnahme bilden Familienunternehmen, die allein historisch bedingt oft mit Doppelspitzen wirtschaften müssen – etwa weil, wie bei dem Haushaltsgerätekonzern Miele, seit Generationen zwei Stämme zu nahezu gleichen Teilen an den Unternehmen beteiligt sind. Gerade dieses Konstrukt jedoch birgt viel Sprengstoff, da das Führungsmodell nicht frei gewählt, sondern von der Firmentradition geradezu aufgestülpt wurde und oftmals gegensätzliche Charaktere zwingt, sich auf eine gemeinsame Strategie zu einigen.

Diese Firmen haben sich für Doppelspitzen entschieden:

Deutsche Bank

In der Historie gab es Kaiser und Könige – dass sich Oberhäupter von solchem Rang die Macht geteilt hätten, wäre unvorstellbar gewesen. Ausgerechnet bei dem größten deutschen Finanzinstitut jedoch mussten die obersten Chefs mehrfach mit gleicher Macht ausgestattete Alphatiere an ihrer Seite ertragen. Schon dreimal wurde die Deutsche Bank von einem Führungsduo geleitet.

In den 60er-Jahren machten Karl Klasen und Franz Heinrich Ulrich den Anfang, später regierten Friedrich Wilhelm Christians und Wilfried Guth gemeinsam, gefolgt von einer Doppelehe aus Alfred Herrhausen und Christians. Nach Jahren der Alleinherrschaft des derzeitigen Bankenchefs Josef Ackermann ist es nach heutigem Stand sicher, dass mit Jürgen Fitschen und Anshu Jain künftig ein weiteres Duo an der Spitze der Deutschen Bank stehen wird.

Miele

Als Reinhard Zinkann und Markus Miele im Jahr 2004 gemeinsam die Führung des Hausgerätekonzerns Miele übernahmen, konnten sie sich, was eine geteilte Führungskultur betrifft, ein Beispiel an gleich drei Generationen vor ihnen nehmen. Seitdem Carl Miele und Reinhard Zinkann vor mehr als 100 Jahren zusammen mit elf Mitarbeitern mit der Produktion von Milchzentrifugen starteten, sind Doppelspitzen in dem Gütersloher Unternehmen obligatorisch.

Dass dies bis heute erfolgreich funktioniert, gilt unter Experten als ein kleines Wunder: Aufgrund der emotionalen Verbundenheit der Chefs zur Familientradition bergen Familienunternehmen per se einigen Sprengstoff – und das Ganze wird naturgemäß oft noch komplizierter, wenn, wie bei Miele, gleich zwei Familienstämme mitmischen.

SAP

In der Dax-Riege haben Doppelspitzen Seltenheitswert, beim Walldorfer Softwarekonzern SAP hingegen hat die geteilte Macht bereits eine lange Tradition: Auch Mitunternehmensgründer und der heutige Aufsichtsratschef Hasso Plattner hatte, als er bei dem Walldorfer Konzern noch für das operative Geschäft zuständig war, mehrfach Co-Chefs an seiner Seite.

Nachdem das letzte Zwischenspiel mit einem einzelnen Vorstandschef, Léo Apotheker, bei SAP jüngst für viel Unruhe gesorgt hatte, setzt das Unternehmen inzwischen wieder auf ein Führungsduo – Jim Snabe und Bill McDermott. „Jim und ich sind der Meinung, zwei sind besser als einer“, sagte McDermott. Dadurch, dass sie bei schwierigen Entscheidungen miteinander diskutieren könnten, kämen sie zu besseren Entscheidungen.

Google

Gerade in Gründungszeiten ist es oft hilfreich, Talente zusammenzuwerfen und die Risiken auf mehr als einem Schulterpaar abzulegen – dachten wohl auch die Stanford-Doktoranden Larry Page und Sergey Brin. Mit dem Ziel, eine leistungsfähige Suchmaschine für das Internet zu entwickeln, tüftelten die zwei seit Mitte der 90er-Jahre gemeinsam an einer mathematischen Zauberformel und brachten 1998 die digitale Wunderfirma Google an den Start.

Weil dem technisch genialen Duo die nötige Managementerfahrung fehlte, holten sie sich bald Eric Schmidt als erfahrenen Manager an die Spitze. Vor dem Börsengang 2004 hatte das Trio aus Brin, Page und Schmidt sich noch geschworen, für 20 Jahre zusammenzuarbeiten. Dazu jedoch kam es nicht: Im März übernahm Page die alleinige Führung.

Jung von Matt

Nach 20 Jahren an der Spitze der Werbeagentur Jung von Matt h aben die Kreativen Holger Jung und Jean-Remy von Matt mehr gemeinsame Jahre auf dem Buckel als die meisten Doppelspitzen. De facto sind aber in der Werbebranche geteilte Machtstrukturen weit verbreitet, wie bei den Agenturen Aimaq von Lobenstein und Philipp und Keuntje. „Um eine Agentur zu führen, sind mehr denn je sehr breite Talentkonstellationen nötig“, so von Matt.

Die Branche habe eben viel mit Gefühl zu tun, aber genauso viel mit Kalkül. „Diese Begabungen vereinen sich selten in einer Person.“ Als Erfolgsrezept erachten die Jung-von-Matt-Gründer das Vertrauen, noch wichtiger seien die Unterschiede. „Ich wusste, dass er mich immer überraschen würde, mit Ideen und Konzepten, auf die ich selbst nie gekommen wäre“, sagt Jung über den Partner.

EADS

Die Machtfrage in einem Unternehmen ist naturgemäß immer hochpolitisch. Noch schwieriger wird es, wenn wie bei dem größten europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS d ie Interessen von zwei oder gar drei unterschiedlichen Nationen beachtet werden müssen. Seit das Unternehmen 2000 aus einer Fusion der deutschen Dasa, der französischen Aérospatiale-Matra und der spanischen Casa entstand, hat die Führungsfrage immer wieder höchste Brisanz.

Über Jahre versuchte man, die Machtansprüche Deutschlands und Frankreichs in einer Doppelspitze zu vereinen – von 2004 bis 2007 führte der Deutsche Tom Enders zunächst mit dem Franzosen Noël Forgeard und später mit dessen Landsmann Louis Gallois den Konzern. Ein nachhaltiges Erfolgskonstrukt war es nicht: Heute steht Gallois allein an der Spitze.