High Fidelity

Diese Männer bauen die irrsten Plattenspieler

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Florian Hassel

In deutschen Manufakturen bauen Tüftler und Freaks an opulenten Plattenspielern. Bis zu 140.000 Euro kostet solch ein technisches Wunderwerk. Und die Zahl der Anhänger des Vinyl wächst weiter. Eine totgesagte Branche blüht wieder auf – und bedankt sich dafür bei DJs und der Loveparade.

Der Anruf kam aus Holland. Der Musikriese EMI schließe seine Schallplattenfabrik. Ob die Neumanns einige Maschinen vor dem Schrotthändler retten wollten? Die Neumanns, Besitzer der Schallplattenfabrik Pallas im niedersächsischen Diepholz, schickten umgehend einen Lastwagen nach Holland. Zwar stellte Pallas, 1948 als Werk für Schellackplatten gegründet, längst auch Compact Discs her. "Aber unser Herz hängt an der Schallplatte", sagt Holger Neumann, Firmenchef in dritter Generation. "Wir haben immer auf ihre Wiedergeburt gehofft."

Tatsächlich haben Neumanns Mitarbeiter wieder alle Hände voll zu tun. An diesem Tag presst eine Maschine Platten der US-Sängerin Rickie Lee Jones. Im Lager werden Platten mit einem Strawinsky-Ballett und der Band Portishead verpackt, komplett mit dickem Booklet. 3,5 Millionen Platten hat Pallas 2008 gepresst. Eine Firma in Hongkong will bald auch Fans in Asien mit Pallas-Platten beglücken, ein Neukunde aus den USA bestellte gleich 150.000 Neil-Diamond-Scheiben. "Wenn der Amerikaner noch mehr will, stellen wir die Fertigung wieder auf zwei Schichten um", sagt Neumann.

Nicht nur der Pallas-Chef freut sich über das lange Leben der Schallplatte. Immer noch – oder wieder – stehen mehrere Millionen Plattenspieler in deutschen Haushalten. Seit 2005 werden in Deutschland nach Schätzungen der Gesellschaft für Konsumforschung jedes Jahr über 100.000 neue Plattenspieler verkauft – mit steigender Tendenz.

"Schallplatten klingen gut und bieten eine unerreichte Repertoirevielfalt. Und große Plattencover sind ästhetischer als eine CD-Hülle", sagt der Chefredakteur des Fachmagazins "LP", Holger Barske. "Und für Männer, die an einem Plattenspieler alles verstellen und basteln können, kommt auch der Spieltrieb nicht zu kurz."

Die österreichische Firma Project etwa verkauft im Jahr mittlerweile 50.000 Plattenspieler in 80 Länder – Deutschland ist mit England und den USA der wichtigste Markt. Die meisten Kunden kaufen Einstiegsmodelle ab gut 200 Euro. "Wir haben viele Ältere, die ihre Plattensammlung wiederfinden, aber auch immer mehr 20- bis 25-Jährige, die die Schallplatte für sich entdecken", sagt Firmenchef Heinz Lichtenegger.

Lichtenegger ist der Senkrechtstarter, Jochen Räke der Marathonläufer unter den Plattenspielerherstellern. Mit seiner Transrotor-Manufaktur in Bergisch Gladbach bei Köln mischt der 68 Jahre alte Räke seit 1971 auf dem Analogmarkt mit. Von 2006 bis 2008, sagt Räke, "haben wir unseren Umsatz verdoppelt – vor allem durch Export".

In fast vier Jahrzehnten hat Räke an manch prominenten Kunden verkauft. "Seewolf"-Darsteller Raimund Harmstorf bestellte ein Spezialmodell aus Glas – und ließ es von Räke im Spiegelsaal eines Schlosses aufstellen, das der Schauspieler auf dem Höhepunkt seines Ruhms bei München mietete. Einem italienischen Industriellen zeichnete Räke den Plan für eine Sonderanfertigung in dessen Luxemburger Schloss auf; das über 200 Kilo schwere Resultat präsentierte Räke in einem Stadtpalais des Industriellen in Alba.

Ein Kaufmann aus Hongkong blieb bei einem Erdbeben extra im 40. Stock eines Hochhauses und prüfte bei fortgesetzter Musik, ob Räkes mit einem kardanischen Lager versehener Plattenspieler Maria Callas selbst bei Bodenschwankungen jaulfrei zu Gehör brachte. Der Test verlief erfolgreich.

Gerade hat Räke sein neues Spitzenmodell fertiggestellt: eine aus vollem Aluminium gefräste, auf den Namen Argos hörende Skulptur von einem Plattenspieler, die über ein rotierendes Magnetfeld berührungsfrei angetrieben wird. Preis: 139.000 Euro, ohne Tonarm und Nadel. Bevor der Plattenspieler an den Käufer in Taiwan verschickt wird, sitzt Räke nun abends wieder oft im Dachstuhl seines Hauses und hört Musik. "Wenn ich Jascha Heifetz mit Mendelssohns Violinkonzert auflege, steht er lebendig vor mir", schwärmt Räke vom Klang der schwarzen Scheibe.

Das technische Rüstzeug lernte Räke als Maschinenbauingenieur und Funkoffizier. Der junge Räke baute Radios und Verstärker, vertrieb englische Plattenspieler - und baute schließlich selbst. Heute beschäftigt Räke nur für das Polieren vorgefertigter Metallteile zwei Mitarbeiter. Die Anregung für die kardanische Lagerung seiner Spitzenmodelle holte sich Räke im Deutschen Museum in München beim Studium alter Schiffskompasse.

Auch Thomas Woschnik aus Herne im Ruhrgebiet ist ein perfektionistischer Tüftler, der Plattenspieler baut, "um herauszufinden, was möglich ist". Fertigungstoleranzen von mehr als einem Hundertstelmillimeter hält er "nicht für akzeptabel". Elf Jahre experimentierte der Elektromeister und Dozent für Elektronik, um ein in seinen Augen ideales, also schwingungsfreies und dämpfendes Material zum Plattenspielerbau zu bekommen. Woschniks Lösung: eine geänderte Rezeptur des technischen Kunststoffes Polyoxymethylen. Das Resultat, einen fast 60 Kilo schweren Plattenspieler, stellte der frühere Leistungsschwimmer 2004 bei einem Treffen von Plattenfans in Düsseldorf vor. Fünf Jahre später verkauft Woschnik seine TW-Akustik-Plattenspieler in 27 Länder.

Dass die Schallplatte sich zäh ans Überleben klammern würde, glaubten nach der Einführung der Compact Disc 1982 nur wenige. Jochen Räke überlegte zweimal, die Plattenspielerproduktion an den Nagel zu hängen: 1983, als kaum jemand noch Plattenspieler wollte, und bei einer Durststrecke 1996. "Damals kam ich von der wichtigsten Messe nach Hause, ohne einen einzigen Plattenspieler verkauft zu haben."

Warum hat die Schallplatte alle Tiefs überlebt? "Die DJs, die in den Diskotheken Platten weiter zum Scratchen verwendeten, haben die Sache am Laufen gehalten", sagt Räke. Pallas-Chef Holger Neumann stimmt zu. "Ich danke immer noch den Organisatoren der Love-Parade in Berlin, wo die DJs ihre Plattenspieler auf Lastwagen aufbauten." Noch heute machen für Pallas DJ-Platten 60 Prozent aller Aufträge aus. "Doch die restlichen 40 Prozent werden immer stärker: Aufträge von großen Plattenfirmen und kleinen Speziallabeln."

Für Transrotor-Chef Räke sind Plattenspieler auch Teil eines verbreiteten Nostalgietrends. "Plattenspieler faszinieren mechanisch, wie alte Uhren oder Modelleisenbahnen." Und sie dienen gar als coole Kultobjekte. Ulla Scheu aus Solingen, deren Firma Scheu-Analog Plattenspieler aus Acryl und Schiefer baut, produzierte als Messegag einen Plattenspieler in Pink. Mittlerweile hat es das Modell Lady Diamond selbst in die russische "Vogue" und in ein Frauenmagazin in Vietnam geschafft. Es "verkauft sich überraschend gut".

Gewiss spielen Plattenspieler und Platten nur eine Nebenrolle - auch für die Musikindustrie. Die knapp eine Million verkauften Schallplatten, die der Bundesverband Musikindustrie 2008 in Deutschland registrierte, machen gerade ein Prozent des Umsatzes aus. "Schallplatten sind für uns ein Nischenmarkt", sagt Sebastian Hornik von Sony Music in München. "Wir veröffentlichen immer noch Platten, um unsere Künstler zu ehren und den Fans ein besonderes Angebot zu machen." Doch "LP"-Chefredakteur Barske hält die Verkaufszahlen der Musikindustrie für irreführend. "Tatsächlich werden in Deutschland jedes Jahr Zigmillionen Schallplatten verkauft - allerdings gebraucht."

Allein in Deutschlands Großstädten handeln Dutzende Geschäfte mit gebrauchten Platten. Von Juni bis Dezember 2009 sind 28 Schallplattenbörsen geplant - meist in großen Sälen wie der Frankfurter Festhalle. Zur größten Börse, der im holländischen Utrecht stattfindenden Mega Record and CD Fair, kamen 2008 rund 500 Händler und 66 000 Besucher. "Als wir 1992 anfingen, wurden zur Hälfte CDs verkauft, zur Hälfte Schallplatten", sagt Messeorganisator Cas Bosland. "Heute sind es zu 80 Prozent Schallplatten. Die Leute wollen wieder das Original."

Wohlhabende Käufer gebrauchter Platten landen oft bei Günther Hannl aus Remscheid in der Nähe von Wuppertal. Hannl verkauft Schallplattenwaschmaschinen, und wer sich nun wundert, was es nicht alles gibt, dem geht es genau wie Günther Hannl. Gut zehn Jahre ist es her, dass ein Kunde den Kfz-Meister, der damals Hochdruckreiniger vertrieb, nach einer Saugturbine fragte. "Für welchen Staubsauger?", fragte Hannl. Die Antwort: "Nicht für einen Staubsauger. Für eine Schallplattenwaschmaschine." Hannl war perplex. Und erfuhr, dass ein Händler in der Nähe von Wien Waschmaschinen für gebrauchte Schallplatten anbot. Eine Tatsache, die Hannl heute selbstverständlich findet. "Auf Scheiben vom Flohmarkt ist alles - von Staub bis zu Bier und Nikotin. Entsprechend klingt's dann auch."

Handwerker Hannl nahm sich der Sache an und baute bald eigene Maschinen: aus Acryl, mit leisem Motor, stufenloser Saugkraftregelung und neuerdings rotierender Rundbürste. Eine Chemiefirma rührte für Hannl eine eigene Reinigungsflüssigkeit an. Ihre Wirkung auf Schmutz in der Plattenrille testete Hannl in einem Labor für Materialprüfung unter dem Mikroskop. Erst nach drei Rezeptänderungen wurde die Rille porentief rein. Hannl verkauft seine Maschinen in alle Welt - in buntem Acryl, in Holzmaserung oder mit 24 Karat vergoldet, wie neulich für einen Kunden in Moskau. "Andere Leute spielen mit Modellflugzeugen – viele unserer Kunden spielen gern mit unseren Maschinen", sagt Hannl.

Das sieht Frank Schröder ähnlich. Neben den Regalen mit 10.000 Schallplatten, Hunderten Büchern, alten Lautsprechern und mechanischen Uhren hat Schröder in seiner Berliner Altbauwohnung einen mit Lupen, Feinmessern und anderem Gerät an den Arbeitsplatz eines Uhrmachermeisters erinnernden Tisch aufgestellt. Hier baut er Tonarme für Plattenspieler. Die gehören nach Meinung beinharter Fans zu den besten der Welt. Das Besondere ist nicht nur das Material: Edelhölzer wie Ebenholz, Schlangenholz oder Palisander. Dazu kommt eine Magnetlager-Fadenlagerung, für die sich Uhrennarr Schröder von Fadenlagern mechanischer Standuhren aus dem 17. und 18. Jahrhundert inspirieren ließ.

Seit der Berliner seinen Arm 2000 vorstellte, bekommt er Aufträge aus aller Welt. Reich wird Schröder trotz Preisen zwischen 1700 und 5600 Euro pro Arm nicht: Am billigsten Modell arbeitet er 25 Stunden, für das teuerste und aufwendigste braucht er 70 Stunden. Wer heute einen Arm bestellt, bekommt ihn erst in gut einem Jahr. Selten sagt ein Kunde eine Bestellung ab – wie neulich der US-Banker, der erst den Job als Vorstand verlor, dann das Zwölf-Millionen-Dollar-Haus und schließlich die Ehefrau.

Feilt Schröder nicht gerade an einem neuen Arm, geht er ins Konzert. Sein Tipp: Dirigentenprüfungen der Berliner Musikhochschulen. "Da spielen die Berliner Philharmoniker - Eintritt kostenlos." Schröders wichtigster Rat an Plattenfans: öfter ins Konzert zu gehen. "Daran kommt kein Plattenspieler der Welt heran. Nicht einmal mit meinem Arm."